Kamele I

Systematik / Altweltkamele

Wir Menschen neigen ja dazu Tieren spezielle menschliche Eigenschaften anzudichten und im Falle des Kamels, uns sogar untereinander mit Kamel zu beschimpfen. Schande über uns! Selbst Alfred Brehm, der es eigentlich besser wissen musste, hatte sie als stumpfsinnig, störrisch, dumm gleichgültig und feige beschrieben. Aber vielleicht war das Verhalten der Tiere eine Reaktion auf die schlechte Behandlung durch Treiber und Reiter? In arabischen und asiatischen Ländern steht das Kamel für Ausdauer, Zähigkeit und Schnelligkeit. Nicht die schlechtesten Eigenschaften. Auch das Lama hat seinen Ruf weg, wenn wir Menschen so bezeichnen (wobei mir hier ein h fehlen würde 😊). Die südamerikanischen Bauern werden die Bedächtigkeit und Trittsicherheit und Ausdauer der Tiere jedoch schätzen. Aber dazu später mehr.

Werfen wir zunächst einmal einen Blick in die zoologische Systematik. Kamele gehören der Ordnung „Paarhufer“ an. Charakteristisch für diese Ordnung ist die Anzahl der Zehen, eben 2 oder 4. Im Gegensatz zu Pferden oder Esel, die als „Unpaarhufer“ auf einer ungeraden Anzahl Zehen laufen. Ausschließlich Kamele werden in einer Unterordnung „Schwielensohler“ eingeordnet, da bei ihnen die Zehen auf einem elastischen Polster aus Bindegewebe ruhen, das eine breite Sohlenfläche bildet. Die folgende Gruppe ist Familie mit dem Oberbegriff „Kamele“. Es werden „Altweltkamele“ und „Neuweltkamele“ unterschieden. Das Tableau endet bei den Altweltkamelen mit drei Arten – Dromedar / Trampeltier/ Wildkamel und bei den Neuweltkamelen in vier Arten mit Guanako/Lama und Vikunja/Alpaka. Trampeltiere werden auch Baktrische Kamele genannt.

Wie so oft gibt es über diese Tiere so viel zu erzählen und Wissenswertes, dass ich daraus zwei Beiträge machen musste. Wir beginnen mit dem

Altweltkamel

Während beim Dromedar keine Wildform mehr existiert, (man geht davon aus, dass diese zum Beginn unserer Zeitrechnung ausgestorben war) gibt es noch eine kleine Anzahl von zweihöckrigen Wildkamelen. Etwa 1000 Exemplare leben verteilt in Schutzgebieten in China und im großen Gobi Schutzgebiet A in der Mongolei. Und wer meinen Beitrag über die Przewalski-Pferde gelesen hat, dem wird dieses Gebiet etwas sagen, denn es ist auch Auswilderungsgebiet für eben diese Pferde, die aus verschieden Zoos in Europa und USA dorthin gebracht werden. Auch der Name des russischen Forschers Nikolai Prschewalski begegnet uns nun wieder, war er doch der erste, der die Wildkamele im Gebiet von Lop Nor* beschrieben und einige Felle nach St. Petersburg gebracht hat. Das folgende Bild, das ich aus Wiki Commons entnommen habe, zeigt eine Herde Wildkamele in der Mongolei. Wildkamele sind gut von der domestizierten Form zu unterscheiden. Sie haben kleine spitze Höcker und einen flachen Schädel und sind etwas kleiner als die Hauskamele. Ihr Haarkleid ist sandfarben und so perfekt ihrem Lebensraum angepasst.

Benutzer:Doron (GFDL <http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html&gt; or org/licenses/by-sa/3.0/CC BY-SA 3.0 <http://creativecommons.&gt;), via Wikimedia Commons
Baktrische Kamele an den Sanddünen von Khongoryn Els, Nationalpark Gobi Gurvansaikhan, Provinz Ömnögovi, Mongolei.


Die Stammesgeschichte der Schwielensohler beginnt vor etwa 40 – 50 Mio. Jahren im mittleren Eozän mit einem etwa hasengroßen Tier in Nordamerika das Poebrodon genannt wird. In den nachfolgenden Epochen des Miozän und Pliozän bildeten sich etwa 20 verschiedene Gattungen daraus, deren Vorkommen sich ausschließlich auf den amerikanischen Kontinent zwischen Honduras und Kanada (Ellesmere Island) beschränkte. Die ersten Vertreter hatten noch keine Höcker. Es entstanden verschiedene Formen von Kamelen, die sich vor etwa 16,3 Mio. Jahren in die Stämme der Groß- und Kleinkamele trennten. Im späten Miozän vor etwa 7,5 – 6,5 Mio. Jahren wanderten Großkamele über die Bering-Landbrücke in Richtung Eurasien. Darunter auch Megacamelus mit einer Höhe von etwa 3,75 m und einem geschätzten Gewicht von bis zu 3000 kg waren sie wahre Giganten. Paracamelus gelten als direkte Vorfahren der heutigen Kamele. Ihre Fossilien und die ihrer Verwandten Arten wurden überwiegend in Asien, auf der arabischen Halbinsel aber auch in Europa gefunden. Forschende der Veterinärmedizinischen Universität Wien stellten durch Gensequenzierung fest, dass sich die Wildkamele vor etwa 700.000 Jahren von den Trampeltieren getrennt hatten und so eine neue Art entstanden war.

Mit dem Auftreten des Menschen in Nordamerika vor 11400 – 10000 Jahren verschwanden 17 Gattungen der dort lebenden eiszeitlichen Megafauna. Hauptsächlich Tiere die über 45 kg wogen, u.a. alle Mastodons und Mammuts, Säbelzahnkatzen, Riesenfaultiere und alle Kamele. Das nährte Überlegungen einer „Overkill-Hypothese“ durch menschliche Einflüsse. Allerdings werden auch Klimaveränderungen für das Aussterben in so kurzer Zeit mitverantwortlich gemacht.

Dromedare und Trampeltiere eroberten also von Osten kommend ihre neuen Lebensräume. Verwunderlich allerdings, dass beide Arten in eigentlich sehr lebensfeindlichen Gegenden unserer Erde Heimat fanden. Vielleicht war die Bedrohung durch Fressfeinde dort nicht so groß. Auf alle Fälle konnten Sie ihre Überlebensstrategien hier perfekt entwickeln. Dromedare leben in einem Wüstengürtel, der von Mauretanien bis Indien reicht. Sie bevorzugen also trockenes, heißes Klima. Trampeltiere hingegen finden wir in Zentralasien, der Mongolei und in China. Sie leben im Grasland, in Halbwüsten und winterkalten Wüsten mit extremen Temperaturschwankungen. Die Verbreitung überlappt in Kasachstan. Dass Altweltkamele heute in vielen Gegenden der Welt vorkommen hat natürlich mit menschlichem Einfluss zu tun. So verschiffte Carl Hagenbeck ab 1905 etwa 2000 Dromedare von Ostafrika nach Namibia zur Unterstützung der dortigen deutschen „Schutztruppen“. Die Tiere hatten jedoch zum Glück auf den Genozid an den Herero und Nama keinen Einfluss. Ihre Nachkommen leben aber noch heute dort. 1840 kam das erste Dromedar nach Australien. Die Engländer wollten mit ihrer Hilfe das trockene Hinterland erkunden und es waren Kamelkarawanen, die das Material für den Bau von Straßen und Eisenbahnstrecken transportierten. Da man aber in Australien (wie übrigens auch in Namibia) keinerlei Erfahrungen mit den Tieren hatte, holte man auch Kamelführer aus Indien und Afghanistan**. Mit dem Bau von Eisenbahn und anderen motorisierten Fortbewegungsmitteln wurden die Kamele überflüssig und freigelassen. Sie vermehrten sich mangels natürlicher Feinde prächtig. Bis es den Farmern zu viel wurde und man sie zum Abschuss freigab. Heutige Schätzungen gehen von etwa 400.000 Tieren aus. Weltweit soll es etwa 40 Mio. Dromedare und 1 Mio. Trampeltiere geben. Wildkamele hingegen gehören zu den gefährdetsten Säugetieren auf unserem Planeten und selbst strenge Schutzmaßnahmen werden ihr Verschwinden vielleicht nicht mehr aufhalten.

Dromedare mit Jungtier im Zoo Landau


Wie schaffen es Kamele bei solch widrigen Verhältnisse zu überleben und ihre Dienste auch noch für den Menschen nutzbar zu machen? Kamele verfügen über einen ausgeklügelten Wasserhaushalt im Körper, der es ihnen erlaubt sehr sparsam mit dem kostbaren Gut umzugehen. Zunächst einmal bleibt ihr Blut auch bei hoher Verdunstung dünnflüssig. Bei uns Menschen wird das Blut bei großer Hitze und der damit verbundenen Verdunstung immer dicker, läuft nicht mehr durch die Blutbahnen es kommt zum Hitzschlag. Die menschliche Körpertemperatur ist auf 36° C festgelegt. Übersteigen die Temperaturen diesen Wert, fangen wir an zu schwitzen um diese Temperatur zu halten. Bei Trampeltieren und Dromedaren kann die Körpertemperatur jedoch um bis zu 6° schwanken, mit dem Resultat, dass sie erst viel später anfangen zu schwitzen. Die Höcker sind Fettspeicher und da Fett Wärme schlecht leitet schützen sie den Körper vor Überhitzung durch übermäßige Sonneneinstrahlung. Wildkamel sind sogar in der Lage salzhaltige Pflanzen zu fressen und aus Salztümpeln zu trinken.
Ein weiteres Phänomen ist die Aufnahme von Wasser. Wir Menschen gleichen den Verlust an Wasser nur aus, in dem wir über mehrere Stunden verteilt trinken und evtl. sogar essen müssen. Kamele haben ovale rote Blutkörperchen (unsere sind rund). Sie versetzen die Tiere in die Lage in etwa 10 Minuten 135 l Wasser zu trinken.

*Lop Nor (Lop Nur) – bezeichnet einerseits eine Wüste andererseits einen heute ausgetrockneten See.  Die Sand- (im Westen) und Salzwüste (im Osten) liegt im östlichen Teil des Tarimbeckens im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang. Der Lop Nor See liegt an der tiefsten Stelle des Tarimbeckens und war einer der  größten Binnen-Salzseen der Erde. Über das gesamte Gebiet finden wir in Wikipedia folgenden Eintrag:

Geschichte & Wandel

  • Die Austrocknung: Ursprünglich war Lop Nor (uighurisch für „großer See“) das tiefste Becken der Region. Durch den Bau von Staudämmen und die Nutzung des Zuflusses (Tarim-Fluss) für die Landwirtschaft trocknete der See 1972 vollständig aus.
  • Archäologie: Am Ufer des Sees lag einst die legendäre antike Oasenstadt Loulan. Sie war ein Knotenpunkt der Seidenstraße und blühte, bis der See vor über 1.500 Jahren das erste Mal schrumpfte.

Das chinesische Kernwaffentestgelände

  • Die Region um Lop Nor ist eines der historisch wichtigsten Atomtestgebiete der Welt.
  • Zwischen 1964 und 1996 wurden dort insgesamt 45 ober- und unterirdische Atomtests (darunter die ersten Wasserstoffbomben des Landes) durchgeführt.
  • Seit dem Stopp der Testprogramme 1996 ist das Gebiet als militärisches Sperrgebiet deklariert.

Wirtschaft & Naturschutz

  • Rohstoffabbau: In der kargen Salzwüste betreibt China heute massiven industriellen Bergbau. Die Region ist eine der weltweit größten Quellen für Kalisalz.
  • Naturreservat: Seit 1999 existiert in dem Gebiet das Lop Nor Wild Camel National Nature Reserve. Es wurde eingerichtet, um die extrem seltenen und vom Aussterben bedrohten Wildkamele zu schützen, die in dieser unwirtlichen Landschaft überleben.

**Ghan – The Afghan Express wird der Zug genannt, der heute von Darwin nach Adelaide verkehrt. Der Name ist eine Erinnerung an die Kamelführer aus Afghanistan aber auch British-Indien, die man alle „Afghans“ nannte.

Für uns Besserwisser: Baktrisches Kamel – Baktrien ist der historische Name eines Gebietes, das im Norden des heutigen Afghanistans und im Süden der zentralasiatischen Staaten lag. Es wird auch Tor zur Seidenstraße genannt Der schwedische Naturforscher und Begründer der modernen zoologischen Taxonomie Carl von Linné vergab 1758 den wissenschaftlichen Namen „Camelus bactrianus“ für die (domestizierten)  Trampeltiere, deren Herkunft er in Baktrien verortete. Nikolai M. Prschewalski nannte die von ihm entdeckten Wildkamele „Camelus ferus“.

Trampeltiere in den Zoos von Köln, Opel-Zoo Kronberg, in der Wilhelma, Heidelberg und Frankfurt. Beitragsbild Zoo Krefeld

Außer der Internet-Recherche zu beiden Beiträgen waren mir folgende Bücher eine große Hilfe:

Grzimeks Tierleben, Säugetiere 4
Auf dem Rücken der Kamele, Weltmuseum Wien
Auf den Spuren der letzten wilden Kamele, John Hare

Kamel II

Neuweltkamele / Domestikation und Bedeutung der Kamele für die Menschen.

In dieser Fortsetzung zum Beitrag „Kamele“ geht es nun um die höckerlosen Kleinkamele der Neuen Welt. Außerdem betrachte ich die  Bedeutung für die Menschen die Kamele domestiziert und nach ihren Wünschen gezüchtet haben bzw. das immer noch tun.

Falls ich euch mit der Systematik der Neuweltkamele etwas verwirrt habe, hier noch einmal zur Klarstellung: Es gibt zwei Wildformen und zwei daraus domestizierte Arten. Die wildlebenden Stammformen sind Vikunjas und Guanakos, die daraus hervorgegangenen Hausformen sind Alpakas und Lamas. Ihre höckerlosen Vorgänger eroberten von Mittel- und Nordamerika über den Isthmus von Panama den Westen und Süden des südamerikanischen Kontinents.

Guanakos im Opel-Zoo und Zoo Leipzig


Das Verbreitungsgebiet der Guanakos sind die Anden von Peru, Bolivien und Chile bis etwa 4000 m Höhe sowie Patagonien. Ihr Lebensraum ist das Grasland, die Steppen und Halbwüsten sowie Hochebenen wie das Altiplano. Hier finden sie ihre Nahrung, die aus Gräsern, Kräutern und Moosen besteht. An Hitze und Kälte sind sie genau wie Vikunjas bestens angepasst. Vikunjas sind echte Gebirgstiere, die sich in Höhen von 3500 bis zu 5000 m besonders wohlfühlen. Man findet sie deshalb in den sogenannten Hochanden von Ecuador, Bolivien, Peru Argentinien und Chile. Alpakas werden in Peru (4 Mio.) und Bolivien (450.000) gehalten, Lamas in Bolivien (2 Mio.) und Peru (750.000). Die unterschiedlichen Bestände sind auf Ansprüche der Tiere an ihren Lebensraum zurückzuführen. Das bolivianische andine Hochplateau ist trocken und somit für Lamas besser geeignet.

Vikunjas im Zoo Frankfurt, Wilhelma und Hellabrunn


Die vier Arten lassen sich recht gut unterscheiden. Guanakos und Lamas sind die größeren der vier Arten mit langen Beinen und einem eher kleinen Kopf auf einem langen Hals. Vikunjas sind kleiner und zierlicher, haben aber auch einen langen Hals. Angepasst an die extremen Temperaturen in ihrem Lebensraum ist ihr Fell wollig, weich und sehr fein.  Alpakas sind unwesentlich kleiner als Lamas mit einem ähnlichen Körperbau. Da sie zur Wollerzeugung gezüchtet wurden, tragen sie ein dichtes Haarkleid, das sie sehr kompakt wirken lässt. Wie bei den Großkamelen haben auch die wilden Vertreter der Kleinkamele einheitliche Fellfarben. Während die Oberseite zimtfarben, rotbraun (Vikunja) oder hellbraun (Guanako) ist, sind die Tiere auf der Unterseite weiß gefärbt. Bei Lamas und Alpakas finden sich verschiedene Farbschläge bzw. auch gefleckte Tiere.

Lamas und Alpakas spuken. Normalerweise trifft dies Artgenossen, um z.B. die Rangfolge zu klären oder weibliche Tiere spuken um aufdringliche Männchen von einer Paarung abzuhalten. Da es sich dabei um Magensäfte handelt und sie sehr treffsicher sind, sollte man darauf achten, die Tiere niemals zu provozieren. Bei angelegten Ohren und aufgestelltem Schwanz ist Vorsicht geboten.

Domestizierte Kameliden

Hunde, Pferde, Kamele und unsere übrigen Haustiere – was wäre die Menschheit ohne sie? Haustiere haben unseren Vorfahren ermöglicht ein sesshaftes Leben zu führen, effektiv zu jagen, den Boden zu bestellen, Waren und Menschen über weite Strecken zu transportieren aber auch Tod und Vernichtung über andere Völker zu bringen. Groß- und Kleinkamele haben hierbei meiner Meinung nach einen besonderen Status unter den Haustieren. Mit ihren Fähigkeiten haben sie es Menschen erst ermöglicht in unwirtlichen Gegenden dieser Welt zu (über-) leben.

Von wem die Annährung ausgegangen ist weiß man nicht genau. Haben die Tiere die Nähe des Menschen gesucht oder umgekehrt. Der erste Schritt einer Domestikation ist immer, die Angst vor seinem Gegenüber zu verlieren. Es folgt der lange Prozess einer wechselseitigen Annährung, die letztendlich zur Zahmheit der Tiere führt. Veränderungen in Gestalt und Anatomie sowie bei Stoffwechsel, Wachstum und Fortpflanzung gehen mit dem Übergang vom Wildtier zum Haustier einher. *

Für die Menschen bedeutete es zunächst, Verantwortung und Sorge für ihre neuen Hausgenossen zu übernehmen. Durch Zucht und Selektion konnte im Verlauf der Zeit der Nutzen gesteigert werden, was die Haustiere immer wertvoller für ihre Besitzer machte.

Die Domestikation der Dromedare begann vor etwa 3000 – 4000 Jahren an der Südküste der Arabischen Halbinsel, die der Trampeltiere (Baktrische Kamele – siehe Kamele I) vielleicht in der historischen Region Baktrien (im Nordosten des Iran) vor 5000 – 6000 Jahren. Bei den Kleinkamelen in Südamerika untermauern archäologische Ausgrabungen einem Zeitraum vor 6000 – 7000 Jahren.

Eine besondere Gefahr birgt allerdings die Hybridisierung, also das Einkreuzen von Wildtieren bei Haustieren, um die Robustheit oder Ausdauer der Haustiere zu steigern. Insbesondere sind dadurch die Wildbestände von Przewalski-Pferden und Kamelen gefährdet. Sie teilen sich den Lebensraum mit ihren domestizierten Verwandten und durch das Einkreuzen geht der Genpool der Wildform verloren, was letztendlich zum Aussterben der wildlebenden Pferde und Kamele führen würde. 

Lamas im Zolli Basel


Die Bedeutung für die Menschen

Ursprünglich nutzten die Kamelhirtenvölker ihre Tiere in unterschiedlicher Weise entsprechend ihrer Kultur und der Traditionen. Arabische Beduinen verwerteten praktisch alles was ein Kamel liefern konnte, Milch, Fleisch, Wolle, Leder oder Dung. Außerdem leisteten die Dromedare wertvolle Dienste beim Transport von Waren oder als Reittiere. Andere Ethnien, wie die Somalier am Horn von Afrika, nutzen ihre Tiere fast ausschließlich als Milchlieferanten. Bei den Raika, einer Hindu-Kaste in Rajasthan, war es undenkbar, ein Kamel zu schlachten oder die Milch zu verkaufen. Lamas dienten ihren Besitzern als Transporttier und Fleischquelle, während Alpakas zur Wollproduktion gehalten wurden und werden. Bei allen Hirtenvölkern waren die Tiere nicht nur hochgeschätzt, sondern hatten fast den Status eines Familienmitglieds, ein Zeichen der Abhängigkeit von den Haustieren.

Heute treten Traditionen und Kultur in den Hintergrund, Optimierung ist das Zauberwort. Es wird gekreuzt was das Zeug hält, um Woll-, Fleisch- und Milcherträge zu steigern. So sind in Ostafrika große Molkereien und Schlachtereien entstanden, um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Größter Kamelmilchproduzent ist jedoch Kasachstan, dessen Trockenmilch in China reißenden Absatz findet. Da in den arabischen Ländern die Dromedare als Transportmittel zunehmend an Bedeutung verloren haben, werden die Tiere für den Rennsport gezüchtet und trainiert. Dafür ist in den Ölstaaten eine regelrechte Industrie entstanden.

In Südamerika geraten die Halter von Alpakas und Lamas zunehmend unter Druck, da es immer schwieriger wird, die Vorgaben aus USA oder Europa an die Haltung, Ernährung und Qualität der Wolle zu erfüllen. In der Folge bleibt für die Hirtenfamilien immer weniger Ertrag, da sie auf die internationalen Marktpreise keinen Einfluss haben.

Nachdem man in Australien jahrelang die wild lebenden Dromedare abgeschossen hat, werden sie in der Zwischenzeit „geerntet“, um Fleisch und Milch zu gewinnen. In Europa und USA werden Alpakas und Lamas vielfach als Therapietiere eingesetzt, eine Art der Nutzung welche den natürlichen Sanftmut der Tiere nutzt.

Alpakas im Tierpark Schwarzach, Zoo Frankfurt und Karlsruhe


Für uns Besserwisser: „domestizierte Kameliden“ diese Bezeichnung umfasst Dromedare, Trampeltiere, Alpakas und Lamas, also nicht deren wilde Verwandte, Wildkamele, Vikunjas und Guanakos.

*Domestikationssyndrom – So werden Veränderungen im Verhalten und im Aussehen bei Tieren genannt, die in menschlicher Abhängigkeit leben. Das betrifft z.B. Zahmheit gegenüber Menschen, Fellfarben, Größe und ein kleineres Gehirn.
Während ich dies schreibe kommt mir ein Gedanke. Sind wir Menschen nicht auch domestiziert und sind wir nicht auch auf dem Weg zu einer Abhängigkeit z.B. von Social Media und KI … Es ist nur so ein Gedanke liebe Leserinnen und Leser.

Bongo

Schon einmal von Bongos gehört? Aber klar, die kleinen Trommeln, die die kubanische Musik begleiten. Und die Antilope? Welche Antilope?

So oder so ähnlich ginge es vielleicht vielen, wenn sie auf Bongos angesprochen würden. Ein guter Grund diese wunderschöne afrikanische Antilope hier vorzustellen.

Der italienische Afrikaforscher Attilio Gatti war der erste Europäer, dem es gelang, auf einer seiner zahlreichen Expeditionen ein Jungtier zu fangen. Gatti zog es mit der Milchflasche groß und studierte sein Verhalten. Er reiste ab 1922 insgesamt 13 mal nach Afrika. Seine Erlebnisse schildert er in vielen Büchern u.a. „TOM-TOM* der Urwald ruft“, das eine Welt beschreibt, die heute nicht mehr existiert. Wer die Bongos entdeckt hat ist mir nicht bekannt, allerdings beschrieb der irische Naturforscher William Ogilby 1837 erstmals die Art.

Bongos leben in kalten Regenwäldern mit dichtem Unterholz, bevorzugt Bambusdickichte. Ihr Verbreitungsgebiet ist dreigeteilt. Die Populationen verteilen sich auf Westafrika (Sierra Leone bis Benin), Zentralafrika (Osten Kamerun bis Südsudan und DR Kongo) und Ostafrika (ursprünglich Uganda und Kenia). Man unterscheidet daher zwei Unterarten, den Westlichen- und Östlichen Bongo, der auch Bergbongo genannt wird. Während die westliche Art im Tiefland zu finden ist, bevorzugt die östliche Unterart bewaldete Gebiete bis in 3500 m Höhe. (Aberdare-Berge, Mount Kenya, Mau Forest und Eburu Forest).

Wie alle scheuen Waldbewohner gelten auch Bongos als geheimnisvoll und so ranken sich zahlreiche Geschichten um sie. Die Pygmäen im Kongo glaubten an merkwürdige Eigenschaften und erzählten von Zauberkräften der Bongos. Sie sollen sich mit den Hörnern in die Bäume hängen können und sich dann unvermutet auf die darunter pirschenden Jäger fallen lassen oder sie würden giftige Pflanzen fressen um ihr Fleisch ungenießbar zu machen und sie könnten, wenn sie verfolgt würden, komplett im Wasser untertauchen und dort lange ausharren.

Bongos gehören in der Systematik** der Biologie einem Taxon (einer Einheit) an, deren Zugehörigkeit von gemeinsamen Kriterien bestimmt wird – in unserem Fall die Hörner. Das Taxon nennt sich Stirnwaffenträger und die untergeordnete Familie Hornträger. Über die nähere Verwandtschaft war sich die Wissenschaft – wie so oft – lange Zeit nicht einig. Kudu, Nyala, und Sitatunga waren zunächst die erste Wahl, da ihre Hörner alle gedreht sind und sie äußerliche Ähnlichkeiten aufweisen. Allerdings tragen bei den Bongos Männchen und Weibchen Hörner, da dies bei Elenantilopen auch so ist, bilden sie nun eine gemeinsame Gattung. Am Ende des Beitrags findet ihr die Bilder verschiedener Antilopenarten.

*Lautmalerei für Buschtrommeln **Siehe meine Beiträge System im Tierreich I + II
Um die jeweilige Bildergalerie großformatig zu sehen, bitte auf das erste Bild klicken und blättern

Auffällige Kennzeichen sind nicht nur die langen, spiralförmigen Hörner, sondern auch 9-16 weiße Rumpfquerstreifen. Zusammen mit der rotbraunen Fellfarbe ist das die perfekte Tarnung im Busch. Gerade bei den großen Antilopenarten mit ihren durchaus gefährlich aussehenden Hörnern könnte man vermuten, dass diese Tiere besonders angriffslustig und wehrhaft gegen ihre Fressfeinde sind. Die meisten Antilopen sind jedoch Fluchttiere und auch bei Bongos werden die Hörner eher bei Auseinandersetzungen mit Artgenossen eingesetzt. Allerdings wurde auch beobachtet, dass Bongos mit Hilfe der Hörner Büsche aus der Erde hebeln oder sich auf die Hinterbeine stellen können, um mit Hilfe der Hörner an Blätter oder Früchte zu gelangen. Vielleicht ist die Geschichte der Pygmäen ja doch nicht nur eine Fabel?

Bongobullen sind Einzelgänger, die Kühe leben in kleinen Gruppen mit ihrem Nachwuchs zusammen. Sie sind in der Dämmerung und in der Nacht am aktivsten. Bongokühe bringen nach durchschnittlich 285 Tagen ein einzelnes Kalb zur Welt. Zur Geburt sondern sie sich von ihrer Gruppe ab. Die Jungtiere sind Ablieger, sie kauern sich ins Unterholz und die Mutter kommt nur zum säugen. Da die Kleinen noch keinen Eigengeruch haben, wird so verhindert, dass Fressfeine die Mutter wittern und auf das Kalb stossen. In der Wildnis werden die Tiere etwa 15 Jahre alt, in Zoos 3-6 Jahre älter.

Während die Westlichen Bongos von der IUCN als gefährdet eingestuft werden, haben die Bergbongos den Status „von der Ausrottung bedroht“. Man schätzt den Bestand der Unterart in Kenia auf nur noch 80 – 100 Tiere und in Uganda ist die Art ausgestorben. Somit leben in den Zoos weltweit mehr Tiere als in ihrem angestammten Lebensraum.

Bereits in den 70er Jahren war es für die kenianische Regierung klar, dass der zurückgehende Bestand (damals etwa 500) schon in naher Zukunft ausgelöscht sein würde. Man verschickte also 36 Bergbongos in die USA verteilt auf Zoos und spezialisierte Wildtierhaltungen, mit der Aufgabe eine Reservepopulation aufzubauen.

Im Februar 2025 war es dann soweit, 17 Bongos reisten von Florida in ihre ursprüngliche Heimat Kenia. Es war wohl ein gigantischer Kraftakt aller beteiligten Akteure u.a. der Schweizer Erlenmeyer-Stiftung in Verbindung mit dem Zoo Zürich und deren Partnern vor Ort der Lewa Wildlife Conservancy. Nun ist es klar, dass man Tiere aus Menschenobhut nicht einfach in die Wildnis entlassen kann. Sie müssen lernen was sie fressen können und wahrnehmen, wenn Gefahr durch Fressfeinde wie Leoparden droht. Außerdem müssen sie Immunität gegen Krankheiten entwickeln, die es in Europa nicht gibt. Die lange Reise endete deshalb in einer Wiederansiedlungsstation in Meru County am Mount Kenia. Hier wird die Zucht der Bergbongos fortgesetzt und die folgenden Generationen werden dann an ein Leben in der Wildnis gewöhnt und ausgewildert.

Aber auch in Europa war man nicht untätig. Beispiel der Frankfurter Zoo: Seit 1970 leben hier Bergbongos, die erste Geburt in Europa wurde 1973 gefeiert. Seitdem kamen bis heute 29 Kälber zur Welt. Ein weiterer wichtiger Schritt in Sachen Wiederansiedlung erfolgte nun 2026. Der Europäische Zooverband (EAZA) verfügt über 172 Bergbongos, die in 46 europäischen Einrichtungen leben. Zur Auffrischung des Genpools wurden 5 Bullen aus europäischen Zoos ausgewählt, darunter der Frankfurter Bulle Fitz und nach Kenia verschickt, um dort in das bestehende Zuchtprogramm integriert zu werden.

Bei der Recherche zu diesem Beitrag wurde mir wieder einmal vor Augen geführt welch ein Aufwand erforderlich ist, um menschliche Fehler und Ignoranz wieder gut zu machen. Und ob es die Tierrechtler nun hören mögen oder nicht, ohne unsere Zoos und die mit ihnen verbundenen Akteure wären solche Projekte nicht möglich.


Für uns Besserwisser: Antilope – ist ein sogenanntes Papierkorbtaxon, also ein Begriff der in der biologischen Taxonomie nicht verwendet wird. Der aber in der tiergärtnerischen Praxis und umgangssprachlich eine Gruppe von Tieren bezeichnet, die einige Gemeinsamkeiten aufweisen (wenn man von der Größe einmal absieht).
In der Regel versteht man unter Antilopen alle wildlebenden Hornträger, die nicht zu den Ziegenartigen oder den Rindern gehören. Antilopen sind demnach die Duckeru. Klippspringer, die Kuhantilopen, die Pferdeböcke, die Ried- und Wasserböcke, die Impalas und die Gazellenartigen. Hier einige Bilder:

Ducker und Klippspringer

Kuhantilopen

Pferdeböcke

Wasserböcke

Impala (Schwarzfersenantilope)

Gazellenartige

Przewalski-Pferd / Tach(i) – Teil I

Lange bin ich davon ausgegangen, dass der osteuropäisch klingende Name ein Hinweis auf die ursprüngliche Heimat dieser Wildpferde sein müsste. Weit gefehlt, denn die Ursprünge der Tiere liegen im östlichen Teil Eurasiens. Tach ist der mongolische Name der Pferde. In Europa hat man, warum auch immer, ein „i“ hinzugefügt. (Vielleicht war der Initiator Schweizer? 😊). Die internationale Schreibweise ist Takhi.

Hier der Steckbrief dieser wunderbaren Tiere: Ein kurzer Hals, ein großer Kopf, die Schulterhöhe von 125-147 cm unterstreichen die gedrungene Statur. Die Fellfarbe reicht von fahlgelb bis rötlich-braun und typisch die „Mehlnase“, die weiße Färbung um die Nüstern. Wie bei Wildpferden üblich, haben sie eine Stehmähne und einen schwarzen Aalstrich, der über den Rücken verläuft. Tachi haben 66 Chromosomen statt 64 bei Hauspferden.

Tachi sind in Harems- und Junggesellengruppen organisiert. Eine Haremsgruppe besteht aus einem Hengst und einigen Weibchen, sowie deren Nachkommen. Nach zwei Jahren werden die Junghengste aus der Haremsgruppe verjagt. Sie schließen sich meist einer Junggesellengruppe an, bis sie selber ein Harem gründen oder es einem Konkurrenten abjagen können. Auch die jungen Stuten verlassen ihre Muttergruppe.

Als die Art 1869 von Europäern entdeckt wurde, war sie bereits sehr selten. Die letzten Sichtungen in der Wildnis gab es 1969 in der Region Dsungarai (größte Stadt ist Urumtschi) im Nordwesten Chinas und der benachbarten Mongolei. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten noch etwa 30 Tiere u.a. im Prager Zoo und im Tierpark Hellabrunn.

Zunächst aber ein kurzer Überblick über die domestizierte und die Wildform des Pferdes. Im Gegensatz zu Kamelen oder Hunden dauerte es sehr lange bis die Menschen den Nutzen eines Pferdes erkannten.

Das Hipparion, ein Dreizehiges Urpferd lebte etwa vor 10-5 Mio. Jahren und bildet einen ausgestorbenen Zweig der Pferde-Evolution. Aufnahme Nachbildung im Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe.

Die Hauspferde

Natürlich kam die Menschheit nicht sofort auf den Gedanken, die Tiere zu reiten. Pferde lieferten Fleisch, Fell und Knochen. In Felsmalereien in Frankreich und Mittelasien wurden sie schon vor etwa 10.000 Jahren als Jagdwild dargestellt. Vielleicht war es irgendwann so, dass Fohlen instinktiv den Menschen folgten, die ihre Mütter getötet hatten und vielleicht ist einem dieser Jäger die Idee gekommen, die Kleinen in der Nähe des Lagers zu halten, um einfacher an den Braten zu kommen. Und eines Tages schwang sich vielleicht ein Mensch auf den Rücken eines der Gefangenen. Die ersten Spuren, dass Pferde geritten wurden, sind etwa 5000-3500 Jahre alt. Grabbeigaben wie Pferdeschädel untermauern die zunehmend enge Verbindung zwischen Mensch und Tier. Es muss eine Art Revolution gewesen sein, als die Menschen erkannten, welche Vorteile ein Reittier brachte. Schnelligkeit und Ausdauer der neuen Genossen erschlossen neue Jagdgründe und -erfolge. Gleichzeitig jedoch eröffnete es eine nie dagewesene Möglichkeit, bisher unerreichbare Gebiete zu erobern. Eine neue Art der Eroberungsfeldzüge war geboren, die ohne Pferd schlicht undenkbar gewesen war. Die Geschichte der Awaren, Skythen, Hunnen, Mongolen und anderer Reitervölkern zeugen davon.

Mit der Domestizierung nahm auch die Zucht und damit die Ausbildung verschiedener Pferderassen ihren Anfang. Eine der ältesten Pferderassen ist der Araber, der auf der Arabischen Halbinsel gezüchtet wurde und von dort seine Verbreitung fand.

Sie zählen zu den ursprünglich geblieben Hauspferde-Rassen, links: Pinzgauer Pferde auf dem Rosskopf am Spitzingsee, Mitte: Dülmener Pferd im Zoo Hannover, rechts: Exmoor-Ponys in ihrer Heimat. Exmoor Nationalpark in West Sommerset/Devon GB. Dieses schöne Bild hat mir mein Freund Uwe-Carsten zur Verfügung gestellt. Danke dafür!

Die Wildpferde

Vor etwa 11.700 Jahren endete die letzte Eiszeit. Die Zeit der Megafauna wie Mastodon, Mammut oder Höhlenlöwe war vorbei, sie machten Platz für die Tiere wie wir sie heute (teilweise) noch kennen. Darunter befanden sich auch die Wildpferde, die sich (mit einer Ausnahme) die Steppen- und Graslandschaften des Eurasischen Doppelkontinents zur Heimat machten. Veränderung ihres Lebensraums (in Europa von Savanne zu Wald) und Überjagung durch den Menschen bescherte den meisten von ihnen jedoch ein nur kurzes Dasein. Um 50 v. Chr. war das Iberische Wildpferd bereits ausgerottet, es folgte etwa um 1200 n. Chr. der mitteleuropäische Waldtarpan. Der letzte Steppentarpan (eine Stute) wurde 1879 zur Strecke gebracht. In den Weiten der Steppen zwischen dem Fluss Ural, dem Kaspischen Meer über die Steppen Kasachstans bis zur Ostmongolei und Nordchina überlebte zunächst nur der Tachi. Sein Glück: diese Gebiete waren lange Zeit äußerst dünn besiedelt und wenig oder nicht erforscht.

Mit der Expansion Russlands und Chinas, die in diesen Gebieten ihren Rohstoffhunger stillen wollten, begann zunächst die mehr oder weniger systematische Erkundung. Zahlreiche Wissenschaftler, wie Zoologen und Geologen aber auch Militärs begaben sich auf Forschungsreisen in die „Terra Incocnita“. Dass es so lange gedauert hat bis die Kunde über diese Pferde in Europa ernst genommen wurde, ist auch der Ignoranz der damaligen Wissenschaft zu verdanken. Frei nach dem Zitat von Christian Morgenstern „Was nicht ist kann nicht sein“ ignorierten Alexander von Humboldt (1829), Alfred Brehm (1876), der schottische Arzt John Bell (1719-1722) und viele andere auf ihren Reisen ins Innere Asiens die Meldungen der lokalen Bevölkerung. Die „angeblichen Wildpferde“ wurden als versprengte Haustiere oder Kulane (asiatische Wildesel) abgetan.

links: Kulane im Tiergarten Nürnberg, rechts: Heckpferde (Abbildzüchtung Tarpan) im Tierpark Sababurg

„Rückzucht“

Bei meinen Recherchen kam mir oft das Wort „hätte“ in den Sinn. Hätte die Wissenschaft die Tiere nicht so lange ignoriert, hätte das Streben nach Gewinn und Besitztum nicht an erster Stelle gestanden, sondern der Artenschutz, hätte… Tatsache ist aber auch, wären keine Tiere nach Europa gelangt, gäbe es das Przewalski-Pferd heute nicht mehr.

Mit dem bereits vor hundert Jahren zuvor ausgestorbenen Tarpan hatte die Menschheit nicht dieses Glück, über eine Restpopulation zu verfügen. Hier sollte die „Rückzucht“ den Fehler wieder gutmachen. Wobei es meiner Meinung nach keine „Rückzucht“ gibt. Gene die verloren sind, lassen sich nicht wieder herstellen. Daher nennt man es besser Abbildzucht.

Gregor Mendel war Priester des Augustinerordens und leidenschaftlicher Gärtner. 1866 veröffentlichte er die „Mendelschen Regeln“ der Vererbungslehre, die er durch Kreuzungsversuche an Pflanzen herausgefunden hatte. Zunächst interessierte sich niemand dafür, er war seiner Zeit voraus. 1900 bestätigten Wissenschaftler jedoch seine Erkenntnisse und es wurde plötzlich nach dem Prinzip des Machbaren wild gekreuzt was das Zeug hielt. Dabei ging es weder bei Pflanzen noch bei Tieren um Artenschutz, sondern um Leistungsoptimierung. Als dem leitenden Veterinär von Askanija-Nowa* Elias (Ilja) Iwanow die künstliche Befruchtung bei Pferden gelang, war ein neues Kapitel der Domestikation von Tieren aufgeschlagen. Es wurde nun möglich, Tiere zu kreuzen die das auf natürliche Weise nie getan hätten bzw. bei Arten deren räumliche Trennung zu groß war.

Ab den 1920er Jahren versuchten die Brüder Heinz Heck *1892 (Zoo Berlin) und Lutz Heck *1894 (Tiergarten Hellabrunn) zunächst, ein Abbild des ausgestorbenen Auerochsen zu züchten. Ab 1930 erweiterten sie ihre Zuchtversuche, um den ausgestorbenen Tarpan wieder auferstehen zu lassen. Die Ergebnisse dieser Zuchtversuche nennt man Heckrinder bzw. Heckpferde. Mit den ausgestorbenen Rassen hatten sie jedoch nur äußerliche Ähnlichkeit.

Erfolgreicher waren die Brüder beim Schutz der Przewalski-Pferde, Der Berliner Zoo, Hellabrunn und Askanija-Nowa* wurden zum Zentrum der Arterhaltung.

*Askanija-Nowa ist ein Naturschutzgebiet, das in der Steppenzone der Südukraine liegt und zum Verwaltungsgebiet Cherson gehört. Herzog Friedrich Ferdinand von Anhalt-Köthen gründete 1828 das Gut und mit Genehmigung des russischen Staates übersiedelten 2300 Schafe, einige Rinder, Pferde und 25 Personen von Anhalt nach Askanija-Nowa. Allerdings war das Gut unrentabel und 1856 wurde es an den deutsch-russischen Adligen Friedrich Fein verkauft. Unter Leitung seiner Tochter und deren Ehemann Johann G. Pfalz wurde ein Zoo und ein botanischer Garten geründet. Die Familie trug den Namen Falz-Fein. Sie waren nicht nur die größten Schafzüchter Russlands, sondern engagierten sich auch in der Zucht von Pferden und exotischen Tieren. 1921 wurde Askanija-Nowa zum Naturschutzgebiet erklärt.

Przewalski-Fohlen im Tiergarten Nürnberg
Es geht weiter mit Teil II s.u.

Przewalski Pferd / Tach(i) – Teil II

Die Geschichte der Przewalski-Pferde

Der russische Offizier und Forschungsreisende Nikolai Michailowitsch Prschewalski unternahm insgesamt fünf Reisen in die von Russland und China okkupierten Gebiete Zentralasiens, unter anderem in die dsungarische Gobi. Auf seiner dritten Reise, die von 1879 bis 1880 stattfand, brachte ihm sein kirgisischer Begleiter und Jäger Aldiarow den Kopf und das Fell eines Tachi. Er wusste zunächst nicht so recht was er da in Händen hielt, brachte es aber nach St. Petersburg zu seinen Auftraggebern. Erst später begegnete er Tachi-Herden und es wurde ihm klar, welchen Schatz er (bzw. Aldiarow) entdeckt hatte.

1881 wurde sein Fund von Iwan S. Poljakow, dem Konservator am Zoologischen Museum der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, als Wildpferd deklariert. Vielleicht dachte sich Poljakow, er würde dem russischen Entdecker einen Gefallen tun und trug den Namen Equus przewalskii in polnischer Schreibweise ein. Es sollte wohl ein Hinweis auf die polnische Abstammung Prschewalskis sein.

Die Anerkennung als Wildpferd löste einen wahren „Run“ auf die Tiere aus. Jeder Zoo, jedes Museum und jeder reiche Betreiber eines privaten Tierparks wollte plötzlich solch ein außergewöhnliches Exemplar haben. Tot oder lebendig. Die ersten Fangaktionen wurden von Friedrich Falz-Fein, dem russisch-deutschen Besitzer des Gutes und Gründer des Naturschutzgebietes Askanija-Nowa (siehe * Beitrag I), organisiert. 1899 und 1901 kamen die ersten Fohlen nach Askanija-Nowa. Carl Hagenbeck aus Hamburg organisierte eigene Fangaktionen und verteilte die Tiere weltweit.

„Fohlen“ warum nur Fohlen? Die Häscher stellten schnell fest, dass es praktisch unmöglich war, erwachsene Tiere lebend zu fangen, zu schnell, zu scheu, zu wild, um mit Reitpferden überhaupt in ihre Nähe zu kommen. Also schoss man die Herde ab und sammelte die verbliebenen Fohlen ein. Auch die toten Tier fanden problemlos ihre Abnehmer. Museen und andere Sammlungen rissen den Tierhändlern die Skelette und Felle förmlich aus den Händen. Die riesigen Entfernungen und die schlechten, teils nicht vorhandenen Verkehrswege forderten dann auch noch ihren Tribut unter den gefangenen, lebenden Tieren.*

Durch die zunehmende Besiedlung und die Zunahme von Weidetieren wurden die Tachi von ihren Weidegründen und Wasserstellen vertrieben. Hinzu kam ein vielleicht eigenartiges Verhalten der Wildpferde. Sobald die Hengste eine rossige (Haus-)Stute witternden, brachen sie in deren Herde ein, töteten den Leithengst (da sie körperlich immer überlegen waren), zerstörten Zäune und sogar Geschirre und entführten die Stuten in ihre eigene Herde. Die Besitzer nahmen immer blutige Rache.

Zu Beginn der Fangaktionen 1899 war die Zahl der Tachi bereits drastisch reduziert und die Tiere akut vom Aussterben bedroht. Das letzte Rückzugsgebiet war die dsungarische Gobi, die allerdings für das Überleben der Pferde denkbar ungeeignet war. 1948 und 1956 verloren Nomaden in diesem Gebiet durch zwei sehr strenge Winter** fast ihre gesamten Herden und bedienten sich am Pferdefleisch. Die letzte Sichtung, die ein mongolischer Wissenschaftler meldete, war im Jahr 1969. Seit Anfang der 1970er Jahre galten die Tachi daher als in freier Wildbahn ausgestorben.

Wiederansiedlung

Obwohl man den engagierten Fachleuten ihr enormes Engagement zugutehalten muss, das sie bereits Anfang der 1900er Jahre an den Tag legten, gab es doch ein Problem. Mit dem zweiten Weltkrieg erloschen die Herden in Askanija-Nova, Berlin und an anderen Orten. Bei den lokal angesiedelten Herden kam es zu Inzucht, was sich nach 1945 noch verschlimmerte, da es nur noch etwa 30 Tiere gab von denen nicht alle fortpflanzungsfähig waren und an verschieden Orten lebten.

Die Retterin hieß Dr. Erna Mohr. Sie war Zoologin und Kuratorin des Zoologischen Museums Hamburg und hatte bereits ein Zuchtbuch für den ebenfalls fast ausgestorbenen euroasiatischen Wisent eingeführt. Das Gleiche tat sie nun für die Przewalski-Pferde. Außerdem wurde die Art in das Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) aufgenommen, so konnte die Zucht koordiniert und Tiere zwischen den Haltern getauscht werden.

Nachdem sich die Bestände in den Zoos (z.B. Hellabrunn und Prag) und Zuchtstationen (Tierpark Langenberg bei Zürich) stabilisiert hatten, musste der nächste Schritt, die Auswilderung in ihre angestammten Lebensräume sein. Dafür braucht es Menschen mit einer Vision und Durchhaltevermögen. Einer davon war der deutsche Kaufmann und Jäger Christian Oswald. Er nutzte seine Geschäftsbeziehungen in die Mongolei, um das erste Auswilderungsprogramm auf die Beine zu stellen. Nun ist es aus nachvollziehbaren Gründen einfacher, Ziesel oder Feldhamster auszuwildern als Pferde in die Mongolei. Die Grundvoraussetzungen sind allerdings zunächst die gleichen. Es müssen geeignete Gebiete gefunden werden, die Bedingungen bieten, dass Ernährung und Schutz der Tiere gesichert sind. Ein Monitoring muss Aufschluss über die Entwicklung der Populationen geben und die lokale Bevölkerung (egal ob Bauern in Deutschland oder Nomaden in der Mongolei) müssen in die Projekte eingebunden werden. Schlussendlich muss der Transport organisiert werden. Und hier trennen sich die Gemeinsamkeiten. Etwa 8000 km sind zu überwinden und vor Ort können die Tachi nicht einfach in die Wüste geschickt werden, es ist eine längere Eingewöhnungszeit in einem geschützten Areal erforderlich. Es war eine Herkulesaufgabe die Oswald angegangen ist. Aber 1992 wurden die ersten Tiere unter großer Anteilnahme*** der Bevölkerung im Schutzgebiet Great Gobi-B ausgewildert. Etwas später wurde die ITG (International Takhi Group) gegründet die weitere Auswilderungen organisiert. In der Zwischenzeit und nach einigen Rückschlägen gibt es weitere Schutzgebiete in der Mongolei und in China und die Zahl der Tachi ist weltweit auf etwa 2500-3000 Tiere gestiegen. Das klingt gut, es ist aber noch ein weiter Weg, um die Art endgültig wieder heimisch zu machen. Was hat die Tachi an den Rand des Aussterbens gebracht? Es war fataler menschlicher Einfluss u.a. Überweidung, Nahrungskonkurrenz und Jagd.  Für die Zukunft wird es wichtig sein, dass dem Einhalt geboten wird. Und sie müssen ihr verloren gegangenes Erfahrungsgedächtnis neu entwickeln, das ihnen hilft, auf Wetterereignissen wie dem Dzud** rechtzeitig zu reagieren und in sichere Gebiete auszuweichen.

„…dabei waren sie schon vom Erdboden verschwunden. Ihre Auferstehung bildet eine der großen und viel zu seltenen Erfolgsgeschichten des Artenschutzes. Sie trägt alle Merkmale eines Wunders“.
Stefan Schomann über die Tachi in „Auf der Suche nach den wilden Pferden.

Die folgenden Bilder entstanden oben: links, mitte Wildpark Pforzheim, rechts Zoo Köln – unten: Zoo Köln, mitte u rechts Tierpark Sababurg

*Siehe meinen Beitrag Gorillas. An den Fangmethoden hatte sich nichts geändert.
**Der mongolische Begriff Dzud beschreibt außergewöhnlich harte Winterbedingungen, die zwischen Oktober und Mai auftreten und zu fehlenden Weidemöglichkeiten führen. Die Folge ist ein Massensterben von Herdentieren durch Verhungern, Erschöpfung und Erfrieren. (Info DWD). Im Winter 2009/10 sind etwa 1,5 Mio. Nutztiere und etwa 2/3 des Tachi-Population umgekommen.
***Einen interessanten Kurzfilm über die erste Takhi – Auswilderung findet ihr bei YouTube unter (www) youtube.com/watch?v=4tMFyL5PRr0

Nachtrag:

1975 gründete die San Diego Zoo Wildlife Alliance den Frozen Zoo ®, eine Biodiversitätsbank. Sie hat sich zu der weltweit umfangreichsten Wildtier-Biobank entwickelt und schützt über 11.500 genetische Proben von mehr als 1.330 Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fischen. Während das Kreuzen mit Hybriden bzw. die Paarung genetisch zueinander passenden Tiere langwierig ist, beschleunigt die Biotechnologie die Dinge. Das Klonen erzeugt eine genetische Nachbildung eines Individuums, während die Paarung genetisches Material von zwei Individuen kombiniert.

Am 6. August 2020 wurde Kurt, das erste geklonte Przewalski-Pferd, in Texas geboren. Zellen des biologischen Vaters von Kurt wurden 1980 eingefroren und nach 40 Jahren von einer Quarter Horse Stute ausgetragen. Im September 2023 wurde das zweite Klon-Pferd „Ollie“ geboren. Möge die Übung gelingen.

Dscheladas

Der Name „Dschelada“ für diese Affenart – die lat. Bezeichnung lautet „Theropithecus gelada“- hat seinen Ursprung im Amharischen, der Sprache Äthiopiens. Er leitet sich vom Wort „Gelada“ ab, was so viel wie „Affe“ oder „Meerkatze“ bedeutet. Außer der üblichen Vorstellung dieser Tierart möchte ich etwas ausführlicher über das soziale Miteinander bzw. den Aufbau der Dschelada – Gruppen erzählen. Wie für viele andere Tierarten, hat es sich auch für die Dscheladas im Laufe ihrer Evolution von Vorteil erwiesen, in Gruppen zu leben.

Aber beginnen wir mit der deutschen Bezeichnung „Blutbrustpavian“. Ein etwas seltsamer Name, der seinen Ursprung vom nackten Brustbereich der Tiere hat. Zur Fortpflanzungszeit oder bei starker Erregung färbt sich dieser rot. Die Art gehört zur Familie der Meerkatzenartigen, wie die Paviane auch. Allerdings haben Dscheladas und Paviane zwar gemeinsame Vorfahren, Dscheladas sind jedoch keine Paviane. Sie sind ihre nächsten Verwandten. Während Paviane in vielen Ländern Afrikas weit verbreitet sind, findet man Dscheladas ausschließlich im Hochland von Äthiopien.Prof. Grzimek nennt die Tiere in seinem „Tierleben“ (Säugetiere 1) deshalb Hochgebirgsaffen.

Um deren Lebensweise besser zu verstehen, werfen wir einen Blick auf die Geographie Äthiopiens. Das „Hochland von Abessinien“ zieht sich vom Norden bis in den Süden. Mehr als die Hälfte des Landes liegt über 1200 m hoch. Ein Teil dieses Hochlandes und die letzte verbliebene Heimat der Dscheladas, ist das Amhara-Plateau. Es fällt von 4500 m (der höchste Berg Ras-Dejen) bis auf etwa 2000 m nach Süden ab. Hier liegt auch ganz im Norden der größte Nationalpark und Weltkulturerbe der Simien-Nationalpark. Das Hochland wird zerschnitten durch zahlreiche Flüsse wie dem Weißen Nil, die tiefe Canyons und Täler mit steilen Abbruchkanten bilden. Das Klima in den niedrigeren Regionen des Plateaus ist durchaus mediterran, geht aber mit zunehmender Höhe in Hochgebirgsklima über. Die Landschaft wechselt mit zunehmender Höhe von einer nahezu baumlosen Graslandschaft in eine alpine Felslandschaft.

Die Dscheladas haben sich diesen Bedingungen perfekt angepasst. Abends ziehen sie sich in die höher gelegenen Felsformationen zurück, um dort die Nacht zu verbringen. Am Morgen lassen sie sich auf den Felsen ruhend von der Sonne erwärmen, um dann gemeinsam in die weiter unten gelegenen Plateaus mit ihren Graslandschaften zur Nahrungsaufnahme zu wechseln. Diese besteht zum überwiegenden Teil aus Gras. In Trockenzeiten sind sie jedoch durchaus flexibel und nehmen auch Wurzeln, Früchte, Knollen, Kräutern oder Insekten auf.

Dscheladas leben in Gruppen unterschiedlicher Größe zusammen. Diese Gruppen und Untergruppen erhielten folgende wissenschaftliche Namen:

  1. Die Ein-Mann-Haremsgruppe oder „One-Male-Unit“ – Es ist praktisch eine Familiengruppe aus 1-10 weiblichen Tieren mit den noch nicht erwachsenen Nachkommen. Angeführt wird die One-Male-Unit erwartungsgemäß von einem Alphamännchen. Löst ein erwachsenes männliches Tier ein anderes (evtl. zu altes) ab, so verbleibt dieses meist in der Gruppe, geht dem neuen Chef aus dem Weg und pflegt seinen Sozialkontakt (ohne Sexualkontakt) zu einem der Weibchen weiterhin.
  2. Da geschlechtsreife Männchen den Familienverband mit etwa 5-6 Jahren verlassen müssen, schließen sie sich zu Junggesellengruppen zusammen, die dann „All-Male-Units“ genannt werden. Nun schließen sich diesen Gruppen aus Erwachsenen auch Untergruppen aus Jugendlichen an, die oft zwischen der 1. und 2. beschriebenen Gruppe hin und herwechseln und mit ihren Müttern weiterhin Kontakt pflegen.
  3. Daraus folgt, dass sich beide Gruppen verwandtschaftlich nahestehen und sich ein Territorium teilen. Man nennt daher die Verbindung der Gruppen 1 und 2 ein „Team“. Hin und wieder versuchen sich geschlechtsreife Männchen aus Teams der One-Male-Unit anzuschließen, man nennt sie dann „Follower“. Follower leben am Rand der Gruppe versuchen aber zu gegebener Zeit das Alphatier abzulösen oder mit einer der Damen durchzubrennen um eine eigene One-Male-Unit zu gründen. Sie verteidigen allerdings auch gemeinsam mit dem Haremsführer die Gruppe gegen Eindringlinge wie z.B. solitär lebenden Männchen (Einzelgänger) oder Feinde.
  4. Mehrere Teams können „Bands“ (deutsch – Banden) bilden. Diese teilen sich dann ein Verbreitungsgebiet und nutzen gemeinsam Futterplätze und Wasserstellen. Außerdem gehen Forscher davon aus, dass es durch die fortlaufende Aufspaltung der Gruppen und damit Neubildung von One-Male-Units starke verwandtschaftliche Beziehungen innerhalb dieser Bands gibt. Die Bands bilden sich aus 30 – 260 Einzeltieren. Bands trennen sich bei knapp werdenden Nahrungsressourcen und kommen zusammen sobald sich die Situation verbessert.  
  5. Die größte Einheit in der sozialen Gemeinschaft bilden die dynamischen „Herds“ (Herden). Zusammensetzung und Größe ändern sich permanent und entstehen durch überlappende Reviere. Man konnte bis zu 600 Tiere in einer Herde zählen.

Verschiedene Drohgebärden des Alphamännchens: Mitte oben – starkes drohen und „Reproduktion“

Man kann also festhalten, dass die Haremsgruppe die wichtigste Konstante im sozialen Miteinander bei Dscheladas ist. Und hier sind es die Weibchen, die für stabile Verhältnisse in der Gruppe sorgen. Die ranghöheren Weibchen bleiben lebenslang in ihrer Geburtsgruppe und pflegen enge Kontakte überwiegend mit anderen Weibchen und nicht mit dem Haremsführer. Dieser hat eigentlich folgende funktionen: die Gruppe nach außen zu verteidigen, Streitigkeiten innerhalb der Gruppe zu unterbinden und, wie es biologisch so schön heißt, für Reproduktion zu sorgen. Wobei man festhalten kann, dass zwar das Männchen den Anstoß für den Zeugungsakt gibt, aber die Weibchen entscheiden, ob es dazu kommt oder nicht. Dominante Weibchen werden häufiger gedeckt als rangniedrigere.

Sollte es zu einer Übernahme des Harems durch einen Einzelgänger oder Follower kommen, genügt es nicht das Alphamännchen zu besiegen. Auch hier sind es die Weibchen die letztendlich den neuen „Chef“ akzeptieren oder nicht.

Eigentlich sind Dscheladas sehr ruhige und bedachte Tiere. Streitigkeiten sind aber in einer Gruppe unvermeidlich. Das Alphamännchen beendet diese jedoch meist mit seiner beeindruckenden Präsenz und einer kurzen Verfolgungsjagd. Das gute Miteinander und die Verbundenheit einzelner Tiere untereinander, spielt eine sehr wichtige Rolle. Das sogenannte „Grooming“ (Fellpflege) festigt die Gemeinschaft. Das bei uns gebräuchliche Wort „Lausen“ trifft es allerdings nicht, da nicht immer Insekten und Schmutz entfernt werden, sondern das Fell auf diese Weise gepflegt wird. Pflegen die Tiere ihr eigenes Fell, dient dies häufig zur Beruhigung z.B. nach einem Streit.

Die anspruchsvolle Sozialstruktur dieser Tiere macht die Haltung von Dscheladas für Zoos nicht eben einfach. Im deutschsprachigen Raum gibt es 8 Haltungen von denen der Naturzoo in Rheine die größte Anzahl Dscheladas in vier Haremsgruppen hält und das europäische Zuchtbucht führt. Dort und in der Wilhelma werden sie zusammen mit Mähnenspringern auf einer Anlage gehalten. In der Natur bilden sie häufig Lebensgemeinschaften mit Walia-Steinböcken, die in Zoos jedoch nicht gehalten werden.

Mähnenspringer und Dscheladas in der Wilhelma Stuttgart

Die instabile politische Lage in Äthiopien sowie die prekäre wirtschaftliche Situation der dort lebenden Menschen führen dazu, dass Auswilderungen momentan nicht möglich sind und die Bestände durch den kleiner werdenden Lebensraum abnehmen.

Für uns Besserwisser:
In der Zoologie werden Tiere in drei Entwicklungsstufen eingeteilt –
juvenil    = jugendlich,
Sub adult = praktisch erwachsen aber noch nicht fortpflanzungsfähig
adult      = erwachsen und fortpflanzungsfähig 

Alle Bilder dieses Beitrags entstanden in der Wilhelma Stuttgart und im Naturzoo Rheine

Säugetiere I

Wie alles begann

Es sind nicht nur die Tiere in ihren Gehegen und die Nähe zu ihnen, die mich faszinieren, es ist auch die Erkenntnis wie unglaublich vielfältig die Natur ist. Tausende Arten von Pflanzen und Tieren, die sich in ihrer langen Evolution den jeweiligen Lebensräumen perfekt angepasst haben und in einem ökologischen Gleichgewicht zueinanderstehen, dessen Vollkommenheit einem schier den Atem raubt. Und natürlich stellt man sich die Frage: wie hat sich das alles entwickelt?

In den beiden Beiträgen zum Thema „System im Tierreich“ bin ich bereits auf die Einteilung aller Lebewesen in bestimmte Kategorien eingegangen. Säugetiere werden wie folgt eingeteilt:

StammChordatiere 
UnterstammWirbeltiere 
ReiheTetrapodenWirbeltiere mit 4 Gliedmaßen -Landwirbeltiere
ohne RangAmniotenKönnen sich außerhalb von Gewässern fortpflanzen
ohne RangSynapsidenMerkmal ist ein einzelnes Schädelfenster in der hinteren Schädelseitenwand
KlasseSäugetiereNeugeborene werden über Milchdrüsen ernährt

Welche Tiere gehören also nun in diese Klasse und wie definieren sie sich als Säugetiere. Die Systematik setzt sich wie folgt fort:

3 UnterklassenUrsäuger,
Beuteltiere,
höhere Säugetiere oder Plazentatiere
z.B. Schnabeltier,
z.B. Koala, Känguru  
Embryo wird über die Plazenta im Mutterleib ernährt

Folgende Kennzeichen sind typisch für Säugetiere:

  • Fell,
  • Geruchs- und Gehörsinn (Gehörknöchelchen) ist hochentwickelt,
  • Leistungsfähige Gehirne, schneller Verstand (Neokortex),
  • lebendgebärend,
  • Warmblütiger Stoffwechsel,
  • Spezialisierte Zahnreihen,
  • Milchdrüsen

Werfen wir zunächst einen Blick auf die drei oben beschriebenen Unterklassen der Säugetiere: Sie alle drei weisen Gemeinsamkeiten auf die sie unzweifelhaft zu Säugetieren machen. Kloakentiere werden heute nur noch durch zwei rezente Arten repräsentiert, die Schnabeltiere und den Ameisen- oder Schnabeligel. Beide Tiere legen Eier, während der Schnabeltier die Eier in einer Höhle bebrütet, haben die weiblichen Ameisenigel einen Brutbeutel in den die Eier gelangen. Beide ernähren die Schlüpflinge über ein Milchdrüsenfeld, da sie keine Zitzen haben.

Der Nachwuchs der Beuteltiere wird lebend geboren und gelangt über einen Geburtskanal und mit viel Kraftanstrengung in den Beutel bzw. an die Zitzen der Mutter, wo er sich fertig entwickelt.

Bei allen Gemeinsamkeiten mit den höheren Säugetieren, die die beiden Tiergruppen aufweisen und die sie letztendlich in der Klasse der Säugetiere vereint, fehlt ihnen ein wichtiges Detail – die Plazenta. Ein Wunderwerk der Natur, das die Plazentatiere in die Lage versetzt, den Embryo (ab der 9. Schwangerschaftswoche Fötus) im Mutterleib zu entwickeln und zu ernähren.

Das tierische Leben begann im Wasser, daher war der nächste Schritt den die Evolution ging, das Leben unabhängig vom Wasser zu ermöglichen. Dazu war nicht nur eine Änderung des Skeletts nötig. Die erste Gruppe der „Vierfüßler“ oder Tetrapoden waren Amphibien. Um von Gewässern unabhängig zu werden, war ein weiterer Schritt erforderlich. Die Fortpflanzung musste neue Wege gehen. So entwickelten sich Eier, die mit einer festen Schale, einer Membran (Schutz vor Austrocknung) und einem Dotter die Entwicklung des Nachwuchses außerhalb des Wassers ermöglichten. Diese ersten Landwirbeltiere werden Amnioten genannt. Schaut man sich die biologische Systematik an wird auffallen, dass heute als Landwirbeltiere (Vierfüßler) auch Amphibien, Reptilien (auch Schlangen), Vögel oder Robben und Wale als Tetrapoden eingeteilt werden. Es hat schlicht damit zu tun, dass einige Gruppen im Lauf der Evolution Gliedmaßen zurückgebildet haben (die Schwingen von Vögeln) oder sogar vom Land ins Wasser zurückkehrten. Aber zunächst waren im Zeitalter Devon die ersten Landgänger Amphibien und die Vorgänger der Reptilien.

Der nächste Schritt zum Säugetier konnte nun getan werden. Mit dem Landgang war es den Tieren möglich, neue Lebensräume zu erobern und neue Nahrungsressourcen zu erschließen. Wir sind nun in der Periode des Perms vor etwa 325 Mio. Jahren. Amnioten spalteten sich in zwei Linien auf. Einerseits in Synapsiden, die sich zu Säugetieren entwickelten, und Diapsiden, aus denen die heutigen Reptilien und Vögel hervorgingen. Es stellt sich die Frage, was war der entscheidende Clou, der eine so unterschiedliche Entwicklung begünstigte? Es war eigentlich eine Kleinigkeit, aber mit großer Tragweite. Ein einzelnes Schädelfenster in der hinteren Schädelseitenwand, während die Diapsiden deren zwei hatten. Vorteil von nur einem Schädelfenster war, dass Platz geschaffen wurde für eine größere Kiefermuskulatur, was wiederum zur Folge hatte, dass Gebiss und Gehirn zukünftig modifiziert werden konnten. Trotzdem waren die Synapsiden in ihrer Frühform Reptilien, die im Aussehen und vielleicht auch im Verhalten diesen sehr ähnlich waren. Eine dieser Frühformen waren die Pelycosaurier und einer ihrer wichtigen Vertreter Dimetrodon.

Dimetrodon brachte die Weiterentwicklung zum Säuger so richtig in Schwung. Er verfügte als Fleischfresser über zwei unterschiedlich geformte Zahnreihen, was als eine erste Stufe in der Entwicklung eines Säugetiergebisses gesehen wird. Nachfolger der Pelycosaurier waren vor etwa 275 Mio. Jahren Therapsiden. Sie entwickelten zahlreiche Neuerungen, die sie in die Lage versetzten, ihre Körpertemperatur zu regeln. Die Beine wanderten unter den Körper, was die Beweglichkeit enorm erhöhte. Weitere Modifikationen betrafen Gebiss und Schläfen. Diese Therapsiden waren immer noch keine Säugetiere, entwickelten aber einige deren typischen Kennzeichen. Etwa 400 Gattungen dieser Gruppe sind heute bekannt, die meisten starben mit dem Ende des Perms und Beginn der Trias aus. Verantwortlich dafür war das dritte große Massenaussterben zu dieser Zeit, verursacht von einem massiven Klimawandel. Man schätzt, dass 70-90% aller Tier- und Pflanzenarten dem Massensterben zum Opfer fielen. Eine Gruppe der Therapsiden überlebte und passte sich im Lauf der Trias an die neuen Lebensbedingungen perfekt an. Es waren die bereits vor 270 Mio. Jahren lebenden Cynodontier, die bis zum Erscheinen der Dinosaurier mit einer großen Artenvielfalt zur dominierenden Tiergruppe wurden. Aber auch sie waren keine echten Säugetiere. Sie hatten noch Reptilienkiefer, aber mit der Zeit entwickelten sich ein besonderes Kieferngelenk, das nicht nur für Bisskraft und Kautechnik, sondern auch für die Weiterentwicklung des Gehörs wichtig war. So wurde von Chinesischen Paläontologen ein Schädel gefunden der nur 12mm lang war, aber zum ersten Mal über die revolutionäre Neuerung des Gehörs verfügte. Kiefer und Mittelohr waren getrennt und die drei Ohrknöchelchen (Hammer Ambos u. Steigbügel nachweisbar. Das Tier erhielt den Namen Hadrocodium wui, es lebte vor ca. 195 Mio. Jahren.

Auf einem vergrößerten und stabilen Kiefergelenk konnte nun ein Gebiss entwickelt werden wie wir es heute kennen. Die wichtigste Neuerung waren die Backenzähne (Molaren), die mit ihren Höckern und der Passgenauigkeit von Ober– und Unterkiefer dafür sorgten, dass jede Art von Nahrung zerkleinert werden konnte. Haramiyiden und die sich wahrscheinlich daraus entwickelnden Multituberculata (235 bis 40 Mio. Jahre) und Docodontier (165 bis 70 Mio. Jahre) waren die ersten, die über diese modernen Gebisse verfügten. Aufgrund der großen Ähnlichkeit von Kiefer und Gebiss mit modernen Säugetieren, werden sie als Seitenzweig bzw. in eine Gruppe der Säugetierartigen gezählt. Allerdings wurden sie im Eozän bzw. zum Ende der Kreidezeit von den modernen Säugetieren verdrängt und starben aus.

Dass alle diese Tiere solch erstaunliche Entwicklungen machen konnten lag auch an einer evolutionären „Neuentwicklung“ bei den Pflanzen, denn ab dem Übergang von Oberjura (160 Mio Jahre) zur Unterkreide (140 Mio. Jahre) traten die Angiospermen (Bedecktsamer oder Blütenpflanzen) aus dem Schatten der bis dahin vorherrschenden Pflanzen (Nacktsamer = Kiefer, Farne etc.). Nun gab es schmackhafte und nährstoffreiche Früchte, Triebe, Blüten und andere Pflanzenteile. Als Folge davon erweiterte eine Vielzahl neuer Insekten zusätzlich das Nahrungsangebot.

Bild oben: eines meiner Lieblingssäugetiere – Max.
Die Bilder der 1. Galerie entstanden im Zoos Heidelberg u. Duisburg, Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Naturkundemuseum Schloss Rosenheim Stuttgart. Die Bilder der 2. Galerie Senckenberg Museum Frankfurt, Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe u. Museum am Löwentor Stuttgart.

Weiter geht’s mit dem Beitrag Säugetiere II

Säugetiere II + Zeittafel

Apokalypse und Triumph des Lebens

Das Erscheinen der Dinosaurier. Nach den Massenaussterben im Obertrias (235 – 208 Mio Jahren) gefolgt von der Krisenzeit an der Trias/Jura Grenze konnten Dinosaurier die ökologischen Nischen, die ihre Vorgänger und viele der ersten Synapsiden hinterließen, besetzen. Das taten sie auch, wie man weiß, sehr erfolgreich. Sie bildeten unfassbar viele, teils riesige Formen und Arten und beherrschten die damalige Welt. Die langsam auseinander triftende Pangäa verteilte sie auf die neu entstandenen Kontinente, wo sie weiterhin dominierend und erfolgreich blieben, bis vor 66 Mio. Jahren.

Und was geschah mit den Säugetieren bzw. deren Vorläufer die ich bereits oben beschrieben habe? Die Zauberworte hießen Anpassung und Liliput-Effekt. Die angehenden Säugetiere schrumpften auf die Größe von Mäusen oder Murmeltieren. Sie mussten einfach verschwinden können, um ihren zahlreichen Fressfeinden zu entgehen. Das bedeutete auch Unterschlupf in Höhlen oder Bäumen und Nachtaktivität. Und nun wird uns auch klar, warum viele dieser evolutionären Anpassungen erforderlich waren. Das Fell und ein selbst zu regulierender Wärmehaushalt waren gut für ein Leben untertage und bei nächtlichen Streifzügen. Die Entwicklung von Milchdrüsen entband die Elterntiere vom Herbeischaffen der Nahrung (man denke an Vögel) und der Nachwuchs war sicher in Bruthöhlen untergebracht. Die Entwicklung der Gebisse eröffnete neue Nahrungsressourcen und ein empfindliches Gehör war überlebenswichtig, wenn Dinosaurier in allen Größen und Formen um einem herumstapften oder flogen.

Nun wirst Du liebe Leserin, lieber Leser sagen: Ja aber… die Entwicklung der Säugetiermerkmale hat ja schon weit vor dem Erscheinen der Dinosaurier begonnen!“ Und das stimmt natürlich. Es waren für alle Lebewesen seit dem Landgang sehr schwierige Bedingungen die sie vorfanden und schon in der Anfangszeit galt es, seinen Platz in der sich ständig verändernden Welt zu finden und zu behaupten. Tatsache aus meiner Sicht ist jedoch, dass das Auftreten der Dinosaurier und ihre Vorherrschaft der Evolution der Säugetiere einen gewaltigen Schub versetzt hat.

Ob es jemals unter diesen Gegebenheiten Primaten oder Homo sapiens gegeben hätte? Wir wissen es nicht, aber ein Ereignis vor 66 Millionen Jahren bedeutete Ende und gleichzeitig Neuanfang für die meisten Lebewesen auf unserem Planeten. Ein Asteroid (oder Komet) mit einem Durchmesser von etwa 14 km raste auf die Erde zu und schoss nicht links oder rechts vorbei (die Wahrscheinlichkeit war bestimmt hoch) nein, er schlug auf der Erde ein, in einem Gebiet das wir heute die Halbinsel Yucatán in Mexiko nennen und die zu dieser Zeit im tropischen Flachwasser lag. Die Folgen waren verheerend. Die Masse die dort einschlug entsprach in etwa der Masse des heutigen Mount Everest. Der Krater* den er schlug war etwa 40 km tief und 180 km breit. Im Umkreis von 1000 km erstarb jegliches Leben, verursacht durch die gewaltige Explosion, die Energie in Form von Hitze, Licht und einer enormen Druckwelle freisetze. Selbst im Umkreis von 2500 km kämpfte alles Lebende mit Erdbeben, orkanartigen Stürmen und wurde mit einem Hagel aus glühendem Gestein überzogen. Der Ruß der Brände und der in die Atmosphäre geschleuderte Sand ergaben einen tödlichen Cocktail, der durch die Luftzirkulation über die Stratosphäre verteilt wurde. Die Folge – ein nuklearer Winter, Dunkelheit, die wohl mehrere Jahre anhielt. Allerdings war dies noch nicht das Ende der Katastrophe. Eine durch tektonische Schockwellen erhöhte Vulkantätigkeit im Bereich des heutigen Indiens sorgte für sauren Regen und vergiftete zusätzlich Land und Ozeane. Und als wäre das nicht genug, hatte der Einschlag eine sogenannte Karbonatplattform getroffen, die in der Folge verdampfte und Kohlendioxid in großen Mengen in die Atmosphäre entließ. So wurde der nukleare Winter nach einigen Jahren von einer durch das Treibhausgas verursachten Erderwärmung abgelöst.

Geschätzte 75% aller Arten starben aus. Dinosaurier und alle großen Reptilien verschwanden und im nun anbrechenden Paläozän mussten komplett neue Ökosysteme entstehen. Wobei die Erholung in der südlichen Hemisphäre deutlich schneller voranschritt als auf der Nordhalbkugel. Zu Beginn des Zeitalters hatte Gondwana sich bereits vom Nordteil getrennt. Australien, Südamerika und Antarktika waren noch verbunden, während Afrika und Indien bereits weiter nördlich lagen und ebenfalls noch miteinander verbunden waren. Das nördlich gelegene Laurasia mit Nordamerika, Grönland und Europa bildete noch eine Einheit Nordamerika hatte mit Ostasien Kontakt. Es entwickelten sich viele neue Säugetierarten, manche mit abenteuerlichem Aussehen, teils riesig groß und schwer.

Gegen Ende des Paläozäns verursachte eine gestiegene Vulkantätigkeit, Magmaaustritte im Meer (z.B. bei Island) die Trennung Europas von Grönland und Nordamerika. Als weitere Folge kam es zu einem erhöhten CO2 Ausstoß der zu einer Erderwärmung von 5°-8°C führte. Dieses Phänomen wird Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum (PETM) genannt und dauerte etwa 170.000 bis 200.000 Jahre. Die Folgen kann man sich vorstellen, der zwar kurze aber heftige Klimawandel verursachte erneut den Zusammenbruch der Ökosysteme. Die Tiere reagierten mit einer erneuten Verzwergung aufgrund des Nahrungsmangels, große Tiere hatten keine Chance. Viele Gattungen starben aus.

Trotz dieses schwierigen Starts wurde das Eozän zu einem Meilenstein in der Entwicklung der Säugetiere. Der Name leitet sich von der griechischen Göttin Eos, der Göttin der Morgenröte ab und es wurde tatsächlich ein Neubeginn. Viele der „modernen“ Plazentatiergruppen entstanden, wie Nagetiere, erste Primaten und Paarhufer. Eine der unglaublichsten Anpassungen die die Evolution hervorgebracht hat möchte ich herausgreifen. Es begann mit einem Paarhufer namens Indihyus vor etwa 48 Mio. Jahren in Indien, das zu dieser Zeit noch eine Insel, auf dem Weg nach Asien war.

Indohyus major, ein pflanzenfressender Wal-Vorfahr aus dem Mittelen-Eozän von Kaschmir, Bleistiftzeichnung, digitale Färbung von Nobu Tamura (http://spinops.blogspot.com)

Das Tierchen war etwa so groß wie ein Waschbär, mit einem schlanken Körperbau und dünnen Beinen. Es zog sich bei Gefahr oder zum Fressen ins Wasser zurück. Der Paläontologe Hans Thewissen stellte 2007 anhand eines Skelettfundes die Verwandtschaft mit Walen (und den entfernt verwandten Nilpferden) fest. Die Besonderheit war im Ohr zu finden. Die sogenannte Paukenblase ist bei Walen geformt wie eine Meerschnecke und hart wie Stein. Eine anatomische Gemeinsamkeit dieser beiden so unterschiedlichen Spezies. Im Lauf der Millionen Jahre passten sich die Übergangsformen immer mehr dem Leben im Wasser an, Beine wurden nach und nach zu Flossen. Geschuldet war der Wechsel vom Land zum Wasser wahrscheinlich den dramatischen klimatischen Änderungen der folgenden Zeitalter. Und befreit von allen „Gewichtsproblemen“ konnten die Tiere wachsen und ihre Körper dem Auftrieb des Wassers überlassen.

Dem Eozän (Dauer 22 Ma) folgten Oligozän (10,6 Ma), Miozän (17 Ma), Pliozän (2,7 Ma) und Pleistozän, das vor 2,8 Ma begann und vor 11.650 Jahren in das heutige, noch andauernde Holozän überging. Wir sprechen also von 56 Millionen Jahren in denen Klimaänderungen den Planeten ständig neu formten und die Evolution von Fauna und Flora ständig fortschritt, um das Leben den jeweiligen Gegebenheiten bestmöglich anzupassen. Warmzeiten und Kaltzeiten wechselten sich ab. Die Megafauna mit Mammuts, Riesenhirschen oder gigantischen Faultieren kam und verschwand und es entstand, was wir heute moderne Säugetiere nennen.

Das Ende: Es wird kein Ende geben. In fast viereinhalb Milliarden Jahren hat die Natur mit der Evolution mehrfach gezeigt wozu sie fähig ist. Ob das 6. Massensterben nun von Meteoreinschlägen, Vulkanausbrüchen oder wahrscheinlich vom Menschen ausgelöst wird, ist dabei egal. Und wir, die Überlebenskünstler, die Klugen, die Krone? Ich stelle mir mal folgendes vor: Gott blickt auf die Erde, schüttelt den Kopf und sagt: „Was ich in 7 Tagen erschaffen habe, habt ihr in Minuten ausgelöscht. Euch ist nicht mehr zu helfen.“ Für weniger bibelfeste unter Euch folgendes Bild: Wir sägen auf dem Ast auf dem wir sitzen und weil wir ja alles erreichen, schaffen wir es natürlich ihn durchzusägen. Dumm und… Schade eigentlich.

*Chicxulub-Krater
Info zur Zeittafel: mya – million years ago / Millionen Jahre her
ma – „megaanum“ steht für eine Zeitspanne von 1 Million Jahren.

Bild ganz oben: Messeler Urpferdchen gefunden in der Grube Messel bei Darmstadt
Bei meinen Recherchen war mir das Buch von Steve Brusatte „Eine neue Geschichte der Säugetiere“ sehr hilfreich.

Für uns Besserwisser:
Die geochronologischenn Hierarchieebenen einer Zeittafel lauten:
Äon – von griech. für „Ewigkeit“
Ära – mittellat. „Zeitalter“
Periode griech. „sich wiederholender Abschnitt“
Epoche griech. für „Haltepunkt“
Alter

Seekühe

In diesem Beitrag muss ich mit einer Entschuldigung beginnen. Seekühe – in diesem Fall Manatis – werden nicht oft in Zoos gezeigt. Da die Zoos versuchen den natürlichen Lebensraum nachzubilden und Seekühe nun mal an tropischen Küsten und Flussdeltas leben, hat man als Hobbyfotograf ein großes Problem. Spiegelnde Glasscheiben, schlechtes Licht, trübes Wasser mit allerlei darin schwebenden Feststoffen trüben auch meine Freude beim Betrachten der Bilder. Sei‘s drum, ich glaube das Thema ist so interessant, dass die Tiere einen Beitrag verdient haben. Und es gibt da noch die Geschichte um die Stellersche Seekuh, die ich zumindest in Kurzform unbedingt erzählen möchte.

In meinem Beitrag „Rotschulter-Rüsselhündchen“ hatte ich schon geschrieben, dass Seekühe in die Überordnung Afrotheria der Höheren Säugetiere gehören und somit Verwandtschaft zu diesen und Elefanten besteht. Skelettfunde aus Ungarn belegen, dass es vor etwa 50 bis 60 Mio. Jahren bereits die Vorgänger von Seekühen gab. Diese konnten sich noch auf vier Beinen bewegen, lebten aber wahrscheinlich schon überwiegend im flachen Wasser der Tethys. Die Tethys war eine riesige Bucht, die der Superkontinent Pangaea im Osten bildete. An dieser Bucht lagen bis zu ihrer Trennung die heutigen Kontinente Asien, Europa, Afrika und Australien. Da die Kontinentalränder zum Teil sehr flache Randmeere bildeten, bot es der Entwicklung der Seekühe zu reinen Wasserbewohnern beste Voraussetzungen. Während ihrer Entwicklung über Millionen Jahre entstanden viele verschiedene Arten von Seekühen. Der Klimawandel (Eiszeiten) während des Pleistozäns (vor 2,3 Mio. – bis 12.000 Jahren) war wohl dafür verantwortlich, dass die meisten nicht überlebten und es deshalb heute nur noch vier Arten gibt.


Die Gattung Seekühe unterscheidet zwei Familien:
•       die Gabelschwanzseekühe umfassen heute nur noch eine lebende Art, den Dugong. Bis vor etwa 250 Jahren gab es noch eine weitere, heute aber ausgestorbene Art, Stellers Seekuh in der Beringsee.
•       die Rundschwanzseekühe, auch Manatis genannt, umfassen drei Arten in dieser Gattung, den Karibik-Manati, den Amazonas-Manati und den Afrikanischen Manati.

Alle heute noch lebenden Arten der Seekühe findet man an flachen Küsten tropischer Gewässer. Den Dugong im Indischen Ozean und nordwestlich von Australien. Manatis verbreiten sich über den Golf von Mexiko, die Karibik bis zur Küste Brasiliens. Der Amazonas Manati ist die kleinste und einzige Art, die im Süßwasser lebt. Afrikanische Manatis leben vor der Westküste Afrikas vom Senegal bis zum nördlichen Angola.

Mit einer Körperlänge von 2,50 bis 4,00 m und einem Gewicht zwischen 250 und über 700 kg haben sie wenige Fressfeinde. Es ist verständlich, dass bei diesen Körpermaßen die Nahrungsaufnahme einen erheblichen Teil des Tages ausmacht. Seekühe sind dabei nicht an Tageszeiten gebunden. Sie können sowohl am Tag als auch in der Nacht auf Futtersuche gehen. Während Dugongs ausschließlich Pflanzen auf dem Meeresboden fressen, weiden Manatis Seegrasinseln, Mangrovenblätter und andere Wasserpflanzen an der Oberfläche ab. Etwa alle 5 Minuten kommen sie zum Atmen an die Oberfläche, können aber auch bis zu 20 Minuten tauchen.

Außer einer engen Mutter/Kind Beziehung sind Seekühe Einzelgänger. Man trifft sie aber auch in Familienverbänden oder größeren Gruppen (wenn Futterknappheit herrscht) an. Sehr interessant ist die Verständigung der Tiere untereinander. Sie verständigen sich über das Aussenden von Geschmacks- und Geruchspartikeln und durch hohes Gurren oder Zirpen. Die Mutter/Kind Kommunikation gleicht einem Duett. Bisher konnte jedoch noch nicht erklärt werden, wie sie diese Töne erzeugen, denn Seekühe besitzen keine Stimmbänder. Das Hörvermögen beschränkt sich auf hohe Frequenzen ab etwa 600 Hertz. Leider wird das den in der Karibik und Florida lebenden Tieren häufig zum Verhängnis, da sie die tieftönenden Motorbootgeräusche nicht hören können.

Man geht davon aus, dass Weibchen, sofern das Futterangebot ausreichend ist, das ganze Jahr über empfangsbereit sind. Sie paaren sich mit mehreren Männchen, ohne dass es dabei zu Rivalitäten unter den Bewerbern kommt. Nach etwa einem Jahr wird ein Junges geboren, das etwa 18 Monate gesäugt wird und auch anschließend noch einige Zeit in der Nähe der Mutter bleibt.

Alle Bilder dieser Galerie zeigen Amazonas-Manatis. Die oberen 3 Bilder entstanden im Zoo Nürnberg, die unteren 3 im Zoo Duisburg.

Ich habe geschrieben, dass Seekühe keine natürlichen Feinde haben, allerdings ist der Mensch zum Feind Nummer 1 geworden (natürlich). Pestizide, eingeleitete Industrieschadstoffe durch Industrieanlagen und Verlust von Lebensraum dezimieren die Zahl der Seekühe schon viele Jahre weltweit. Ein Absterben der Seegraswiesen an Floridas Küsten verursacht durch die genannten Faktoren war am Tod von an die 1000 Tieren im Jahr 2021 schuld. Nun hat der Bundesstaat Schutzmaßnahmen ergriffen und man kann nur hoffen, dass sie sich als wirksam erweisen.

Zeichnung von Stellers Seekuh aus Henry Neville Hutchinsons 1892 erschienenem Buch Extinct Monsters. (© Biodiversity Heritage Library, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Stellers Seekuh

Die Entdeckung dieser Art in der Beringsee ist eng verbunden mit einer unvorstellbaren vom Menschen verursachten Naturkatastrophe und dem tragischen Schicksal der Expeditionsmannschaft und letztlich auch des Entdeckers und Wissenschaftlers Georg Wilhelm Steller.

1730 beschloss die russische Kaiserin Anna Iwanowna eine Expedition nach Kamtschatka zu senden, um von dort die nördlichen Küsten Russlands zu vermessen und den Seeweg nach Amerika und Japan zu erkunden. Mit der Leitung der sogenannten „Großen nördlichen Expedition“ die von 1733 bis 1743 dauerte wurde Kapitän Vitus Bering beauftragt, der zuvor schon die erste Kamtschatka-Expedition geleitet hatte (im Auftrag Zar Peter I.).

Georg Wilhelm Steller (geb. 1709 in Windheim, Mittelfranken) stieß nach Aufforderung durch Bering zur Expedition. Steller war Ethnologe und Naturforscher aber auch Arzt und als solcher wurde er von Bering auf dem Flaggschiff „St. Peter“ angeheuert. 1741 stachen die „St. Peter“ und die „St. Paul“ in See. Ende Juli erreichte die St. Peter die heutige Insel Kayak Island. Aufgrund der Wetterlage beschloss Bering jedoch eine zügige Rückkehr, die allerdings absolut chaotisch verlief. U.a. war Bering zu dieser Zeit bereits sehr krank und sein Durchsetzungsvermögen schwand zusehends. Am 16. November strandete das stark beschädigte Schiff auf einer Insel, die die Besatzung fälschlicherweise für Kamtschatka hielt tatsächlich aber etwa 500 Meilen nördlich davon lag. Bering verstarb dort und die Insel wurde nach ihm „Bering-Insel getauft.

Steller sammelte während des neunmonatigen, erzwungen Aufenthalts Proben von Mineralien, Pflanzen, zeichnete Vögel und notierte akribisch das Verhalten der dort lebenden Tiere, wie beispielsweise das von Robben oder Polarfüchsen.

Während seines Aufenthalts auf der Bering-Insel erforschte er auch die in Ufernähe lebenden Seekühe. Im Gegensatz zu deren nahen Verwandten den Dugongs waren diese jedoch zwischen 8 und 9 Metern lang und 5000 bis 8000 kg schwer. Natürlich war es schnell klar, welch ungeheure Essensvorräte diese zutraulichen Tiere liefern konnten und so begann das Schlachten. Steller kehrte mit der verbliebenen Mannschaft im August 1742 aufs russische Festland zurück. Mit seinen Exponaten und Aufzeichnungen verließ er Kamtschatka 1744 in Richtung St. Petersburg, das er nie erreichte. Er starb 1746 im westsibirischen Tjumen an Krankheit und Erschöpfung.

Alle Seefahrer und Pelztierjäger die die Bering-Insel anliefen, bedienten sich nun der kostenlosen Nahrungslieferanten und so nahm die von mir anfangs erwähnte Katastrophe ihren Lauf.  Das letzte Tier wurde 1768 von Jägern getötet. Stellers Seekuh war nach 27 Jahren ihrer Entdeckung bereits ausgestorben. Ähnlich erging es übrigens den Polarfüchsen, deren wertvolle Felle von den überlebenden Expeditionsteilnehmern auf dem Festland zu hohen Preisen verkauft wurden und die damit einen Run auf diese Tiere auslösten, der sie sowohl in Russland als auch in Alaska fast ausrottete.

Alle Bilder Senckenbergmuseum Frankfurt – Gabelschwanz- und Rundschwanz-Manati

Für uns Besserwisser:
Polyandrie: Die Polyandrie (Vielmännerei) ist eine Form der Polygamie, bei der sich innerhalb der gleichen Fortpflanzungsperiode ein Weibchen mit mehreren Männchen paart, die Männchen jedoch nur mit diesem einen Weibchen. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet in etwa „Reichtum an Männern“.

Bei Nachforschungen zu Steller war mir das Buch von Auro Koivisto „Georg Wilhelm Steller – Die Opfer einer Forschungsreise“ sehr nützlich.

Serval

Man kann nicht umhin vielen Tieren in Aussehen und Bewegung eine gewisse Eleganz zuzusprechen. Servale gehören mit ihrer schmalen hochbeinigen Erscheinung und der attraktiven Zeichnung definitiv dazu. Sie haben von allen Katzen die längsten Beine, sie verleihen dem Tier eine unglaubliche Sprungkraft. Die Körperlänge misst max. 95 cm und die Schulterhöhe max. 65 cm. Der Kopf ist recht klein, wodurch die breiten, langen Ohren schon fast überdimensioniert wirken.

Systematisch gehört der Serval innerhalb der Familie der Katzen zur Unterfamilie der Kleinkatzen. Eine enge Verwandtschaft besteht zu den ebenfalls in Afrika vorkommenden Karakals und Goldkatzen. Das Verbreitungsgebiet wird in der folgenden Karte dargestellt, wobei blau aktuell und rot ausgestorben bedeutet.


In den Maghreb-Staaten Tunesien und Algerien und der Westsahara gilt der Serval als ausgestorben, allerdings gab es Versuche, die Tiere in Tunesien wieder anzusiedeln. In Marokko wird vermutet, dass es einen kleinen Bestand geben könnte. Der Lebensraum umfasst die mit Gras bewachsenen Savannen und Buschgebiete, die über Wasserstellen und Flussläufe verfügen, außerdem Galeriewälder und Bergwiesen bis in 2000-3000 m Höhe und schilfbewachsene Sumpfgebiete. Die Tiere sind von Wasservorkommen abhängig.

Wer nun denkt das Jagdverhalten könnte wegen der langen Beine dem von Geparden ähneln, zumal der Lebensraum dafür ja ideal wäre, der irrt. Servale sind keine schnellen Jäger. Sie lauern ihrer Beute auf. Im hohen Gras sind die langen Beine und ihr überragendes Gehör von großem Nutzen. Sie können ihre Beute, meistens Nager aber auch kleine Antilopen, Reptilien und auffliegende Vögel, mit dem Gehör verorten, schleichen sich an, springen hoch und haken sie mit den Krallen fest. Sie sind in der Lage ihre Beute auch in unterirdischen Gängen aufzuscheuchen und sie mit blitzschnellen Tatzenhieben aus dem Bau oder aus Felsspalten zu ziehen.

Beschränkt sich die Beute im Wesentlichen auf kleine Tiere, sind Servale gezwungen den überwiegenden Teil des Tages zu jagen. Man kann sie dann mit lauschendem aufmerksamem Blick durch ihr Revier ziehen sehen. Unterbrochen werden die Jagdzüge nur durch etwa einstündige Pausen, die sie in Erdlöchern verbringen und natürlich ruhen sie während der heißen Tageszeit im Schatten.

Die Größe ihres Jagdreviers ist sehr unterschiedlich, kleiner bei Weibchen etwas größer bei Männchen. Das Kerngebiet kann zum Beispiel 1,5 qkm groß sein, während sich das gesamte Revier zwischen 6 und 32 qkm ausdehnen kann. Dies hängt von Umweltfaktoren (z.B. Wasserstellen), Beutedichte, Störungen durch Menschen (z.B. Landwirtschaft) oder anderen Raubtiere (Dichte an Löwen oder Hyänen) ab. Auch die Zeit der Aktivität wird diesen Faktoren angepasst. Obwohl Servale eigentlich tagaktive Tiere sind.

Servale markieren ihre Reviere sehr intensiv, wobei sich Reviere von Männchen und Weibchen überschneiden können. Ansonsten verteidigen insbesondere Männchen ihr Gebiet vehement gegen Eindringlinge.

Servale sind Einzelgänger und treffen mit dem anderen Geschlecht nur zur Paarung zusammen. Mütter nehmen ihre Jungen (üblich 1-3) ab dem sechsten Lebensmonat mit auf die Jagd. Im Zoo kann das Sozialverhalten dahingehend verändert werden, dass eine gemeinsame Haltung beider Geschlechter möglich ist.

Obwohl die Art in einigen Gebieten ausgestorben ist (südafrikanische Kap-Region), ist der Bestand im Großen und Ganzen nicht gefährdet. Genauere Bestandszahlen liegen jedoch nur für die Schutzgebiete vor, außerhalb dieser Zonen stützt man sich auf Vermutungen. Ihre große Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichen Gegebenheiten in ihren jeweiligen Lebensräumen helfen, den Bestand hoffentlich auch in Zukunft zu sichern.

Servale werden im deutschsprachigen Raum in etwa 60 Zoos und Tiergärten gehalten. Leider wird kein Zuchtbuch geführt. Und wie meine Bilder zeigen erwischt man sie häufig in Ruhephasen.Die folgenden Bilder wurden alle in der wilhelma Stuttgart aufgenommen

Die folgenden Bilder wurden alle in der Wilhelma Stuttgart aufgenommen. Im Anschluss an die Bildergalerie findet ihr noch einen Beitrag über Savannahs

die folgenden Bilder wurden im Zoo Saarbrücken 03/25 aufgenommen


Savannahs

Liebe Leserin, lieber Leser stellt Euch vor, man käme auf die Idee das domestizierte Tier Mensch und einen seiner wildlebenden nächsten Verwandten – vielleicht einen Schimpansen – zu kreuzen. Ein ethischer Aufschrei und moralische Entrüstung auf diese Entgleisung wären die Folgen. Behalten wir uns dieses Szenario einmal im Hinterkopf.

Wer zu Servals recherchiert oder sich mit Wildkatzen allgemein beschäftigt, kommt um das Thema Savannahs nicht herum. Bereits in den 1960er Jahren wurde mit Katzenhybriden experimentiert. Damals noch um Resistenzen gegen die Feline Leukämie-Infektion bei Hauskatzen zu entwickeln. 1986 gelang es jedoch der Amerikanerin J. Frank, einen Serval-Kater mit einer Siamkatze zu verpaaren. Nun möchte ich gar nicht genau wissen, wie das der Dame gelungen ist. Fest steht, dass eine Hauskatze sich nie mit einer Wildkatze paaren würde. Größenunterschied und der kräftige Nackenbiss des Katers sind definitiv nicht artgerecht im Hinblick auf Hauskatzen. Für das Muttertier bedeutet dies sehr oft eine Verletzung, häufig auch den Tod. Ganz zu schweigen von der Geburt der Welpen die eine enorme Größe im Vergleich zu normalen Katzenwelpen erreichen und daher meist per Kaiserschnitt geboren werden müssen. Männliche Tiere der ersten Generationen (F1-4) sind unfruchtbar, erst ab der Generation F5 können Savannahs mit Savannahs verpaart werden.

Wichtig dabei ist zu wissen, dass die erste Generation (F1) einen Wildblutanteil von etwa 50% hat, der dann von Generation zu Generation sinkt, F5 hat einen Anteil von etwa 3%. Decken Savannah-Kater allerdings Savannah-Katzen steigt dieser wieder. 2012 wurden Savannahs ab F5 als Rasse von der TICA akzeptiert.

Zukünftige Halter, die für einen solchen Hybrid zwischen € 1000 und € 10.000 auf den Tisch legen, unterschätzen oft die Wildtiereigenschaften ihrer neuen Hausgenossen. Mit den Anschaffungskosten ist es auch nicht getan. Freigehege, Warmhaus für den Winter sind wohl nur einige Posten, die zusätzlich kalkuliert werden müssen.

Warum macht man das also? Auf einer Homepage für Hybrid-Katzen steht zu lesen:
„Diese Hybridkatzen teilen eine markante Eigenschaft: Sie sind wild und unglaublich schön anzusehen, anders als die gewöhnliche Hauskatze von nebenan.“

Hier wird also nichts anderes befriedigt als das menschliche Ego. Man will sich vom „Normalo“ absetzen und seinen Instagram oder TikTok Account füllen. Justin Bieber hat wohl 390.000 Follower auf dem Account, den er 2019 für seine beiden Savannahs eingerichtet hat. (SZ „Mein Haus, mein Auto, mein Raubkätzchen“ vom 31.05.2021)

Wäre der Einsatz menschlichen Erfindergeists und Experimentierfreude nicht auf anderen Gebieten sinnvoller? Und wo bleiben ethischer Aufschrei und moralische Entrüstung?

Für uns Besserwisser:
F1-5: F steht für Filialgenerationen oder Tochtergeneration. F1 ist also die erste Generation nach der Kreuzung zweier Individuen. F2 wäre dann die Enkelgeneration usw.
Nackenbiss: Der Kater beißt die Katze während des Paarungsaktes in den Nacken und fixiert sie so. Durch den Paarungsakt bzw. die physische Stimulation erfolgt der Eisprung bei der Katze.