Liebe Leserinnen und Leser geht es euch auch so: zu manchen Städten entwickelt man eine Art magische Verbindung. Vielleicht lebt man kurze Zeit in dieser Stadt oder besucht sie häufig. So ergeht es mir mit meiner zweiten Heimat Frankfurt, aber auch mit Karlsruhe. Zunächst als Schüler einer Handelsschule war diese Zeit weniger magisch. Dann einige Jahre das regelmäßige Treffen mit Kolleginnen und Besuche bei unserem Sohn, der am KIT studierte, gefolgt von einigen Wochenendausflügen mit meiner Frau. Und natürlich gehörten irgendwann auch regelmäßige Besuche des Zoos zu meinem Programm. Aber genug der Magie, wenden wir uns dem Zoologischen Stadtgarten zu.
Geschichte
Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die demokratische Entwicklung des Bürgertums Fahrt auf. Man ging auf Distanz zum Adel, (wenn auch seine finanziellen Mittel noch gebraucht wurden). Die zunehmende Industrialisierung veränderte die Städte und verlangte den Menschen alles ab. Das Verlangen nach Erholung, Freizeitgestaltung und Unterhaltung wuchs bei den Städtern. Viele neue Vereine wurden gegründet, um gemeinsamen Interessen nachzugehen. Es begann eine Welle der Zoogründungen, die für Ablenkung vom täglichen Einerlei und dem erwachenden Interesse an allem Exotischen gerecht werden sollten. Parks und Grünanlagen wurden geschaffen oder vorhandene vom Adel für die Öffentlichkeit geöffnet. Oft jedoch gingen die Initiativen von den Bürgern aus.
Nachdem in Berlin (1844) und Frankfurt (1858) die ersten Zoos in Deutschland eröffnet wurden, war es in Karlsruhe 1865 soweit. Beachtenswert dabei ist allerdings, dass die Stadt zum damaligen Zeitpunkt nur etwa 30.000 Einwohner zählte. Der neu gegründete Geflügelzuchtverein mietete ein Gelände an, das auch heute noch ein Teil des Stadtgartens ist. Perspektivisch sollte nicht nur heimisches Geflügel, sondern auch exotische Tiere ausstellt werden. Das Gelände bekam deshalb auch den Namen „Thiergarten“. Da die finanziellen Herausforderungen für den Verein jedoch zu groß waren, übernahm die Stadt bereits nach wenigen Jahren den „Thiergarten“ und es entstand in der Folgezeit der Stadtgarten mit einem integrierten Zoo.
Der Ankauf von Tieren nahm Fahrt auf und Stadtgarten und Zoo wurden die beliebteste Freizeit-einrichtung der Karlsruher. Trotzdem lief nicht alles rund. Obwohl der Zoo über eine beträchtliche Zahl von Tieren verfügte, konnten viele Gebäude und Käfige nicht renoviert oder vergrößert werden. Das war teilweise dem städtischen Geldmangel geschuldet aber auch der Meinung einiger Experten, dass möglichst viele Tiere in einen Käfig gehören, damit die Besucher die Tiere nicht auf einer weitläufigen Anlage suchen müssten. Die Kriege unterbrachen immer wieder die Tierhaltung und 1949 war es endlich soweit, dass wieder Tiere beschafft und Zoo und Stadtgarten aufgebaut werden konnten.





Bekannte Personen
Karlsruhe hatte keinen Alexander von Humboldt (Initiator in Berlin) oder einen Bernhard Grzimek. Glücklicherweise gab es jedoch zu allen Zeiten engagierte Karlsruher. Die Initiative zur Gründung eines Zoos ging wohl von einem Vorstandsmitglied des Geflügelzuchtvereins, dem Apotheker Julius Ziegler, aus. Da der Zoo viele Jahrzehnte dem Gartenamt unterstellt war, waren die Verantwortlichen meist aus diesem Fachbereich. Einen verantwortlichen Zoologen gab erst ab 1955 mit Dr. Karl Birkmann. Zunächst arbeitete er nebenberuflich noch als Lehrer. Er bekam allerding Schützenhilfe von Bernhard Grzimek, der in einem Brandbrief an Oberbürgermeister Klotz eine professionelle Leitung zur Entwicklung eines modernen Zoos anmahnte. 1961 wurde er zum Direktor des nun in „Zoologischer Garten Karlsruhe“ umbenannten Tiergartens. Eine sehr bekannte Person gibt es allerdings aktuell doch, Prof. Dr. Matthias Reinschmidt ist Biologe, Tierphysiologe, Papageienspezialist und Artenschützer und seit 2015 Direktor des Zoos.
Tierpark Oberwald
1967 fand die Bundesgartenschau in Karlsruhe statt. Im Zuge der Planungen wurde die konzeptlose Gestaltung des Zoos überarbeitet. Zoo und botanischer Teil des Stadtgartens wurden umgestaltet. Das hatte zur Folge, dass Huftiere mit besonders großem Platzbedarf „ausgelagert“ werden mussten. Es fand sich schließlich im Oberwald zwischen Südstadt und Rüppurr ein geeignetes Gelände. 1970 beschloss die Stadt den Tierpark Oberwald zur Dauereinrichtung zu machen. Der Wald wurde gelichtet, Futterstellen und Tierhäuser verbessert und einige andere Probleme mussten gelöst werden. Aber mit den Jahren wurde das Gelände zu einem besonderen, 16 Hektar großen Naherholungsgebiet, das frei zugänglich ist.



Schwerpunkte – Tiere
Momentan leben 7195 Tiere in 353 Arten im Zoo, allerdings schließt dies Schwarmtiere (Insekten, Fische) mit jeweils 500 Einzeltieren ein. Dem heutigen Trend in der Tierhaltung folgend wurden in den letzten Jahren Tierwelten geschaffen. Für mich immer wieder beeindruckend – Himalaya mit Roten Pandas, Schneeleoparden und Schneeeulen, die Wasserwelt mit Seelöwen, Pinguinen und Eisbären sowie die Afrikasavanne auf der Giraffen, Zebras, Kronenkraniche und Säbelantilopen vergesellschaftet sind. Das ehemalige Tullabad wurde zum Exotenhaus, das in einer Freiflughalle exotische Vögel und Affen beherbergt und im Untergeschoss verschiedene Aquarien und kleine Säugetiere zeigt. Die Leidenschaft des Direktors für Papageien hatte ich schon erwähnt, und so findet man an verschieden Stellen im Zoo Volieren mit wunderschönen Aras und Kakadus.



Artenschutz
Seit 2016 gibt es die Artenschutzstiftung des Zoos. Gemeinsam mit dem Zoo unterstützt sie eine Vielzahl dauerhafter und auch kurzfristiger Projekte im In- und Ausland. So beispielsweise das „Red Panda Network“ in Nepal, Schutz von Elefanten in Myanmar in Verbindung mit der Sicherstellung der Lebengrundlagen der dortigen Landbevölkerung oder den Schutz der letzten Bestände von Hyazinth-Aras in Bolivien. Lokale Aktivitäten betreffen die Auswilderung von Luchsen oder das Aufstellen von speziellen Baumkästen für Wiedehopfe in der nördlichen Ortenau, die einen alten Stamm mit Höhle imitieren.
Mein Fazit
Ich habe eine Jahreskarte, obwohl ich in Südhessen wohne. Das könnte als Fazit eigentlich genügen – oder? Aber ich will mich doch etwas ausführlicher erklären. Der Zoologische Stadtgarten liegt gegenüber des Hauptbahnhofs. Kein Umsteigen, keine lange ÖPNV-Fahrt. Einer meiner Lieblingsplätze ist das Exotenhaus, hier ist Geduld und Muse gefragt. Über den oft gehörten Satz „Komm lass‘ uns weitergehen“ freue ich mich dann schon mal, denn dann bin ich oft eine Zeitlang alleine mit den Vögeln. Wird es im Zoo zu voll, findet man im Stadtgarten jederzeit ein ruhiges Plätzchen. Seit Mövenpick die Restauration übernommen hat, kann man über Speis‘ und Trank‘ nicht mehr meckern. Für alle Süßmäuler (also auch für mich) ist der Waffelgarten ein „Muss“ bei jedem Besuch. Und die Tiere? Ja auch deretwegen bin ich gerne da.
Zukunft
2016 wurde ein Masterplan erstellt, der an die 40 Projekte umfasste. Erfreulicherweise konnten die meisten umgesetzt werden. Ein letztes Projekt, die Katta-Insel schreitet seiner Vollendung entgegen. Die Kosten in Höhe von 1,5 Mio. € wurden jedoch alleine von den Zoofreunden Karlsruhe gestemmt. Man kann nur hoffen und die Daumen drücken, dass der Zoo weiterhin diese großartige Unterstützung erfährt.




Für uns Besserwisser: 2014 erstellte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ein Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren, das sogenannte Säugetiergutachten. Das gab es zwar seit 1996 bereits, aber nun wurden in einem eigenen Kapitel allgemeine Anforderungen an Haltung, Pflege und Tierbestandsmanagement formuliert.