Riesenschildkröten


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Es sind wahrhaftig urtümliche Tiere. Seit etwa 60 Millionen Jahren (dem Tertiär) bevölkern sie diesen Planeten – unvorstellbar. Geduldig und bedächtig in ihren Bewegungen, in Eile höchstens, wenn Futter in der Nähe gewittert wird oder ein paarungsbereites Weibchen das Interesse eines Männchens geweckt hat. Ich spreche von Landschildkröten (Familie: Testudinidae) und zwar von den Schwergewichtigen unter Ihnen, den Galapagos-, Aldabra- (oder Seychellen-) Riesenschildkröten und Spornschildkröten. Schildkröten sind Reptilien und haben mit Kröten, die ja Amphibien sind, nichts zu tun. Der irreführende Name wurde jedoch bereits im Altgriechischen verwendet, χελώνη bzw. Cheloni bedeutet u.a. „Schildkröte“. Übrigens wurde die in der Ära Gaius Julius Caesars entwickelte militärische Angriffsformation des römischen Heeres „Testudo“ oder „Schildkrötenformation“ genannt. Asterix Leser kennen das natürlich.

Außer der Spornschildkröte sind die noch existierenden Riesenschildkröten alle auf Inseln beheimatet. Wie kommt das und vor allem woher kommen sie? Zwei Theorien besagen, dass sie schwimmend und mit Treibgut die Inselgruppen erreicht haben. Eine andere besagt, dass die heutige Riesenform evtl. eine Verkleinerungsform ehemaliger noch größerer Tiere ist, die sich nach der Entstehung der Inseln in ihrer Größe dem Nahrungsangebot und den Bedürfnissen ihres Lebensraums angepasst haben. Für die erste Theorie spricht auf alle Fälle ihre Fähigkeit mit dem Kopf nach oben schwimmend große Entfernungen zurückzulegen, und sie sind in der Lage bis zu einem halben Jahr auf Nahrung und Süßwasser verzichten zu können. Genuntersuchungen haben ergeben, dass die Tiere der Galapagos-Inseln nahe Verwandte der Patagonischen (Chaco-) Landschildkröte sind. Wahrscheinlich haben sich die Aldabra -Riesenschildkröten auf den Seychellen entwickelt und von dort die Komoren, Madagaskar und andere Inseln besiedelt.

Rekordverdächtig in der Tierwelt ist das Alter, das Riesenschildkröten erreichen können. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist 100 Jahre und mehr. Als Beispiele seien folgende Tiere genannt: „Harriet“ wurde etwa 1830 auf der Galapagos Insel Santa Cruz geboren und starb im Australia Zoo 2006 mit 176 Jahren an Herzversagen. „Adwaita“ wurde um 1750 auf dem Aldabra-Atoll geboren und von Seeleuten als Geschenk für Robert Clive (Gouverneur der britischen Besitzungen in Bengalen) nach Indien gebracht. Ab 1875 lebte Adwaita im damals neu eröffneten Zoologischen Garten Alipur in der Stadt Kalkutta. Er starb ebenfalls 2006 dort und wäre somit etwa 256 Jahre alt gewesen. Als die ältesten lebenden Exemplare gelten Jonathan auf St. Helena (* ca. 1834) und die möglicherweise über 200 Jahre alte Esmeralda auf der Seychellen Insel Bird Island. Sie dürfte mit ca. 300kg auch eines der schwersten lebenden Exemplare sein.

Aldabra-Riesenschildkröte

Der westliche Indische Ozean mit seinen Inseln vor der Ostafrikanischen Küste war das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Riesenschildkröten. Auf Madagaskar und den Komoren starben sie etwa 1000 n. Chr. aus, auf den Maskarenen (La Reunion, Mauritius und Rodrigues) überlebten sie bis 1795. Die heutigen Populationen verteilen sich auf das Aldabra- und das Farquhar-Atoll, sowie die nahe Mahé gelegene Insel Moyenne. Die Insel gehört zum kleinsten Nationalpark der Welt (Sainte Anne Marine National Park) beherbergt aber mit etwa 100 Tieren den größten Bestand.

Die Aldabra Riesenschildkröten unterscheiden sich von ihren auf Galapagos lebenden Verwanden durch folgende Merkmale: Der Kopf ist nur unwesentlich breiter als der Hals, sie haben große Kopfschuppen, ein Nackenschild, vertikal geschlitzte Nasenlöcher und sie können durch die Nase trinken, was beim Trinken aus flachen Tümpeln hilfreich ist.

Auf den Seychelleninseln ernähren sie sich von Gräsern, Blättern und dem sogenannten „Tortoise Turf“ einem Pflanzengemisch das auf den Inseln heimisch ist. Sie wandern bei Bedarf lange Strecken. Ihre Lernfähigkeit, ihr gutes Seh- und Erinnerungsvermögen – was durch Untersuchungen belegt wurde – hilft ihnen Wassertümpel, Schlammlöcher und neue Nahrungsquellen zu finden.

Die Fortpflanzungszeit fällt in die Regenzeit (Oktober bis April). Die Eiablage erfolgt dann in 1-2 Gelegen mit 5-25 Eiern (Juni bis September). Zum Ausbrüten wird eine Bodentemperatur von etwa 25° C benötigt. Das Geschlechtsverhältnis bei den Jungtieren ist etwa 1:1.

Galapagos-Riesenschildkröte

Wie bereits beschrieben erreichten die Vorfahren der Galapagos Schildkröten die Inselgruppen von der südamerikanischen Küste aus. Die ersten Tiere besiedelten Española und San Cristóbal. Von dort verbreiteten sie sich über das Galapagos Archipel aus. Sie bildeten auf den 10 größten Inseln 16 Unterarten von denen bis heute 10 überlebt haben*. Nachdem 1535 die Galapagos Inseln entdeckt wurden, diente das Archipel im 16. und 17. Jahrhundert Piraten als Unterschlupf. Die Tiere wurden als lebende Fleischreserven geschätzt und zu Tausenden auf die Schiffe verladen. Die Walfänger der folgenden Jahrhunderte machten sich dann gleichfalls die Überlebensfähigkeiten der Schildkröten als Lebendvorräte zunutze. Man schätzt, dass in zwei Jahrhunderten auf diese Weise 100.000 bis 200.000 Tiere in den Vorratskammern von Schiffen verschwanden.

Die Lebensweise der Galapagos-Riesenschildkröte ist ähnlich der Aldabra-Riesenschildkröte. Die Tiere haben sich entsprechend der Gegebenheiten auf den einzelnen Inseln in Nahrung und Verhalten angepasst. So befähigen z.B. hochgewölbte Panzer die Schildkröten zum Speichern von Wasser. Unterarten die sich überwiegend von Blättern ernähren haben eher sattelförmige Panzer.

Wie bei vielen Reptilien üblich wird das Geschlecht der Jungtiere durch die Temperatur im Nest während einer bestimmten Entwicklungsphase der Eier bestimmt (TSD). Höhere Temperaturen – Weibchen, niedrigere Temperaturen – Männchen. Die Temperaturen im Nest werden durch die Tiefe des Nestes oder die Beschattung geregelt.

*Eine Neuordnung durch heutige Erkenntnisse spricht aktuell von 14 Arten (nicht mehr Unterarten) von denen 3 ausgestorben sind.

Alle Bilder der folgenden Galerie stammen aus dem Zoo in Zürich.

Spornschildkröte

Eigentlich gehört diese Schildkrötenart nicht zu den Riesenschildkröten. Sie sind auch nicht mit einander verwandt. Allerdings wachsen auch sie zu beeindruckender Größe heran, sodass ich ihnen gerne einen Platz im Beitrag einräume. Den Namen erhielten sie von einem Sporn am Hinterbein. Der Lebensraum der Spornschildkröte ist die Sahelzone. Diese zieht sich bekanntermaßen vom Atlantik in einem schmalen Streifen bis zum Roten Meer. Es ist ein an sich schon schwieriger Lebensraum der von seinen Bewohnern hohe Anpassung verlangt. Das durch den Klimawandel verursachte Ausbreiten der Sahara nach Süden gefährdet den Lebensraum jedoch extrem.

Spornschildkröten werden etwa 80 cm (Männchen) und 50 cm (Weibchen) groß und haben einen flachen Panzer. Um die extremen Temperaturschwankungen zu überstehen, graben sie sich Höhlen, die bis 3,50m tief und 15 m lang sein können. Dort verbringen sie die heiße Tageszeit und während der Trockenzeit auch lange Phasen, in denen Stoffwechsel und die Herzfrequenz heruntergefahren wird. Als Nahrung benötigen sie Gras, Blätter, Sukkulenten, aber auch trockene Pflanzenteile, Aas, Insekten oder Tierkot. Wasser nehmen sie nur in geringen Mengen zu sich und verwerten es optimal.

Alle drei hier beschriebenen Arten sind stark gefährdet oder stehen kurz vor der Ausrottung. Nicht nur Piraten und Walfänger haben für eine Dezimierung der Bestände gesorgt, sondern auch invasive Tiere, die von Menschen in einen an sich schon fragilen Lebensraum eingeführt wurden. Schweine, Ratten, Hunde und Katzen die den Nachwuchs und Eier fressen, Ziegen die Nahrungskonkurrenten sind und Gelege zerstören. Und letztendlich Menschen die den Lebensraum der Tiere immer weiter einschränken.

Die Bilder der folgenden Galerie stammen alle aus dem Tiergarten Worms


Für uns Besserwisser:

Alle drei beschriebenen Landschildkröten gehören der Unterordnung Halsberger-Schildkröten an. Diese krümmen den Hals beim Einziehen des Kopfes senkrecht S-förmig in die Panzeröffnung. Während Halswender-Schildkröten den Kopf beim Einziehen in einer horizontalen S-förmigen Bewegung seitlich unter den Panzer legen. (z.B. Meeresschildkröten)

Geschlechtsdimorphismus – so werden in der Biologie die deutlichen Unterschiede in der Erscheinung von geschlechtsreifen Tieren der gleichen Art bezeichnet. (z.B. Färbung oder Größe)

Bei meinen Recherchen war mir die Dissertation von Katja Ebersbach: „Zur Biologie und Haltung der Aldabra- und der Galapagos-Riesenschildkröte in menschlicher Obhut unter besonderer Berücksichtigung der Fortpflanzung“ besonders hilfreich.


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