Neuweltkamele / Domestikation und Bedeutung der Kamele für die Menschen.
In dieser Fortsetzung zum Beitrag „Kamele“ geht es nun um die höckerlosen Kleinkamele der Neuen Welt. Außerdem betrachte ich die Bedeutung für die Menschen die Kamele domestiziert und nach ihren Wünschen gezüchtet haben bzw. das immer noch tun.
Falls ich euch mit der Systematik der Neuweltkamele etwas verwirrt habe, hier noch einmal zur Klarstellung: Es gibt zwei Wildformen und zwei daraus domestizierte Arten. Die wildlebenden Stammformen sind Vikunjas und Guanakos, die daraus hervorgegangenen Hausformen sind Alpakas und Lamas. Ihre höckerlosen Vorgänger eroberten von Mittel- und Nordamerika über den Isthmus von Panama den Westen und Süden des südamerikanischen Kontinents.
Guanakos im Opel-Zoo und Zoo Leipzig




Das Verbreitungsgebiet der Guanakos sind die Anden von Peru, Bolivien und Chile bis etwa 4000 m Höhe sowie Patagonien. Ihr Lebensraum ist das Grasland, die Steppen und Halbwüsten sowie Hochebenen wie das Altiplano. Hier finden sie ihre Nahrung, die aus Gräsern, Kräutern und Moosen besteht. An Hitze und Kälte sind sie genau wie Vikunjas bestens angepasst. Vikunjas sind echte Gebirgstiere, die sich in Höhen von 3500 bis zu 5000 m besonders wohlfühlen. Man findet sie deshalb in den sogenannten Hochanden von Ecuador, Bolivien, Peru Argentinien und Chile. Alpakas werden in Peru (4 Mio.) und Bolivien (450.000) gehalten, Lamas in Bolivien (2 Mio.) und Peru (750.000). Die unterschiedlichen Bestände sind auf Ansprüche der Tiere an ihren Lebensraum zurückzuführen. Das bolivianische andine Hochplateau ist trocken und somit für Lamas besser geeignet.
Vikunjas im Zoo Frankfurt, Wilhelma und Hellabrunn






Die vier Arten lassen sich recht gut unterscheiden. Guanakos und Lamas sind die größeren der vier Arten mit langen Beinen und einem eher kleinen Kopf auf einem langen Hals. Vikunjas sind kleiner und zierlicher, haben aber auch einen langen Hals. Angepasst an die extremen Temperaturen in ihrem Lebensraum ist ihr Fell wollig, weich und sehr fein. Alpakas sind unwesentlich kleiner als Lamas mit einem ähnlichen Körperbau. Da sie zur Wollerzeugung gezüchtet wurden, tragen sie ein dichtes Haarkleid, das sie sehr kompakt wirken lässt. Wie bei den Großkamelen haben auch die wilden Vertreter der Kleinkamele einheitliche Fellfarben. Während die Oberseite zimtfarben, rotbraun (Vikunja) oder hellbraun (Guanako) ist, sind die Tiere auf der Unterseite weiß gefärbt. Bei Lamas und Alpakas finden sich verschiedene Farbschläge bzw. auch gefleckte Tiere.
Lamas und Alpakas spuken. Normalerweise trifft dies Artgenossen, um z.B. die Rangfolge zu klären oder weibliche Tiere spuken um aufdringliche Männchen von einer Paarung abzuhalten. Da es sich dabei um Magensäfte handelt und sie sehr treffsicher sind, sollte man darauf achten, die Tiere niemals zu provozieren. Bei angelegten Ohren und aufgestelltem Schwanz ist Vorsicht geboten.
Domestizierte Kameliden
Hunde, Pferde, Kamele und unsere übrigen Haustiere – was wäre die Menschheit ohne sie? Haustiere haben unseren Vorfahren ermöglicht ein sesshaftes Leben zu führen, effektiv zu jagen, den Boden zu bestellen, Waren und Menschen über weite Strecken zu transportieren aber auch Tod und Vernichtung über andere Völker zu bringen. Groß- und Kleinkamele haben hierbei meiner Meinung nach einen besonderen Status unter den Haustieren. Mit ihren Fähigkeiten haben sie es Menschen erst ermöglicht in unwirtlichen Gegenden dieser Welt zu (über-) leben.
Von wem die Annährung ausgegangen ist weiß man nicht genau. Haben die Tiere die Nähe des Menschen gesucht oder umgekehrt. Der erste Schritt einer Domestikation ist immer, die Angst vor seinem Gegenüber zu verlieren. Es folgt der lange Prozess einer wechselseitigen Annährung, die letztendlich zur Zahmheit der Tiere führt. Veränderungen in Gestalt und Anatomie sowie bei Stoffwechsel, Wachstum und Fortpflanzung gehen mit dem Übergang vom Wildtier zum Haustier einher. *
Für die Menschen bedeutete es zunächst, Verantwortung und Sorge für ihre neuen Hausgenossen zu übernehmen. Durch Zucht und Selektion konnte im Verlauf der Zeit der Nutzen gesteigert werden, was die Haustiere immer wertvoller für ihre Besitzer machte.
Die Domestikation der Dromedare begann vor etwa 3000 – 4000 Jahren an der Südküste der Arabischen Halbinsel, die der Trampeltiere (Baktrische Kamele – siehe Kamele I) vielleicht in der historischen Region Baktrien (im Nordosten des Iran) vor 5000 – 6000 Jahren. Bei den Kleinkamelen in Südamerika untermauern archäologische Ausgrabungen einem Zeitraum vor 6000 – 7000 Jahren.
Eine besondere Gefahr birgt allerdings die Hybridisierung, also das Einkreuzen von Wildtieren bei Haustieren, um die Robustheit oder Ausdauer der Haustiere zu steigern. Insbesondere sind dadurch die Wildbestände von Przewalski-Pferden und Kamelen gefährdet. Sie teilen sich den Lebensraum mit ihren domestizierten Verwandten und durch das Einkreuzen geht der Genpool der Wildform verloren, was letztendlich zum Aussterben der wildlebenden Pferde und Kamele führen würde.
Lamas im Zolli Basel






Die Bedeutung für die Menschen
Ursprünglich nutzten die Kamelhirtenvölker ihre Tiere in unterschiedlicher Weise entsprechend ihrer Kultur und der Traditionen. Arabische Beduinen verwerteten praktisch alles was ein Kamel liefern konnte, Milch, Fleisch, Wolle, Leder oder Dung. Außerdem leisteten die Dromedare wertvolle Dienste beim Transport von Waren oder als Reittiere. Andere Ethnien, wie die Somalier am Horn von Afrika, nutzen ihre Tiere fast ausschließlich als Milchlieferanten. Bei den Raika, einer Hindu-Kaste in Rajasthan, war es undenkbar, ein Kamel zu schlachten oder die Milch zu verkaufen. Lamas dienten ihren Besitzern als Transporttier und Fleischquelle, während Alpakas zur Wollproduktion gehalten wurden und werden. Bei allen Hirtenvölkern waren die Tiere nicht nur hochgeschätzt, sondern hatten fast den Status eines Familienmitglieds, ein Zeichen der Abhängigkeit von den Haustieren.
Heute treten Traditionen und Kultur in den Hintergrund, Optimierung ist das Zauberwort. Es wird gekreuzt was das Zeug hält, um Woll-, Fleisch- und Milcherträge zu steigern. So sind in Ostafrika große Molkereien und Schlachtereien entstanden, um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Größter Kamelmilchproduzent ist jedoch Kasachstan, dessen Trockenmilch in China reißenden Absatz findet. Da in den arabischen Ländern die Dromedare als Transportmittel zunehmend an Bedeutung verloren haben, werden die Tiere für den Rennsport gezüchtet und trainiert. Dafür ist in den Ölstaaten eine regelrechte Industrie entstanden.
In Südamerika geraten die Halter von Alpakas und Lamas zunehmend unter Druck, da es immer schwieriger wird, die Vorgaben aus USA oder Europa an die Haltung, Ernährung und Qualität der Wolle zu erfüllen. In der Folge bleibt für die Hirtenfamilien immer weniger Ertrag, da sie auf die internationalen Marktpreise keinen Einfluss haben.
Nachdem man in Australien jahrelang die wild lebenden Dromedare abgeschossen hat, werden sie in der Zwischenzeit „geerntet“, um Fleisch und Milch zu gewinnen. In Europa und USA werden Alpakas und Lamas vielfach als Therapietiere eingesetzt, eine Art der Nutzung welche den natürlichen Sanftmut der Tiere nutzt.
Alpakas im Tierpark Schwarzach, Zoo Frankfurt und Karlsruhe






Für uns Besserwisser: „domestizierte Kameliden“ diese Bezeichnung umfasst Dromedare, Trampeltiere, Alpakas und Lamas, also nicht deren wilde Verwandte, Wildkamele, Vikunjas und Guanakos.
*Domestikationssyndrom – So werden Veränderungen im Verhalten und im Aussehen bei Tieren genannt, die in menschlicher Abhängigkeit leben. Das betrifft z.B. Zahmheit gegenüber Menschen, Fellfarben, Größe und ein kleineres Gehirn.
Während ich dies schreibe kommt mir ein Gedanke. Sind wir Menschen nicht auch domestiziert und sind wir nicht auch auf dem Weg zu einer Abhängigkeit z.B. von Social Media und KI … Es ist nur so ein Gedanke liebe Leserinnen und Leser.