Dscheladas

Der Name „Dschelada“ für diese Affenart – die lat. Bezeichnung lautet „Theropithecus gelada“- hat seinen Ursprung im Amharischen, der Sprache Äthiopiens. Er leitet sich vom Wort „Gelada“ ab, was so viel wie „Affe“ oder „Meerkatze“ bedeutet. Außer der üblichen Vorstellung dieser Tierart möchte ich etwas ausführlicher über das soziale Miteinander bzw. den Aufbau der Dschelada – Gruppen erzählen. Wie für viele andere Tierarten, hat es sich auch für die Dscheladas im Laufe ihrer Evolution von Vorteil erwiesen, in Gruppen zu leben.

Aber beginnen wir mit der deutschen Bezeichnung „Blutbrustpavian“. Ein etwas seltsamer Name, der seinen Ursprung vom nackten Brustbereich der Tiere hat. Zur Fortpflanzungszeit oder bei starker Erregung färbt sich dieser rot. Die Art gehört zur Familie der Meerkatzenartigen, wie die Paviane auch. Allerdings haben Dscheladas und Paviane zwar gemeinsame Vorfahren, Dscheladas sind jedoch keine Paviane. Sie sind ihre nächsten Verwandten. Während Paviane in vielen Ländern Afrikas weit verbreitet sind, findet man Dscheladas ausschließlich im Hochland von Äthiopien.Prof. Grzimek nennt die Tiere in seinem „Tierleben“ (Säugetiere 1) deshalb Hochgebirgsaffen.

Um deren Lebensweise besser zu verstehen, werfen wir einen Blick auf die Geographie Äthiopiens. Das „Hochland von Abessinien“ zieht sich vom Norden bis in den Süden. Mehr als die Hälfte des Landes liegt über 1200 m hoch. Ein Teil dieses Hochlandes und die letzte verbliebene Heimat der Dscheladas, ist das Amhara-Plateau. Es fällt von 4500 m (der höchste Berg Ras-Dejen) bis auf etwa 2000 m nach Süden ab. Hier liegt auch ganz im Norden der größte Nationalpark und Weltkulturerbe der Simien-Nationalpark. Das Hochland wird zerschnitten durch zahlreiche Flüsse wie dem Weißen Nil, die tiefe Canyons und Täler mit steilen Abbruchkanten bilden. Das Klima in den niedrigeren Regionen des Plateaus ist durchaus mediterran, geht aber mit zunehmender Höhe in Hochgebirgsklima über. Die Landschaft wechselt mit zunehmender Höhe von einer nahezu baumlosen Graslandschaft in eine alpine Felslandschaft.

Die Dscheladas haben sich diesen Bedingungen perfekt angepasst. Abends ziehen sie sich in die höher gelegenen Felsformationen zurück, um dort die Nacht zu verbringen. Am Morgen lassen sie sich auf den Felsen ruhend von der Sonne erwärmen, um dann gemeinsam in die weiter unten gelegenen Plateaus mit ihren Graslandschaften zur Nahrungsaufnahme zu wechseln. Diese besteht zum überwiegenden Teil aus Gras. In Trockenzeiten sind sie jedoch durchaus flexibel und nehmen auch Wurzeln, Früchte, Knollen, Kräutern oder Insekten auf.

Dscheladas leben in Gruppen unterschiedlicher Größe zusammen. Diese Gruppen und Untergruppen erhielten folgende wissenschaftliche Namen:

  1. Die Ein-Mann-Haremsgruppe oder „One-Male-Unit“ – Es ist praktisch eine Familiengruppe aus 1-10 weiblichen Tieren mit den noch nicht erwachsenen Nachkommen. Angeführt wird die One-Male-Unit erwartungsgemäß von einem Alphamännchen. Löst ein erwachsenes männliches Tier ein anderes (evtl. zu altes) ab, so verbleibt dieses meist in der Gruppe, geht dem neuen Chef aus dem Weg und pflegt seinen Sozialkontakt (ohne Sexualkontakt) zu einem der Weibchen weiterhin.
  2. Da geschlechtsreife Männchen den Familienverband mit etwa 5-6 Jahren verlassen müssen, schließen sie sich zu Junggesellengruppen zusammen, die dann „All-Male-Units“ genannt werden. Nun schließen sich diesen Gruppen aus Erwachsenen auch Untergruppen aus Jugendlichen an, die oft zwischen der 1. und 2. beschriebenen Gruppe hin und herwechseln und mit ihren Müttern weiterhin Kontakt pflegen.
  3. Daraus folgt, dass sich beide Gruppen verwandtschaftlich nahestehen und sich ein Territorium teilen. Man nennt daher die Verbindung der Gruppen 1 und 2 ein „Team“. Hin und wieder versuchen sich geschlechtsreife Männchen aus Teams der One-Male-Unit anzuschließen, man nennt sie dann „Follower“. Follower leben am Rand der Gruppe versuchen aber zu gegebener Zeit das Alphatier abzulösen oder mit einer der Damen durchzubrennen um eine eigene One-Male-Unit zu gründen. Sie verteidigen allerdings auch gemeinsam mit dem Haremsführer die Gruppe gegen Eindringlinge wie z.B. solitär lebenden Männchen (Einzelgänger) oder Feinde.
  4. Mehrere Teams können „Bands“ (deutsch – Banden) bilden. Diese teilen sich dann ein Verbreitungsgebiet und nutzen gemeinsam Futterplätze und Wasserstellen. Außerdem gehen Forscher davon aus, dass es durch die fortlaufende Aufspaltung der Gruppen und damit Neubildung von One-Male-Units starke verwandtschaftliche Beziehungen innerhalb dieser Bands gibt. Die Bands bilden sich aus 30 – 260 Einzeltieren. Bands trennen sich bei knapp werdenden Nahrungsressourcen und kommen zusammen sobald sich die Situation verbessert.  
  5. Die größte Einheit in der sozialen Gemeinschaft bilden die dynamischen „Herds“ (Herden). Zusammensetzung und Größe ändern sich permanent und entstehen durch überlappende Reviere. Man konnte bis zu 600 Tiere in einer Herde zählen.

Verschiedene Drohgebärden des Alphamännchens: Mitte oben – starkes drohen und „Reproduktion“

Man kann also festhalten, dass die Haremsgruppe die wichtigste Konstante im sozialen Miteinander bei Dscheladas ist. Und hier sind es die Weibchen, die für stabile Verhältnisse in der Gruppe sorgen. Die ranghöheren Weibchen bleiben lebenslang in ihrer Geburtsgruppe und pflegen enge Kontakte überwiegend mit anderen Weibchen und nicht mit dem Haremsführer. Dieser hat eigentlich folgende funktionen: die Gruppe nach außen zu verteidigen, Streitigkeiten innerhalb der Gruppe zu unterbinden und, wie es biologisch so schön heißt, für Reproduktion zu sorgen. Wobei man festhalten kann, dass zwar das Männchen den Anstoß für den Zeugungsakt gibt, aber die Weibchen entscheiden, ob es dazu kommt oder nicht. Dominante Weibchen werden häufiger gedeckt als rangniedrigere.

Sollte es zu einer Übernahme des Harems durch einen Einzelgänger oder Follower kommen, genügt es nicht das Alphamännchen zu besiegen. Auch hier sind es die Weibchen die letztendlich den neuen „Chef“ akzeptieren oder nicht.

Eigentlich sind Dscheladas sehr ruhige und bedachte Tiere. Streitigkeiten sind aber in einer Gruppe unvermeidlich. Das Alphamännchen beendet diese jedoch meist mit seiner beeindruckenden Präsenz und einer kurzen Verfolgungsjagd. Das gute Miteinander und die Verbundenheit einzelner Tiere untereinander, spielt eine sehr wichtige Rolle. Das sogenannte „Grooming“ (Fellpflege) festigt die Gemeinschaft. Das bei uns gebräuchliche Wort „Lausen“ trifft es allerdings nicht, da nicht immer Insekten und Schmutz entfernt werden, sondern das Fell auf diese Weise gepflegt wird. Pflegen die Tiere ihr eigenes Fell, dient dies häufig zur Beruhigung z.B. nach einem Streit.

Die anspruchsvolle Sozialstruktur dieser Tiere macht die Haltung von Dscheladas für Zoos nicht eben einfach. Im deutschsprachigen Raum gibt es 8 Haltungen von denen der Naturzoo in Rheine die größte Anzahl Dscheladas in vier Haremsgruppen hält und das europäische Zuchtbucht führt. Dort und in der Wilhelma werden sie zusammen mit Mähnenspringern auf einer Anlage gehalten. In der Natur bilden sie häufig Lebensgemeinschaften mit Walia-Steinböcken, die in Zoos jedoch nicht gehalten werden.

Mähnenspringer und Dscheladas in der Wilhelma Stuttgart

Die instabile politische Lage in Äthiopien sowie die prekäre wirtschaftliche Situation der dort lebenden Menschen führen dazu, dass Auswilderungen momentan nicht möglich sind und die Bestände durch den kleiner werdenden Lebensraum abnehmen.

Für uns Besserwisser:
In der Zoologie werden Tiere in drei Entwicklungsstufen eingeteilt –
juvenil    = jugendlich,
Sub adult = praktisch erwachsen aber noch nicht fortpflanzungsfähig
adult      = erwachsen und fortpflanzungsfähig 

Alle Bilder dieses Beitrags entstanden in der Wilhelma Stuttgart und im Naturzoo Rheine

Säugetiere I

Wie alles begann

Es sind nicht nur die Tiere in ihren Gehegen und die Nähe zu ihnen, die mich faszinieren, es ist auch die Erkenntnis wie unglaublich vielfältig die Natur ist. Tausende Arten von Pflanzen und Tieren, die sich in ihrer langen Evolution den jeweiligen Lebensräumen perfekt angepasst haben und in einem ökologischen Gleichgewicht zueinanderstehen, dessen Vollkommenheit einem schier den Atem raubt. Und natürlich stellt man sich die Frage: wie hat sich das alles entwickelt?

In den beiden Beiträgen zum Thema „System im Tierreich“ bin ich bereits auf die Einteilung aller Lebewesen in bestimmte Kategorien eingegangen. Säugetiere werden wie folgt eingeteilt:

StammChordatiere 
UnterstammWirbeltiere 
ReiheTetrapodenWirbeltiere mit 4 Gliedmaßen -Landwirbeltiere
ohne RangAmniotenKönnen sich außerhalb von Gewässern fortpflanzen
ohne RangSynapsidenMerkmal ist ein einzelnes Schädelfenster in der hinteren Schädelseitenwand
KlasseSäugetiereNeugeborene werden über Milchdrüsen ernährt

Welche Tiere gehören also nun in diese Klasse und wie definieren sie sich als Säugetiere. Die Systematik setzt sich wie folgt fort:

3 UnterklassenUrsäuger,
Beuteltiere,
höhere Säugetiere oder Plazentatiere
z.B. Schnabeltier,
z.B. Koala, Känguru  
Embryo wird über die Plazenta im Mutterleib ernährt

Folgende Kennzeichen sind typisch für Säugetiere:

  • Fell,
  • Geruchs- und Gehörsinn (Gehörknöchelchen) ist hochentwickelt,
  • Leistungsfähige Gehirne, schneller Verstand (Neokortex),
  • lebendgebärend,
  • Warmblütiger Stoffwechsel,
  • Spezialisierte Zahnreihen,
  • Milchdrüsen

Werfen wir zunächst einen Blick auf die drei oben beschriebenen Unterklassen der Säugetiere: Sie alle drei weisen Gemeinsamkeiten auf die sie unzweifelhaft zu Säugetieren machen. Kloakentiere werden heute nur noch durch zwei rezente Arten repräsentiert, die Schnabeltiere und den Ameisen- oder Schnabeligel. Beide Tiere legen Eier, während der Schnabeltier die Eier in einer Höhle bebrütet, haben die weiblichen Ameisenigel einen Brutbeutel in den die Eier gelangen. Beide ernähren die Schlüpflinge über ein Milchdrüsenfeld, da sie keine Zitzen haben.

Der Nachwuchs der Beuteltiere wird lebend geboren und gelangt über einen Geburtskanal und mit viel Kraftanstrengung in den Beutel bzw. an die Zitzen der Mutter, wo er sich fertig entwickelt.

Bei allen Gemeinsamkeiten mit den höheren Säugetieren, die die beiden Tiergruppen aufweisen und die sie letztendlich in der Klasse der Säugetiere vereint, fehlt ihnen ein wichtiges Detail – die Plazenta. Ein Wunderwerk der Natur, das die Plazentatiere in die Lage versetzt, den Embryo (ab der 9. Schwangerschaftswoche Fötus) im Mutterleib zu entwickeln und zu ernähren.

Das tierische Leben begann im Wasser, daher war der nächste Schritt den die Evolution ging, das Leben unabhängig vom Wasser zu ermöglichen. Dazu war nicht nur eine Änderung des Skeletts nötig. Die erste Gruppe der „Vierfüßler“ oder Tetrapoden waren Amphibien. Um von Gewässern unabhängig zu werden, war ein weiterer Schritt erforderlich. Die Fortpflanzung musste neue Wege gehen. So entwickelten sich Eier, die mit einer festen Schale, einer Membran (Schutz vor Austrocknung) und einem Dotter die Entwicklung des Nachwuchses außerhalb des Wassers ermöglichten. Diese ersten Landwirbeltiere werden Amnioten genannt. Schaut man sich die biologische Systematik an wird auffallen, dass heute als Landwirbeltiere (Vierfüßler) auch Amphibien, Reptilien (auch Schlangen), Vögel oder Robben und Wale als Tetrapoden eingeteilt werden. Es hat schlicht damit zu tun, dass einige Gruppen im Lauf der Evolution Gliedmaßen zurückgebildet haben (die Schwingen von Vögeln) oder sogar vom Land ins Wasser zurückkehrten. Aber zunächst waren im Zeitalter Devon die ersten Landgänger Amphibien und die Vorgänger der Reptilien.

Der nächste Schritt zum Säugetier konnte nun getan werden. Mit dem Landgang war es den Tieren möglich, neue Lebensräume zu erobern und neue Nahrungsressourcen zu erschließen. Wir sind nun in der Periode des Perms vor etwa 325 Mio. Jahren. Amnioten spalteten sich in zwei Linien auf. Einerseits in Synapsiden, die sich zu Säugetieren entwickelten, und Diapsiden, aus denen die heutigen Reptilien und Vögel hervorgingen. Es stellt sich die Frage, was war der entscheidende Clou, der eine so unterschiedliche Entwicklung begünstigte? Es war eigentlich eine Kleinigkeit, aber mit großer Tragweite. Ein einzelnes Schädelfenster in der hinteren Schädelseitenwand, während die Diapsiden deren zwei hatten. Vorteil von nur einem Schädelfenster war, dass Platz geschaffen wurde für eine größere Kiefermuskulatur, was wiederum zur Folge hatte, dass Gebiss und Gehirn zukünftig modifiziert werden konnten. Trotzdem waren die Synapsiden in ihrer Frühform Reptilien, die im Aussehen und vielleicht auch im Verhalten diesen sehr ähnlich waren. Eine dieser Frühformen waren die Pelycosaurier und einer ihrer wichtigen Vertreter Dimetrodon.

Dimetrodon brachte die Weiterentwicklung zum Säuger so richtig in Schwung. Er verfügte als Fleischfresser über zwei unterschiedlich geformte Zahnreihen, was als eine erste Stufe in der Entwicklung eines Säugetiergebisses gesehen wird. Nachfolger der Pelycosaurier waren vor etwa 275 Mio. Jahren Therapsiden. Sie entwickelten zahlreiche Neuerungen, die sie in die Lage versetzten, ihre Körpertemperatur zu regeln. Die Beine wanderten unter den Körper, was die Beweglichkeit enorm erhöhte. Weitere Modifikationen betrafen Gebiss und Schläfen. Diese Therapsiden waren immer noch keine Säugetiere, entwickelten aber einige deren typischen Kennzeichen. Etwa 400 Gattungen dieser Gruppe sind heute bekannt, die meisten starben mit dem Ende des Perms und Beginn der Trias aus. Verantwortlich dafür war das dritte große Massenaussterben zu dieser Zeit, verursacht von einem massiven Klimawandel. Man schätzt, dass 70-90% aller Tier- und Pflanzenarten dem Massensterben zum Opfer fielen. Eine Gruppe der Therapsiden überlebte und passte sich im Lauf der Trias an die neuen Lebensbedingungen perfekt an. Es waren die bereits vor 270 Mio. Jahren lebenden Cynodontier, die bis zum Erscheinen der Dinosaurier mit einer großen Artenvielfalt zur dominierenden Tiergruppe wurden. Aber auch sie waren keine echten Säugetiere. Sie hatten noch Reptilienkiefer, aber mit der Zeit entwickelten sich ein besonderes Kieferngelenk, das nicht nur für Bisskraft und Kautechnik, sondern auch für die Weiterentwicklung des Gehörs wichtig war. So wurde von Chinesischen Paläontologen ein Schädel gefunden der nur 12mm lang war, aber zum ersten Mal über die revolutionäre Neuerung des Gehörs verfügte. Kiefer und Mittelohr waren getrennt und die drei Ohrknöchelchen (Hammer Ambos u. Steigbügel nachweisbar. Das Tier erhielt den Namen Hadrocodium wui, es lebte vor ca. 195 Mio. Jahren.

Auf einem vergrößerten und stabilen Kiefergelenk konnte nun ein Gebiss entwickelt werden wie wir es heute kennen. Die wichtigste Neuerung waren die Backenzähne (Molaren), die mit ihren Höckern und der Passgenauigkeit von Ober– und Unterkiefer dafür sorgten, dass jede Art von Nahrung zerkleinert werden konnte. Haramiyiden und die sich wahrscheinlich daraus entwickelnden Multituberculata (235 bis 40 Mio. Jahre) und Docodontier (165 bis 70 Mio. Jahre) waren die ersten, die über diese modernen Gebisse verfügten. Aufgrund der großen Ähnlichkeit von Kiefer und Gebiss mit modernen Säugetieren, werden sie als Seitenzweig bzw. in eine Gruppe der Säugetierartigen gezählt. Allerdings wurden sie im Eozän bzw. zum Ende der Kreidezeit von den modernen Säugetieren verdrängt und starben aus.

Dass alle diese Tiere solch erstaunliche Entwicklungen machen konnten lag auch an einer evolutionären „Neuentwicklung“ bei den Pflanzen, denn ab dem Übergang von Oberjura (160 Mio Jahre) zur Unterkreide (140 Mio. Jahre) traten die Angiospermen (Bedecktsamer oder Blütenpflanzen) aus dem Schatten der bis dahin vorherrschenden Pflanzen (Nacktsamer = Kiefer, Farne etc.). Nun gab es schmackhafte und nährstoffreiche Früchte, Triebe, Blüten und andere Pflanzenteile. Als Folge davon erweiterte eine Vielzahl neuer Insekten zusätzlich das Nahrungsangebot.

Bild oben: eines meiner Lieblingssäugetiere – Max.
Die Bilder der 1. Galerie entstanden im Zoos Heidelberg u. Duisburg, Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Naturkundemuseum Schloss Rosenheim Stuttgart. Die Bilder der 2. Galerie Senckenberg Museum Frankfurt, Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe u. Museum am Löwentor Stuttgart.

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Säugetiere II + Zeittafel

Apokalypse und Triumph des Lebens

Das Erscheinen der Dinosaurier. Nach den Massenaussterben im Obertrias (235 – 208 Mio Jahren) gefolgt von der Krisenzeit an der Trias/Jura Grenze konnten Dinosaurier die ökologischen Nischen, die ihre Vorgänger und viele der ersten Synapsiden hinterließen, besetzen. Das taten sie auch, wie man weiß, sehr erfolgreich. Sie bildeten unfassbar viele, teils riesige Formen und Arten und beherrschten die damalige Welt. Die langsam auseinander triftende Pangäa verteilte sie auf die neu entstandenen Kontinente, wo sie weiterhin dominierend und erfolgreich blieben, bis vor 66 Mio. Jahren.

Und was geschah mit den Säugetieren bzw. deren Vorläufer die ich bereits oben beschrieben habe? Die Zauberworte hießen Anpassung und Liliput-Effekt. Die angehenden Säugetiere schrumpften auf die Größe von Mäusen oder Murmeltieren. Sie mussten einfach verschwinden können, um ihren zahlreichen Fressfeinden zu entgehen. Das bedeutete auch Unterschlupf in Höhlen oder Bäumen und Nachtaktivität. Und nun wird uns auch klar, warum viele dieser evolutionären Anpassungen erforderlich waren. Das Fell und ein selbst zu regulierender Wärmehaushalt waren gut für ein Leben untertage und bei nächtlichen Streifzügen. Die Entwicklung von Milchdrüsen entband die Elterntiere vom Herbeischaffen der Nahrung (man denke an Vögel) und der Nachwuchs war sicher in Bruthöhlen untergebracht. Die Entwicklung der Gebisse eröffnete neue Nahrungsressourcen und ein empfindliches Gehör war überlebenswichtig, wenn Dinosaurier in allen Größen und Formen um einem herumstapften oder flogen.

Nun wirst Du liebe Leserin, lieber Leser sagen: Ja aber… die Entwicklung der Säugetiermerkmale hat ja schon weit vor dem Erscheinen der Dinosaurier begonnen!“ Und das stimmt natürlich. Es waren für alle Lebewesen seit dem Landgang sehr schwierige Bedingungen die sie vorfanden und schon in der Anfangszeit galt es, seinen Platz in der sich ständig verändernden Welt zu finden und zu behaupten. Tatsache aus meiner Sicht ist jedoch, dass das Auftreten der Dinosaurier und ihre Vorherrschaft der Evolution der Säugetiere einen gewaltigen Schub versetzt hat.

Ob es jemals unter diesen Gegebenheiten Primaten oder Homo sapiens gegeben hätte? Wir wissen es nicht, aber ein Ereignis vor 66 Millionen Jahren bedeutete Ende und gleichzeitig Neuanfang für die meisten Lebewesen auf unserem Planeten. Ein Asteroid (oder Komet) mit einem Durchmesser von etwa 14 km raste auf die Erde zu und schoss nicht links oder rechts vorbei (die Wahrscheinlichkeit war bestimmt hoch) nein, er schlug auf der Erde ein, in einem Gebiet das wir heute die Halbinsel Yucatán in Mexiko nennen und die zu dieser Zeit im tropischen Flachwasser lag. Die Folgen waren verheerend. Die Masse die dort einschlug entsprach in etwa der Masse des heutigen Mount Everest. Der Krater* den er schlug war etwa 40 km tief und 180 km breit. Im Umkreis von 1000 km erstarb jegliches Leben, verursacht durch die gewaltige Explosion, die Energie in Form von Hitze, Licht und einer enormen Druckwelle freisetze. Selbst im Umkreis von 2500 km kämpfte alles Lebende mit Erdbeben, orkanartigen Stürmen und wurde mit einem Hagel aus glühendem Gestein überzogen. Der Ruß der Brände und der in die Atmosphäre geschleuderte Sand ergaben einen tödlichen Cocktail, der durch die Luftzirkulation über die Stratosphäre verteilt wurde. Die Folge – ein nuklearer Winter, Dunkelheit, die wohl mehrere Jahre anhielt. Allerdings war dies noch nicht das Ende der Katastrophe. Eine durch tektonische Schockwellen erhöhte Vulkantätigkeit im Bereich des heutigen Indiens sorgte für sauren Regen und vergiftete zusätzlich Land und Ozeane. Und als wäre das nicht genug, hatte der Einschlag eine sogenannte Karbonatplattform getroffen, die in der Folge verdampfte und Kohlendioxid in großen Mengen in die Atmosphäre entließ. So wurde der nukleare Winter nach einigen Jahren von einer durch das Treibhausgas verursachten Erderwärmung abgelöst.

Geschätzte 75% aller Arten starben aus. Dinosaurier und alle großen Reptilien verschwanden und im nun anbrechenden Paläozän mussten komplett neue Ökosysteme entstehen. Wobei die Erholung in der südlichen Hemisphäre deutlich schneller voranschritt als auf der Nordhalbkugel. Zu Beginn des Zeitalters hatte Gondwana sich bereits vom Nordteil getrennt. Australien, Südamerika und Antarktika waren noch verbunden, während Afrika und Indien bereits weiter nördlich lagen und ebenfalls noch miteinander verbunden waren. Das nördlich gelegene Laurasia mit Nordamerika, Grönland und Europa bildete noch eine Einheit Nordamerika hatte mit Ostasien Kontakt. Es entwickelten sich viele neue Säugetierarten, manche mit abenteuerlichem Aussehen, teils riesig groß und schwer.

Gegen Ende des Paläozäns verursachte eine gestiegene Vulkantätigkeit, Magmaaustritte im Meer (z.B. bei Island) die Trennung Europas von Grönland und Nordamerika. Als weitere Folge kam es zu einem erhöhten CO2 Ausstoß der zu einer Erderwärmung von 5°-8°C führte. Dieses Phänomen wird Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum (PETM) genannt und dauerte etwa 170.000 bis 200.000 Jahre. Die Folgen kann man sich vorstellen, der zwar kurze aber heftige Klimawandel verursachte erneut den Zusammenbruch der Ökosysteme. Die Tiere reagierten mit einer erneuten Verzwergung aufgrund des Nahrungsmangels, große Tiere hatten keine Chance. Viele Gattungen starben aus.

Trotz dieses schwierigen Starts wurde das Eozän zu einem Meilenstein in der Entwicklung der Säugetiere. Der Name leitet sich von der griechischen Göttin Eos, der Göttin der Morgenröte ab und es wurde tatsächlich ein Neubeginn. Viele der „modernen“ Plazentatiergruppen entstanden, wie Nagetiere, erste Primaten und Paarhufer. Eine der unglaublichsten Anpassungen die die Evolution hervorgebracht hat möchte ich herausgreifen. Es begann mit einem Paarhufer namens Indihyus vor etwa 48 Mio. Jahren in Indien, das zu dieser Zeit noch eine Insel, auf dem Weg nach Asien war.

Indohyus major, ein pflanzenfressender Wal-Vorfahr aus dem Mittelen-Eozän von Kaschmir, Bleistiftzeichnung, digitale Färbung von Nobu Tamura (http://spinops.blogspot.com)

Das Tierchen war etwa so groß wie ein Waschbär, mit einem schlanken Körperbau und dünnen Beinen. Es zog sich bei Gefahr oder zum Fressen ins Wasser zurück. Der Paläontologe Hans Thewissen stellte 2007 anhand eines Skelettfundes die Verwandtschaft mit Walen (und den entfernt verwandten Nilpferden) fest. Die Besonderheit war im Ohr zu finden. Die sogenannte Paukenblase ist bei Walen geformt wie eine Meerschnecke und hart wie Stein. Eine anatomische Gemeinsamkeit dieser beiden so unterschiedlichen Spezies. Im Lauf der Millionen Jahre passten sich die Übergangsformen immer mehr dem Leben im Wasser an, Beine wurden nach und nach zu Flossen. Geschuldet war der Wechsel vom Land zum Wasser wahrscheinlich den dramatischen klimatischen Änderungen der folgenden Zeitalter. Und befreit von allen „Gewichtsproblemen“ konnten die Tiere wachsen und ihre Körper dem Auftrieb des Wassers überlassen.

Dem Eozän (Dauer 22 Ma) folgten Oligozän (10,6 Ma), Miozän (17 Ma), Pliozän (2,7 Ma) und Pleistozän, das vor 2,8 Ma begann und vor 11.650 Jahren in das heutige, noch andauernde Holozän überging. Wir sprechen also von 56 Millionen Jahren in denen Klimaänderungen den Planeten ständig neu formten und die Evolution von Fauna und Flora ständig fortschritt, um das Leben den jeweiligen Gegebenheiten bestmöglich anzupassen. Warmzeiten und Kaltzeiten wechselten sich ab. Die Megafauna mit Mammuts, Riesenhirschen oder gigantischen Faultieren kam und verschwand und es entstand, was wir heute moderne Säugetiere nennen.

Das Ende: Es wird kein Ende geben. In fast viereinhalb Milliarden Jahren hat die Natur mit der Evolution mehrfach gezeigt wozu sie fähig ist. Ob das 6. Massensterben nun von Meteoreinschlägen, Vulkanausbrüchen oder wahrscheinlich vom Menschen ausgelöst wird, ist dabei egal. Und wir, die Überlebenskünstler, die Klugen, die Krone? Ich stelle mir mal folgendes vor: Gott blickt auf die Erde, schüttelt den Kopf und sagt: „Was ich in 7 Tagen erschaffen habe, habt ihr in Minuten ausgelöscht. Euch ist nicht mehr zu helfen.“ Für weniger bibelfeste unter Euch folgendes Bild: Wir sägen auf dem Ast auf dem wir sitzen und weil wir ja alles erreichen, schaffen wir es natürlich ihn durchzusägen. Dumm und… Schade eigentlich.

*Chicxulub-Krater
Info zur Zeittafel: mya – million years ago / Millionen Jahre her
ma – „megaanum“ steht für eine Zeitspanne von 1 Million Jahren.

Bild ganz oben: Messeler Urpferdchen gefunden in der Grube Messel bei Darmstadt
Bei meinen Recherchen war mir das Buch von Steve Brusatte „Eine neue Geschichte der Säugetiere“ sehr hilfreich.

Für uns Besserwisser:
Die geochronologischenn Hierarchieebenen einer Zeittafel lauten:
Äon – von griech. für „Ewigkeit“
Ära – mittellat. „Zeitalter“
Periode griech. „sich wiederholender Abschnitt“
Epoche griech. für „Haltepunkt“
Alter

Seekühe

In diesem Beitrag muss ich mit einer Entschuldigung beginnen. Seekühe – in diesem Fall Manatis – werden nicht oft in Zoos gezeigt. Da die Zoos versuchen den natürlichen Lebensraum nachzubilden und Seekühe nun mal an tropischen Küsten und Flussdeltas leben, hat man als Hobbyfotograf ein großes Problem. Spiegelnde Glasscheiben, schlechtes Licht, trübes Wasser mit allerlei darin schwebenden Feststoffen trüben auch meine Freude beim Betrachten der Bilder. Sei‘s drum, ich glaube das Thema ist so interessant, dass die Tiere einen Beitrag verdient haben. Und es gibt da noch die Geschichte um die Stellersche Seekuh, die ich zumindest in Kurzform unbedingt erzählen möchte.

In meinem Beitrag „Rotschulter-Rüsselhündchen“ hatte ich schon geschrieben, dass Seekühe in die Überordnung Afrotheria der Höheren Säugetiere gehören und somit Verwandtschaft zu diesen und Elefanten besteht. Skelettfunde aus Ungarn belegen, dass es vor etwa 50 bis 60 Mio. Jahren bereits die Vorgänger von Seekühen gab. Diese konnten sich noch auf vier Beinen bewegen, lebten aber wahrscheinlich schon überwiegend im flachen Wasser der Tethys. Die Tethys war eine riesige Bucht, die der Superkontinent Pangaea im Osten bildete. An dieser Bucht lagen bis zu ihrer Trennung die heutigen Kontinente Asien, Europa, Afrika und Australien. Da die Kontinentalränder zum Teil sehr flache Randmeere bildeten, bot es der Entwicklung der Seekühe zu reinen Wasserbewohnern beste Voraussetzungen. Während ihrer Entwicklung über Millionen Jahre entstanden viele verschiedene Arten von Seekühen. Der Klimawandel (Eiszeiten) während des Pleistozäns (vor 2,3 Mio. – bis 12.000 Jahren) war wohl dafür verantwortlich, dass die meisten nicht überlebten und es deshalb heute nur noch vier Arten gibt.


Die Gattung Seekühe unterscheidet zwei Familien:
•       die Gabelschwanzseekühe umfassen heute nur noch eine lebende Art, den Dugong. Bis vor etwa 250 Jahren gab es noch eine weitere, heute aber ausgestorbene Art, Stellers Seekuh in der Beringsee.
•       die Rundschwanzseekühe, auch Manatis genannt, umfassen drei Arten in dieser Gattung, den Karibik-Manati, den Amazonas-Manati und den Afrikanischen Manati.

Alle heute noch lebenden Arten der Seekühe findet man an flachen Küsten tropischer Gewässer. Den Dugong im Indischen Ozean und nordwestlich von Australien. Manatis verbreiten sich über den Golf von Mexiko, die Karibik bis zur Küste Brasiliens. Der Amazonas Manati ist die kleinste und einzige Art, die im Süßwasser lebt. Afrikanische Manatis leben vor der Westküste Afrikas vom Senegal bis zum nördlichen Angola.

Mit einer Körperlänge von 2,50 bis 4,00 m und einem Gewicht zwischen 250 und über 700 kg haben sie wenige Fressfeinde. Es ist verständlich, dass bei diesen Körpermaßen die Nahrungsaufnahme einen erheblichen Teil des Tages ausmacht. Seekühe sind dabei nicht an Tageszeiten gebunden. Sie können sowohl am Tag als auch in der Nacht auf Futtersuche gehen. Während Dugongs ausschließlich Pflanzen auf dem Meeresboden fressen, weiden Manatis Seegrasinseln, Mangrovenblätter und andere Wasserpflanzen an der Oberfläche ab. Etwa alle 5 Minuten kommen sie zum Atmen an die Oberfläche, können aber auch bis zu 20 Minuten tauchen.

Außer einer engen Mutter/Kind Beziehung sind Seekühe Einzelgänger. Man trifft sie aber auch in Familienverbänden oder größeren Gruppen (wenn Futterknappheit herrscht) an. Sehr interessant ist die Verständigung der Tiere untereinander. Sie verständigen sich über das Aussenden von Geschmacks- und Geruchspartikeln und durch hohes Gurren oder Zirpen. Die Mutter/Kind Kommunikation gleicht einem Duett. Bisher konnte jedoch noch nicht erklärt werden, wie sie diese Töne erzeugen, denn Seekühe besitzen keine Stimmbänder. Das Hörvermögen beschränkt sich auf hohe Frequenzen ab etwa 600 Hertz. Leider wird das den in der Karibik und Florida lebenden Tieren häufig zum Verhängnis, da sie die tieftönenden Motorbootgeräusche nicht hören können.

Man geht davon aus, dass Weibchen, sofern das Futterangebot ausreichend ist, das ganze Jahr über empfangsbereit sind. Sie paaren sich mit mehreren Männchen, ohne dass es dabei zu Rivalitäten unter den Bewerbern kommt. Nach etwa einem Jahr wird ein Junges geboren, das etwa 18 Monate gesäugt wird und auch anschließend noch einige Zeit in der Nähe der Mutter bleibt.

Alle Bilder dieser Galerie zeigen Amazonas-Manatis. Die oberen 3 Bilder entstanden im Zoo Nürnberg, die unteren 3 im Zoo Duisburg.

Ich habe geschrieben, dass Seekühe keine natürlichen Feinde haben, allerdings ist der Mensch zum Feind Nummer 1 geworden (natürlich). Pestizide, eingeleitete Industrieschadstoffe durch Industrieanlagen und Verlust von Lebensraum dezimieren die Zahl der Seekühe schon viele Jahre weltweit. Ein Absterben der Seegraswiesen an Floridas Küsten verursacht durch die genannten Faktoren war am Tod von an die 1000 Tieren im Jahr 2021 schuld. Nun hat der Bundesstaat Schutzmaßnahmen ergriffen und man kann nur hoffen, dass sie sich als wirksam erweisen.

Zeichnung von Stellers Seekuh aus Henry Neville Hutchinsons 1892 erschienenem Buch Extinct Monsters. (© Biodiversity Heritage Library, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Stellers Seekuh

Die Entdeckung dieser Art in der Beringsee ist eng verbunden mit einer unvorstellbaren vom Menschen verursachten Naturkatastrophe und dem tragischen Schicksal der Expeditionsmannschaft und letztlich auch des Entdeckers und Wissenschaftlers Georg Wilhelm Steller.

1730 beschloss die russische Kaiserin Anna Iwanowna eine Expedition nach Kamtschatka zu senden, um von dort die nördlichen Küsten Russlands zu vermessen und den Seeweg nach Amerika und Japan zu erkunden. Mit der Leitung der sogenannten „Großen nördlichen Expedition“ die von 1733 bis 1743 dauerte wurde Kapitän Vitus Bering beauftragt, der zuvor schon die erste Kamtschatka-Expedition geleitet hatte (im Auftrag Zar Peter I.).

Georg Wilhelm Steller (geb. 1709 in Windheim, Mittelfranken) stieß nach Aufforderung durch Bering zur Expedition. Steller war Ethnologe und Naturforscher aber auch Arzt und als solcher wurde er von Bering auf dem Flaggschiff „St. Peter“ angeheuert. 1741 stachen die „St. Peter“ und die „St. Paul“ in See. Ende Juli erreichte die St. Peter die heutige Insel Kayak Island. Aufgrund der Wetterlage beschloss Bering jedoch eine zügige Rückkehr, die allerdings absolut chaotisch verlief. U.a. war Bering zu dieser Zeit bereits sehr krank und sein Durchsetzungsvermögen schwand zusehends. Am 16. November strandete das stark beschädigte Schiff auf einer Insel, die die Besatzung fälschlicherweise für Kamtschatka hielt tatsächlich aber etwa 500 Meilen nördlich davon lag. Bering verstarb dort und die Insel wurde nach ihm „Bering-Insel getauft.

Steller sammelte während des neunmonatigen, erzwungen Aufenthalts Proben von Mineralien, Pflanzen, zeichnete Vögel und notierte akribisch das Verhalten der dort lebenden Tiere, wie beispielsweise das von Robben oder Polarfüchsen.

Während seines Aufenthalts auf der Bering-Insel erforschte er auch die in Ufernähe lebenden Seekühe. Im Gegensatz zu deren nahen Verwandten den Dugongs waren diese jedoch zwischen 8 und 9 Metern lang und 5000 bis 8000 kg schwer. Natürlich war es schnell klar, welch ungeheure Essensvorräte diese zutraulichen Tiere liefern konnten und so begann das Schlachten. Steller kehrte mit der verbliebenen Mannschaft im August 1742 aufs russische Festland zurück. Mit seinen Exponaten und Aufzeichnungen verließ er Kamtschatka 1744 in Richtung St. Petersburg, das er nie erreichte. Er starb 1746 im westsibirischen Tjumen an Krankheit und Erschöpfung.

Alle Seefahrer und Pelztierjäger die die Bering-Insel anliefen, bedienten sich nun der kostenlosen Nahrungslieferanten und so nahm die von mir anfangs erwähnte Katastrophe ihren Lauf.  Das letzte Tier wurde 1768 von Jägern getötet. Stellers Seekuh war nach 27 Jahren ihrer Entdeckung bereits ausgestorben. Ähnlich erging es übrigens den Polarfüchsen, deren wertvolle Felle von den überlebenden Expeditionsteilnehmern auf dem Festland zu hohen Preisen verkauft wurden und die damit einen Run auf diese Tiere auslösten, der sie sowohl in Russland als auch in Alaska fast ausrottete.

Alle Bilder Senckenbergmuseum Frankfurt – Gabelschwanz- und Rundschwanz-Manati

Für uns Besserwisser:
Polyandrie: Die Polyandrie (Vielmännerei) ist eine Form der Polygamie, bei der sich innerhalb der gleichen Fortpflanzungsperiode ein Weibchen mit mehreren Männchen paart, die Männchen jedoch nur mit diesem einen Weibchen. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet in etwa „Reichtum an Männern“.

Bei Nachforschungen zu Steller war mir das Buch von Auro Koivisto „Georg Wilhelm Steller – Die Opfer einer Forschungsreise“ sehr nützlich.

Serval

Man kann nicht umhin vielen Tieren in Aussehen und Bewegung eine gewisse Eleganz zuzusprechen. Servale gehören mit ihrer schmalen hochbeinigen Erscheinung und der attraktiven Zeichnung definitiv dazu. Sie haben von allen Katzen die längsten Beine, sie verleihen dem Tier eine unglaubliche Sprungkraft. Die Körperlänge misst max. 95 cm und die Schulterhöhe max. 65 cm. Der Kopf ist recht klein, wodurch die breiten, langen Ohren schon fast überdimensioniert wirken.

Systematisch gehört der Serval innerhalb der Familie der Katzen zur Unterfamilie der Kleinkatzen. Eine enge Verwandtschaft besteht zu den ebenfalls in Afrika vorkommenden Karakals und Goldkatzen. Das Verbreitungsgebiet wird in der folgenden Karte dargestellt, wobei blau aktuell und rot ausgestorben bedeutet.


In den Maghreb-Staaten Tunesien und Algerien und der Westsahara gilt der Serval als ausgestorben, allerdings gab es Versuche, die Tiere in Tunesien wieder anzusiedeln. In Marokko wird vermutet, dass es einen kleinen Bestand geben könnte. Der Lebensraum umfasst die mit Gras bewachsenen Savannen und Buschgebiete, die über Wasserstellen und Flussläufe verfügen, außerdem Galeriewälder und Bergwiesen bis in 2000-3000 m Höhe und schilfbewachsene Sumpfgebiete. Die Tiere sind von Wasservorkommen abhängig.

Wer nun denkt das Jagdverhalten könnte wegen der langen Beine dem von Geparden ähneln, zumal der Lebensraum dafür ja ideal wäre, der irrt. Servale sind keine schnellen Jäger. Sie lauern ihrer Beute auf. Im hohen Gras sind die langen Beine und ihr überragendes Gehör von großem Nutzen. Sie können ihre Beute, meistens Nager aber auch kleine Antilopen, Reptilien und auffliegende Vögel, mit dem Gehör verorten, schleichen sich an, springen hoch und haken sie mit den Krallen fest. Sie sind in der Lage ihre Beute auch in unterirdischen Gängen aufzuscheuchen und sie mit blitzschnellen Tatzenhieben aus dem Bau oder aus Felsspalten zu ziehen.

Beschränkt sich die Beute im Wesentlichen auf kleine Tiere, sind Servale gezwungen den überwiegenden Teil des Tages zu jagen. Man kann sie dann mit lauschendem aufmerksamem Blick durch ihr Revier ziehen sehen. Unterbrochen werden die Jagdzüge nur durch etwa einstündige Pausen, die sie in Erdlöchern verbringen und natürlich ruhen sie während der heißen Tageszeit im Schatten.

Die Größe ihres Jagdreviers ist sehr unterschiedlich, kleiner bei Weibchen etwas größer bei Männchen. Das Kerngebiet kann zum Beispiel 1,5 qkm groß sein, während sich das gesamte Revier zwischen 6 und 32 qkm ausdehnen kann. Dies hängt von Umweltfaktoren (z.B. Wasserstellen), Beutedichte, Störungen durch Menschen (z.B. Landwirtschaft) oder anderen Raubtiere (Dichte an Löwen oder Hyänen) ab. Auch die Zeit der Aktivität wird diesen Faktoren angepasst. Obwohl Servale eigentlich tagaktive Tiere sind.

Servale markieren ihre Reviere sehr intensiv, wobei sich Reviere von Männchen und Weibchen überschneiden können. Ansonsten verteidigen insbesondere Männchen ihr Gebiet vehement gegen Eindringlinge.

Servale sind Einzelgänger und treffen mit dem anderen Geschlecht nur zur Paarung zusammen. Mütter nehmen ihre Jungen (üblich 1-3) ab dem sechsten Lebensmonat mit auf die Jagd. Im Zoo kann das Sozialverhalten dahingehend verändert werden, dass eine gemeinsame Haltung beider Geschlechter möglich ist.

Obwohl die Art in einigen Gebieten ausgestorben ist (südafrikanische Kap-Region), ist der Bestand im Großen und Ganzen nicht gefährdet. Genauere Bestandszahlen liegen jedoch nur für die Schutzgebiete vor, außerhalb dieser Zonen stützt man sich auf Vermutungen. Ihre große Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichen Gegebenheiten in ihren jeweiligen Lebensräumen helfen, den Bestand hoffentlich auch in Zukunft zu sichern.

Servale werden im deutschsprachigen Raum in etwa 60 Zoos und Tiergärten gehalten. Leider wird kein Zuchtbuch geführt. Und wie meine Bilder zeigen erwischt man sie häufig in Ruhephasen.Die folgenden Bilder wurden alle in der wilhelma Stuttgart aufgenommen

Die folgenden Bilder wurden alle in der Wilhelma Stuttgart aufgenommen. Im Anschluss an die Bildergalerie findet ihr noch einen Beitrag über Savannahs

die folgenden Bilder wurden im Zoo Saarbrücken 03/25 aufgenommen


Savannahs

Liebe Leserin, lieber Leser stellt Euch vor, man käme auf die Idee das domestizierte Tier Mensch und einen seiner wildlebenden nächsten Verwandten – vielleicht einen Schimpansen – zu kreuzen. Ein ethischer Aufschrei und moralische Entrüstung auf diese Entgleisung wären die Folgen. Behalten wir uns dieses Szenario einmal im Hinterkopf.

Wer zu Servals recherchiert oder sich mit Wildkatzen allgemein beschäftigt, kommt um das Thema Savannahs nicht herum. Bereits in den 1960er Jahren wurde mit Katzenhybriden experimentiert. Damals noch um Resistenzen gegen die Feline Leukämie-Infektion bei Hauskatzen zu entwickeln. 1986 gelang es jedoch der Amerikanerin J. Frank, einen Serval-Kater mit einer Siamkatze zu verpaaren. Nun möchte ich gar nicht genau wissen, wie das der Dame gelungen ist. Fest steht, dass eine Hauskatze sich nie mit einer Wildkatze paaren würde. Größenunterschied und der kräftige Nackenbiss des Katers sind definitiv nicht artgerecht im Hinblick auf Hauskatzen. Für das Muttertier bedeutet dies sehr oft eine Verletzung, häufig auch den Tod. Ganz zu schweigen von der Geburt der Welpen die eine enorme Größe im Vergleich zu normalen Katzenwelpen erreichen und daher meist per Kaiserschnitt geboren werden müssen. Männliche Tiere der ersten Generationen (F1-4) sind unfruchtbar, erst ab der Generation F5 können Savannahs mit Savannahs verpaart werden.

Wichtig dabei ist zu wissen, dass die erste Generation (F1) einen Wildblutanteil von etwa 50% hat, der dann von Generation zu Generation sinkt, F5 hat einen Anteil von etwa 3%. Decken Savannah-Kater allerdings Savannah-Katzen steigt dieser wieder. 2012 wurden Savannahs ab F5 als Rasse von der TICA akzeptiert.

Zukünftige Halter, die für einen solchen Hybrid zwischen € 1000 und € 10.000 auf den Tisch legen, unterschätzen oft die Wildtiereigenschaften ihrer neuen Hausgenossen. Mit den Anschaffungskosten ist es auch nicht getan. Freigehege, Warmhaus für den Winter sind wohl nur einige Posten, die zusätzlich kalkuliert werden müssen.

Warum macht man das also? Auf einer Homepage für Hybrid-Katzen steht zu lesen:
„Diese Hybridkatzen teilen eine markante Eigenschaft: Sie sind wild und unglaublich schön anzusehen, anders als die gewöhnliche Hauskatze von nebenan.“

Hier wird also nichts anderes befriedigt als das menschliche Ego. Man will sich vom „Normalo“ absetzen und seinen Instagram oder TikTok Account füllen. Justin Bieber hat wohl 390.000 Follower auf dem Account, den er 2019 für seine beiden Savannahs eingerichtet hat. (SZ „Mein Haus, mein Auto, mein Raubkätzchen“ vom 31.05.2021)

Wäre der Einsatz menschlichen Erfindergeists und Experimentierfreude nicht auf anderen Gebieten sinnvoller? Und wo bleiben ethischer Aufschrei und moralische Entrüstung?

Für uns Besserwisser:
F1-5: F steht für Filialgenerationen oder Tochtergeneration. F1 ist also die erste Generation nach der Kreuzung zweier Individuen. F2 wäre dann die Enkelgeneration usw.
Nackenbiss: Der Kater beißt die Katze während des Paarungsaktes in den Nacken und fixiert sie so. Durch den Paarungsakt bzw. die physische Stimulation erfolgt der Eisprung bei der Katze.

Fennek (Wüstenfuchs)

Wir Menschen können uns bekanntermaßen (fast) allen Lebensräumen anpassen. Wir haben die Mittel, die Möglichkeiten und ob wir vier Monate in der Dunkelheit in Spitzbergen, wie Inuit bei bitterer Kälte in Grönland oder die San in der Hitze der Kalahari leben, wir passen uns an. Es gibt aber Tiere die stellen „die Krone der Schöpfung“ weit in den Schatten. Dazu gehören auch die Wüstenfüchse oder Fenneks. Warum? Lest weiter.

Wie der deutsche Name dieser Tiere schon sagt, leben Fenneks in einer Zone, die sich über den nördlichen Teil der Sahara erstreckt. Genau liegt das Verbreitungsgebiet zwischen Marokko (dort fast bis zur Atlantikküste) und südlich des Atlasgebirges über die Nachbarstaaten (dort fast bis zur Mittelmeerküste) bis nach Ägypten zum Nil und die Nubische Wüste. Nach Süden wird es von der Sahelzone begrenzt.

Die sogenannte Allensche Regel besagt, dass Körperanhänge (also z.B. Ohren, Beine, Schwanz) in kälteren Regionen kürzer sind als bei Tieren die in warmen oder heißen Regionen leben. Fenneks mit ihren langen Beinen und riesigen Ohren sind ein sehr gutes Beispiel für die perfekte Anpassung an Klima und Lebensraum. Mit etwa 35 – 40 cm Körperlänge und einem Gewicht von 1,5 kg gehören sie zu den kleinsten Vertretern der Fuchsfamilie. Ihre Ohren messen etwa 15 – 19 cm in der Länge. Fenneks können damit sehr tiefe Töne wahrnehmen und somit Bewegungen tief im Sand lokalisieren. Sie dienen nicht nur zum Aufspüren der Nahrung, sondern auch zum Temperaturausgleich, da sie nicht schwitzen können. Das dichte, weiche und lange Fell vermutet man nicht unbedingt bei einem Tier, das in der Wüste lebt. Fenneks sind jedoch dämmerungs- und nachtaktiv und sind so bestens gegen die nächtliche Kälte geschützt.

Unerlässlich für das Leben der Fenneks ist Sand, in den sie ihren Unterschlupf bauen. Die Bauten bestehen aus flach verlaufenden Gängen, die von der Oberfläche schräg in die Tiefe reichen und in einem tieferliegenden Kessel enden. Dieser wird mit Blättern, Fell oder anderen Materialien ausgelegt. In lockerem Untergrund sind diese Bauten recht klein. In Dünen mit etwas festerem Untergrund können sie aber enorme Ausdehnung erreichen und oft werden mehrere Bauten untereinander verbunden.  Es sind unglaublich agile und flinke Tiere, die hoch und weit springen können und sich blitzschnell im Sand eingraben, sodass man das Gefühl hat, sie würden einfach verschwinden.

Die Wüstenfüchse leben in Familienverbänden mit enger sozialer Bindung. Es sind dies die Eltern und etwa 2 – 5 Jungtiere. Männchen verteidigen ihre Familie vehement gegen Eindringlinge und Fressfeinde. Auch die Nahrungsversorgung der Mutter nach der Geburt wird vom Männchen übernommen.

Ihre Nahrung besteht überwiegend aus Kerbtieren wie Heuschrecken aber auch Mäusen, Eidechsen oder kleinen Vögeln und Pflanzen. Ihren Flüssigkeitsbedarf decken sie überwiegend mit der Nahrung. Wenn sie die Möglichkeit dazu haben, trinken sie auch Wasser.

Der Bestand gilt nicht als gefährdet (Erhebung von 2015), allerdings gibt es keine exakten Untersuchungen wie viele Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum noch leben. Die Ausfuhr der Tiere ist zwar geregelt und genehmigungspflichtig, allerdings wurden in den Jahren 1977 – 2017 4109 Ausfuhren genehmigt und etwa 3500 als Nachzuchten deklarierte Tiere exportiert. (Die Zahlen stammen aus dem Zootier-Lexikon). Man könnte also schon vermuten, dass dieser Handel (vom illegalen nicht zu reden) den Druck auf die Bestände zusätzlich erheblich verstärkt, den sie durch Klimaveränderungen und den Verlust von Lebensraum sowieso schon haben.

Laut Zootierliste gibt es weltweit etwa 250 Haltungen in Zoos und Parks. Das wären geschätzte 500 – 800 Tiere. Und der Rest? Die Beantwortung dieser Frage und meine Meinung dazu lest ihr im Beitrag nach der Galerie.

Es sind unbestritten sehr putzige Tiere und es macht viel Spaß sie zu beobachten. Allerdings haben sie, wie oben erwähnt, tagsüber lange Ruhephasen was man in meiner Bildergalerie unschwer erkennen kann. 🙂

Für uns Besserwisser:
Die Allensche Regel oder ökogeografische Proportionsregel ist eine Klimaregel – Die Regel gilt für gleichwarme Tiere. Das bedeutet für Vögel und Säugetiere die eine gleichbleibende Körpertemperatur haben, egal wie kalt oder warm es draußen ist.
Sahelzone – Die Sahelzone in Afrika ist die in Ost-West-Richtung langgestreckte semiaride Übergangszone zwischen der Wüste Sahara im Norden und der Trockensavanne im Süden. Bis auf einen kleinen Teil in Ostafrika liegt der Sahel in der Großlandschaft Sudan.

Exoten gehören nicht in private Hände.

Sucht man Informationen zu exotischen Tieren im Internet, fällt auf, dass Fragen nach dem Kauf oder der Haltung solcher Tiere in den Suchmaschinen auftauchen z.B.:
Kann man einen Fennek als Haustier halten?
Was kostet ein Fennek (-Tier)?

Ich gehe davon aus, dass eine Suchmaschine sich Fragen merkt, die sehr häufig gestellt werden. Und ja, Fenneks sind süß, goldig, witzig… Sie riechen aber auch stark nach Fuchs, sind nachtaktiv, vertragen sich nicht immer mit Artgenossen und die Zucht ist sehr schwierig. Trotzdem wurden in 20 Jahren fast 8000 Tiere gehandelt. Der größte Teil landet wohl in amerikanischen Privathaushalten.

Aber bei meinem Statement oben geht es ja nicht nur um Fenneks. Besonders dramatisch ist meiner Meinung nach der Handel mit exotischen Vögeln und Amphibien, da er aufgrund der oft kurzen Lebensdauer immer wieder Nachschub verlangt.

Nun gibt es natürlich auch Argumente für private Haltungen von Exoten. Klar ist, dass es viele Tierhalter gibt, die auf ihrem Gebiet absolute Spezialisten sind und über großes Fachwissen verfügen. Ihnen gelingt auch die Zucht ihrer Tiere und sie tragen so zur Erhaltung der Art bei. Tiere aus Nachzuchten können meist ohne Probleme gehandelt werden, andere Halter und selbst Zoos können ihre Bestände aus diesen Nachzuchten ergänzen. Dies vermindert den Druck auf die freilebenden Populationen.

Vielleicht lehne ich mich sehr weit aus dem Fenster, aber für alle anderen gilt: Exotische Tiere gehören nicht in private Hände. Man tut weder sich selbst noch den Tieren einen Gefallen, denn die Haltung ist oft sehr schwierig und die Bedürfnisse der Tiere können nicht erfüllt werden. Mit Lebewesen zu experimentieren, ob es vielleicht doch klappt, ist definitiv der falsche Weg. Dies gilt auch für Spontankäufe zu Festtagen und nicht nur für Exoten, sondern auch für Hunde und Katzen.

Okapi

Wie oft habe ich eigentlich schon geschrieben „… ist ein faszinierendes Tier…“? Wahrscheinlich schon sehr häufig und bei genauerer Betrachtung trifft dies wohl auf alle Tiere zu über die ich bisher geschrieben habe – wenn man sich mit ihnen näher auseinandersetzt. So ist es auch mit dem Okapi das manchmal Waldgiraffe genannt wird. Ein scheues, empfindsames und geheimnisvolles Tier mit riesigen Ohren, großen Augen und einer ungewöhnlichen Fellzeichnung.

Wenn ich von einem geheimnisvollen Tier spreche, dann deshalb, weil es das letzte Großsäugetier war, das von Weißen in Afrika entdeckt wurde. Im Jahre 1887 erzählten Pygmäen dem Afrikaforscher Henry Stanley* von einem Tier, das ähnlich aussehen sollte wie die von Stanley mitgeführten Pferde. Der Zoologe und Generalkonsul des neuen Protektorats Uganda Henry Johnston las Stanleys Bericht einige Jahre später und wollte das Geheimnis um das Tier lüften, da er es für unmöglich hielt, dass Savannentiere – wie Pferde es nun einmal sind – im dichten Urwald leben sollten. Pygmäen die schon immer zur Versorgung mit Fleisch Jagd auf diese Tiere gemacht hatten und es Okhapi nannten, fertigten aus dem Fell u.a. Gürtel. Stanleys Bericht wurde also von verschiedenen Seiten bestätigt. Johnston konnte Fellreste bekommen und schickte diese nach London zur Kgl. Zoologischen Gesellschaft, um sie dort untersuchen zu lassen. Die Londoner Wissenschaftler schlossen eine Verwandtschaft mit Zebras oder Pferden aus und benannten im Dez. 1900 die neue Tierart vorläufig „Equus? johnstoni“, also „Pferd? des Johnston“. Johnston gelang es jedoch bereits ein halbes Jahr später, ein vollständiges Fell und zwei Schädel zu erwerben. Die Wissenschaftler erkannten die verblüffende Ähnlichkeit mit der ausgestorbenen Kurzhalsgiraffe, die vor über 10 Mio. Jahren auch in Europa gelebt hatte. Sie benannten die neue Tierart nach seinem Entdecker „Okapia johnstoni“.

Von da ab setzte eine wahre Okapi-Hysterie bei Jägern, Museen und der internationalen Presse ein. Zoos bemühten sich an lebende Exemplare zu kommen. Da der Kongo unter belgischer Kolonialverwaltung stand, gingen die ersten Tiere in den Zoo von Antwerpen. Zur traurigen Wahrheit gehört aber, dass die Fang- und Transportmethoden nicht geeignet waren, Okapis gesund nach Europa zu bringen. Die Tiere wurden zunächst in Fallgruben gefangen, in einem Kraal an Menschen gewöhnt und von dort aus meist hunderte Kilometer an den Fluss Kongo gebracht. Sie wurden auf Flussdampfer umgeladen, um eine mehrwöchige Reise in die Hauptstadt Léopoldville (heute Kinshasa) anzutreten. Erneut wurden die Tiere umgeladen, um per Eisenbahn zum Hafen von Matadi oder Boma transportiert zu werden. Dort begann oft nach langem Warten der letzte Teil der Reise mit dem Schiff nach Europa (18 Tage) oder Amerika. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Antwerpener Zoos, Frau Dr. Agathe Gijzen, schreibt in ihrem Buch von 1959 „Das Okapi“, dass in den ersten 40 Jahren, in denen lebende Okapis in Zoos verschickt wurden 30 Bullen und 19 Kühe Afrika verließen und 19 davon den Transport oder das erste Jahr am Bestimmungsort nicht überlebten. Erst als die Tiere per Flugzeug transportiert werden konnten, besseres Futter gegeben wurde und die hygienische und medizinische Versorgung sich wesentlich verbesserten, hatten Okapis eine realistische Überlebenschance. Das Weibchen „Tele“ kam 1928 nach Antwerpen und lebte dort 15 Jahre, ebenso der Bulle „Congo“, der im Zoo von New York ebenfalls 15 Jahre alt wurde. Nachdem die Eingewöhnung der Okapis gelungen war, konnte mit der Zucht begonnen werden. Das erste Okapi in Deutschland war der Bulle „Costy-Epulu“, der 1954 durch den Zoo Frankfurt importiert wurde, diesem folgte 1958 das Weibchen „Safari“. 1960 ging aus dieser Verbindung das erste in Deutschland geborene Kalb „Kiwu“, ein echter Frankfurter, hervor. 

Ein Blick auf das Verbreitungsgebiet der Okapis zeigt, warum die Zucht in Zoos heute so wichtig ja unverzichtbar ist. Ursprünglich lebten die Tiere in den Ubangi-Wäldern von Äquatorialafrika, Uganda und im Kongo. Die heutigen Vorkommen beschränken sich jedoch ausschließlich auf Schutzgebiete in der DR Kongo mit der größten Anzahl im Ituri-Wald. Somit erleiden sie momentan das gleiche Schicksal wie die Berggorillas (siehe meinen Beitrag): anhaltende Wilderei, ein begrenztes Verbreitungsgebiet und ein immer kleiner werdender Lebensraum.


Die Familie der Giraffenartigen umfasst nur zwei Arten: Savannengiraffen und Waldgiraffen.  Die Verwandtschaft ist unverkennbar, der Kopf, der bei Okapis leicht abfallende Rücken, Passgang, eine lange Zunge zum Abstreifen der Blätter von Zweigen. Bei den Bullen zieren außerdem zwei mit Fell überzogene Scheitelhörner den Kopf. Die Zeichnung des Fells ist einem Leben im Wald angepasst. Das rötlich-braune fast schwarze Fell mit den markanten Streifen am Hinterteil und den dunkel/weiß gezeichneten Beinen lässt die Tiere in der typischen Vegetation des Regenwaldes fast verschwinden. Die Haut scheidet ein Hautfett aus, das das Fell eines gesunden Okapis wunderschön samten glänzen lässt.

Den Kopf trägt das Okapi immer leicht nach vorne gestreckt. Nur wenn es aufmerksam wittert oder lauscht sind die Ohren gerade aufgerichtet und der Kopf wird angehoben. Okapis können wie Giraffen ihren Kopf nicht ganz nach unten senken. Zum Trinken spreizt es daher wie die Verwandtschaft in der Savanne die Vorderbeine auseinander. Mit ihrer langen Zunge erreichen sie praktisch alle Körperteile und, da es sehr reinliche Tiere sind, kann man sie oft beobachten, wie sie mit der Zunge über die Augen fahren oder ihr Fell von Schmutz befreien. Dies ist übrigens einer der Gründe warum die Haltung der Tiere in den Anfangsjahren oft scheiterte. Durch das Lecken wurde nicht nur Schmutz entfernt, sondern die Eier von Fadenwürmern und anderen Schmarotzern aufgenommen. Auch die Ernährung stellten Zoos vor Herausforderungen. Okapis sind sogenannte Konzentrat-Selektierer. Das bedeutet, dass sie sehr gezielt leicht verdauliche Pflanzenteile zum Fressen wählen z.B. Blätter. Auch hier wurde in der Anfangszeit bei Transport und Eingewöhnung sehr viel falsch gemacht.

Wilhelma 07/24

Im Gegensatz zu Giraffen sind Okapis Einzelgänger, die nur zur Paarung zusammenkommen. Das Muttertier bekommt jeweils nur ein Kalb. Die Kälber sind „Ablieger“, d.h. sie bleiben die ersten Wochen an einem Platz versteckt, die Mutter sucht den Nachwuchs nur zum Säugen auf. Zum Schutz haben die Kälber noch keinen Eigengeruch. Sind also für Fressfeinde schwer auszumachen. Es wird vermutet, dass die Muttertiere zu ihren Kälbern keine besonders enge Bindung haben.

Da Okapis in ihrer natürlichen Umgebung schwer zu beobachten sind, stammen die Erfahrungen und das Wissen über diese Tierart hauptsächlich aus den Auffangstationen und Zoos. So auch die Tatsache, dass sie zwar einen sehr friedlichen Eindruck machen, wenn sie verängstigt sind oder sich bedroht fühlen, zu heftigen Wutausbrüchen neigen und sehr wehrhaft sind.

… Okapis nur durch den Menschen bedroht, aber vielleicht auch nur dank ihm vor der völligen Ausrottung bewahrt.
Dr. Agathe Gijzen „Das Okapi“ 1959

*Henry M. Stanley – war ein Journalist und Afrikaforscher. Zunächst wurde er bekannt durch seine Suche nach dem verschollenen Missionar David Livingston. Später kolonialisierte er im Auftrag des belgischen Königs Leopold II den Kongo, indem er für ihn Land erwarb. Die Verträge sicherten Leopold nicht nur den Besitz des Landes, sondern auch die Arbeitskraft seiner Bewohner. Allerdings wussten die Stammesfürsten nicht was sie unterschrieben, da die Verträge in einer fremden Sprache abgefasst waren und die wenigsten wohl lesen oder schreiben konnten. Leopold II wurde so (Privat-)Besitzer des Kongo über 2,5 Mio. qm Land und dessen Einwohner. Obwohl Stanley viele Jahre in Afrika verbrachte, gestand er, „den Kontinent von ganzem Herzen zu verabscheuen“.

Alle Bilder dieser Galerie wurden im Zoo Frankfurt aufgenommen

Für uns Besserwisser:

Der Begriff Fresstyp bezieht sich auf die Einteilung von Wildtieren anhand ihrer Ernährungsweise und den bevorzugten Nahrungsressourcen:
Wildtiere, die sich bevorzugt von energie- und nährstoffreichen Pflanzenteilen wie Knospen, Trieben, Blättern und Früchten ernähren, werden als Konzentrat-Selektierer bezeichnet. Sie sind in der Lage, rasch große Mengen solcher Nahrungsressourcen aufzunehmen, um ihren Energie- und Nährstoffbedarf zu befriedigen. Selektives Fressverhalten = wählerische Auswahl. Z.B. Rehwild, Kudu, Giraffen, Okapis.

Intermediär-Typen stellen die Zwischengruppe zwischen Konzentrat-Selektierern und Raufutter-Vertilgern dar. Sie sind nicht so wählerisch wie Konzentrat-Selektierer und können ein breiteres Spektrum an Nahrungsquellen aufnehmen und verdauen. Z.B. Hirsche, Moschusochsen

Raufutter-Konsumenten sind bekannt für ihr weniger wählerisches Fressverhalten, haben jedoch trotzdem gewisse Präferenzen. Sie können große Mengen faserreicher Nahrung aufnehmen, die von anderen Fresstypen oft vermieden wird. Aufgrund ihrer effizienten Verdauung sind sie in der Lage, auch in Lebensräumen mit nährstoffärmeren Nahrungsangeboten zu überleben. Z.B. Bisons, Bantengs

Wilhelma Juli 25

Rotschulter-Rüsselhündchen

Dieser Name ist zumindest in Teilen verwirrend, wenn man sich das Tierchen ansieht. Mit einem Hund hat es nämlich gar nichts zu tun und ob die verlängerte Nase als Rüssel bezeichnet werden kann sei dahingestellt. Allerdings muss man dem Entdecker der Rüsselhündchen zugutehalten, dass man damals Tiere meist nach ihrem Erscheinungsbild bzw. körperlichen Merkmalen einordnete. Aufgrund ihrer großen, nach hinten gebogenen Eckzähnen (Hund) und der beweglichen, verlängerten Nase (Rüssel) erhielten die Tiere vom deutschen Zoologen und Naturforscher Wilhelm Peters ihren Namen. Peters hatte die Tiere während einer Expedition 1843 in Mosambik entdeckt. Heute kann man mit Hilfe von molekulargenetischen Untersuchungen neue Erkenntnisse gewinnen, allerdings werden einmal vergebene Namen nicht revidiert.

In der Systematik der höheren Säugetiere, zu denen die Rüsselhündchen gehören, gibt es jedoch interessante Verwandtschaftsverhältnisse:
In der Gruppe der Afrotheria werden sechs Ordnungen zusammengefasst. Gemeinsam ist ihnen ein Genom das sie als stammesgeschichtliche Vertreter der afrikanischen Tierwelt ausweist. Mit dem Auseinanderbrechen des südlichen Großkontinents Gondwana in der Kreidezeit entwickelte sich Afrotheria und brachte ganz unterschiedlich aussehende Vertreter hervor. Z.B. die Röhrenzähner (Erdferkel), Schliefer (Klippschliefer), Seekühe oder den Afrikanischen Elefanten und letztendlich auch die Rüsselspringer (mit den Rüsselhündchen und den Elefantenspitzmäusen). Rüsselspringer werden auch wissenschaftlich/ englisch Sengis genannt. Rüsselhündchen sind deren größte Vertreter.

Die folgenden Bilder wurden im Zoo Frankfurt aufgenommen:

Es werden folgende fünf Arten Rüsselhündchen unterschieden:

Rotschulter-Rüsselhündchen im südöstlichen Kenia und nordöstlichen Tansania sowie den vorgelagerten Inseln Sansibar und Mafia.
Goldenes Rüsselhündchen in der Küstenregion des südöstlichen Kenia
Geflecktes Rüsselhündchen vom Osten der D.R. Kongo über Malawi und Tansania bis nach Mosambik
Dunkles Rüsselhündchen nördliche D. R. Kongo und Uganda
Graugesichtiges Rüsselhündchen in den Udzungwa-Bergen im zentralen Tansania

Zum letzteren sei erwähnt, dass es erst im Jahr 2008 vom Verhaltensökologen Galen Rathbun und F. Rovero bei einer Expedition entdeckt wurde. Da aber in den Zoos überwiegend das Rotschulter – Rüsselhündchen gezeigt wird, soll dieser Beitrag dieser Art gewidmet sein.

Die Färbung: Der Kopf, die vorderen Rumpfpartien sowie der Bauch sind orange oder rotbraun. Der hintere Teil des Körpers ist schwarz. Das Fell insgesamt kurz.

Nahrung: Auffällig ist nicht nur die Schnauze, die rüsselartig verlängert und nach allen Richtungen bewegt werden kann, sondern auch die lange Zunge. Rüsselhündchen durchwühlen den laubbedeckten Boden auf der Suche nach Insekten und anderen wirbellosen Tieren. Sie verlassen sich dabei auf eine olfaktorische Wahrnehmung.

Ihr bevorzugter Lebensraum sind laubabwerfende Küstenwälder bzw. die Wälder der Eastern Arc Mountains, einer Gebirgskette in Kenia und Tansania. Es ist also ein sehr eng begrenztes Gebiet, das aber mit seinen immergrünen Bäumen und dem laubbedeckten Boden ideale Voraussetzungen bietet. Die Gehege in den Zoos, wie beispielsweise in Frankfurt oder Basel, sind entsprechend angelegt und mit einer dicken Schicht Laub bedeckt, sodass man die Tiere beobachten kann, wie sie mit ihrer Schnauze den Boden durchpflügen und wühlen auf der Suche nach ihrer Lieblingsspeise.

Im Gegensatz zu ihren nahen Verwandten sind Rüsselhündchen tagaktiv. Wie alle Sengis haben sie einen gut entwickelten Seh-, Hör- und Geruchssinn und sie sind unglaublich flink (für Fotografen eine schöne Herausforderung). Das ist natürlich bei Tieren ihrer „Größe“ erforderlich, da es eine Vielzahl von Fressfeinden gibt.

Männchen und Weibchen bilden eine sogenannte Fortpflanzungsgemeinschaft. D.h. sie leben zwar monogam kommen aber nur zur Fortpflanzung zusammen. Ihre Territorien überlappen sich oder sind deckungsgleich und sie verteidigen sie gemeinsam und zwar geschlechtsspezifisch, also Weibchen gegen Weibchen und Männchen gegen Männchen. Das Junge wird in einem vorher angelegten Nest (eine Mulde ausgelegt mit Blättern) geboren, dort bleibt es etwa 2 Wochen. Wahrscheinlich um es vor Entdeckung vor Fressfeinden zu schützen, besucht die Mutter ihr Jungtier nur zum Säugen. Nach etwa 20 Wochen verlässt es das Territorium der Eltern und sucht sich ein eigenes.

In Gefangenschaft werden Rüsselhündchen bis zu 11 Jahre alt. In der Natur 3 – 4 Jahre. Laut Galen Rathbun (1990+ 2000) ist der Status aller Rüsselhündchen besorgniserregend, da sie in eingeschränkten oder fragmentierten Waldlebensräumen vorkommen, die stark durch Abholzungspraktiken und Rodungen für die landwirtschaftliche und städtische Entwicklung beeinträchtigt werden. In manchen Gegenden kann auch die Nahrungssuche ein Problem darstellen.

Für uns Besserwisser: Die olfaktorische Wahrnehmung oder Riechwahrnehmung, auch Geruchssinn oder olfaktorischer Sinn (von lateinisch olfacere – riechen) genannt, ist die Wahrnehmung von Gerüchen.
Kreidezeit – vor 145 Mio. Jahren bis vor 66 Mio. Jahren.

Alle Bilder der obigen Galerie entstanden im Zolli Basel im März 24. Die beiden folgenden Bilder zeigen links einen Kurzohr-Rüsselspringer und rechts eine Rotbraune-Elefantenspitzmaus die nächsten Verwandten der Rüsselspringer aufgenommen im Zoo Frankfurt im April 24

Gorillas

Warum sollte ich eigentlich über Gorillas schreiben und nicht lieber über Quolls oder Schuhschnäbel? Die kennt kaum jemand und es gibt das eine oder andere Spannende über sie zu berichten. Menschenaffen genießen ja schon eine hohe mediale Aufmerksamkeit und es gibt tolle Blogs und Infos über Gorillas im Internet. Also warum?
Es sind die zahlreichen Begegnungen in Zoos, die mich immer wieder tief beeindrucken und der letzte Anstoß waren der Film über Dian Fossey und ihr Buch „Gorillas im Nebel“. Ich werde mich jedoch auf einige Aspekte im Leben der Gorillas beschränken müssen, hier zunächst etwas Geschichte und Geographie. In Teil 2 lasse ich Coco zu Wort kommen. Wer sich weiter informieren will, dem empfehle ich die am Ende meines Beitrags genannten Webseiten.

Menschen und Gorillas, das war schon immer ein toxisches Verhältnis* und so verwundert es nicht, dass ihr Weg von ihrer Entdeckung bis in die europäischen und amerikanischen Zoos geprägt waren von Tierleid, Grausamkeit, Unverständnis und mangelndem Sachverstand.

* Eine toxische Beziehung besteht aus einem dominanten, fordernden und einem eher zurückhaltendem, schwachen Part. Die Bedürfnisse des dominanten Parts stehen absolut im Fokus.

Gorillas und Wir – Teil 1

„Drei Tage lang segelten wir von dort an feurigen Sturzbächen entlang und gelangten dann an eine Bucht, die ‚Horn des Südwinds‘ (Nótū Kéras) hieß. Im Winkel lag eine Insel, die der ersten glich und ebenfalls einen See aufwies. Und in diesem See lag eine weitere Insel, voll von wilden Menschen. Es waren überwiegend Weiber, die am ganzen Körper dicht behaart waren; die Dolmetscher nannten sie goríllai. Wir verfolgten sie, konnten aber keine Männer fangen; sie entwischten alle, weil sie ausgezeichnete Kletterer waren und sich mit Felsbrocken zur Wehr setzten; Weiber aber fingen wir drei ein; sie bissen und kratzten und wollten denen, die sie führten, nicht folgen. Daher töteten wir sie, zogen ihnen die Haut ab und brachten die Bälge nach Karthago mit.“

So beschrieb Hanno ein karthagischer Seefahrer um 470 v.Chr. sein Zusammentreffen mit Wesen, die die Dolmetscher Gorillai nannten. Dokumentiert ist diese Reise im „periplus“ einem Reisebericht über eine Entdeckungsreise von Karthago bis in den Golf von Guinea.

Im Jahr 1847 wurden die Tiere zum erstmals wissenschaftlich anhand von Schädel- und Knochenfunden durch T.S. Savage und J. Wyman beschrieben. Es handelte sich dabei um Westliche Flachland Gorillas. In Anlehnung an Hannos Reisebericht erhielten sie den Gattungsnamen Gorilla. In den folgenden Jahren wurden weitere Tiere untersucht und in die Systematik eingeordnet.

Der frz. Afrikaforscher Paul Belloni Du Chaillu war wohl der erste Weiße, der 1855 in Gabun auf lebende Gorillas stieß. Seine und folgende Berichte beschrieben den Gorilla als gefährliches Monster und wurden so Inspiration und Vorlage für Filme wie King Kong. Dass dem nicht so war, wurde erst durch die Studien von Jill Donisthorpe, Schaller und Fossey mehr als 100 Jahre später bekannt. Sie zeichneten das Bild eines sozialen und friedlichen Tieres, des sanften Riesens.

Auf einer Expedition im Jahr 1902, schoss der deutsche Hauptmann Friedrich R. von Beringe im Gebiet der Virunga Vulkane in Ruanda zwei Tiere, die der deutsche Zoologe Paul Matschke untersuchte, als Unterart „Berggorilla“ neu einordnete und ihnen den wissenschaftlichen Namen (zu Ehren ihres Entdeckers) Gorilla beringei beringei nannte. Aus heutiger Sicht eine zweifelhafte Ehre, aber zu dieser Zeit war das Motto: erst schießen dann untersuchen.

Zwei junge Frauen, die Schottin Rosalie Osborn und Jill Donisthorpe eine Südafrikanische Journalistin, reisten 1954 in die Virunga Berge, um für 9 Monate das Leben der Gorillas zu studieren und schlussendlich mit dem Mythos des gefährlichen Monsters aufzuräumen.

Die ersten Langzeit-Feldstudien wurden von George Schaller ab 1959 durchgeführt. Schaller ist amerikanischer Zoologe und Naturforscher. Er studierte die Berggorillas im Gebiet der Virunga Vulkane im Kongo (heute Demokratische Republik Kongo). Seine Beobachtungen und Erkenntnisse waren die ersten, die die Wissenschaft über freilebende Gorillas erhielt. Sie waren auch die Basis auf der Dian Fossey ihre Langzeitstudien aufbauen konnte.

Dian Fossey begann ihre Studien 1969 zunächst in Kabara/Kongo und wechselte von dort nach ihrer Ausweisung in das benachbarte Gebiet der ruandischen Virunga-Vulkane. Sie gründete dort das Forschungs-Camp Karisoke in dem sie bis zu ihrer Ermordung 1985 lebte und forschte.

Das Verbreitungsgebiet der Gorillas gab den Wissenschaftlern lange Zeit einige Rätsel auf. Im Westen Afrikas umfasst es Gabun (mit der höchsten Anzahl an Tieren), Teile von Kamerun (Süden), Kongo und evtl. die angolanische Enklave Cabinda. Hier lebt die Unterart Westlicher Flachlandgorilla. Die Heimat der Östlichen Flachlandgorillas umfasst Teile der DR Kongo und Uganda und die der Berggorillas liegt im Grenzgebiet zwischen Uganda, Ruanda und der DR Kongo in den Virunga-Vulkanen. Das bedeutet, dass zwischen den östlichen und westlichen Populationen etwa 1000 km liegen, in denen es keine Gorillas gibt. Colin P. Groves** vermutete, dass das Verbreitungsgebiet ursprünglich entlang des nördlichen Kongobeckens reichte. Aber nach Ende der Kaltzeit (im Pleistozän) erwärmte sich die Erde mit Beginn des Holozäns vor etwa 11700 Jahren. Das hatte zur Folge, dass in Afrika zwischen den Gebirgen in Osten und Westen ausgedehnte Savannen entstanden. Mit dieser Klimaänderung starben die dort lebenden Gorillas aus, da Savannen für sie als Lebensraum ungeeignet sind. So entwickelten sich die Unterarten getrennt voneinander.

Heute gehören die Berggorillas zu der am besten erforschten Unterart. Geschuldet dürfte dies der Vorarbeit von Schaller und Fossey sein, die die Gruppen an menschliche Anwesenheit gewöhnen konnten und natürlich den Gorillas, die dies akzeptierten. Im Gegensatz zu ihren westlichen Verwandten. die Menschen gegenüber äußerst misstrauisch waren.

Der erste nach Deutschland (Berlin) verbrachte Gorilla war im März 1928 der 2-jährige „Bobby“. Er wog bei seiner Ankunft 15 kg. Durch falsche Ernährung und ein Mangel an Beschäftigung wog er an seinem Todestag am 01. Aug. 1935 unglaubliche 262 kg (normal wären ca. 180 kg gewesen). Durch die falsche Haltung der Tiere gab es natürlich auch keine Nachzuchterfolge. Zudem wurden in den späteren Jahren die Forschungsergebnisse von Dian Fossey beharrlich ignoriert. Erst der Basler Zoologe Jörg Hess, der Dian Fossey auf deren Einladung besuchte, leitete die Wende zu einer modernen Gorillahaltung in Europa ein.

**Colin P. Groves – war ein brit.-australischer Wissenschaftler, u.a. Anthropologe und Primatologe. Seine Doktorarbeit setzte den Standard für die Gorilla-Systematik.

Für uns Besserwisser:
Republik Kongo (seit 1991), Hauptstadt Brazzaville, ehemals frz. Kolonie, grenzt im Osten an den atlantischen Ozean.
Demokratische Republik Kongo (seit 1997) Hauptstadt Kinshasa, ehemals belg. Kolonie. Wird als „gescheiterter“ Staat bezeichnet. Grenzt im Norden an die Zentralafrikanische Republik, im Osten an Uganda, Ruanda und die Republik Kongo im Westen.
Cabinda ist eine Enklave von Angola und liegt eigentlich auf dem Gebiet der DR Kongo. Es wird durch einen schmalen Streifen vom Mutterland getrennt. 80% des angolanischen Finanzhaushalt wird durch die Erdölförderung in Cabinda erlöst. Außerdem Kakao, Kaffee und neu: Gold.

Bilder der oberen Galerie alle Wilhelma Stuttgart 01/24 Bilder der unteren Galerie alle Zoo Duisburg 10/21

https://www.berggorilla.org/ und https://www.gorillas-abisz.de/

Gorillas – Coco & Pucker

Teil 2

„Ich heiße Coco. Mir geht es nicht so gut. Und vielleicht werde ich bald sterben, wie meine gute Freundin Pucker vor einigen Tagen. Aber vorher will ich euch noch aus meinem Leben erzählen. Fragt nicht warum ich die Sprache von euch Menschen verstehe. Ihr Menschen glaubt ja auch alles zu verstehen, alles zu wissen. Und ich bin ein Gorilla…

Vor vielen Jahren als ich noch ganz klein war, lebte ich im Wald, den ihr Menschen Virunga nennt, zusammen mit meiner Familie. Wir waren elf, meine Mama, mein Papa der Silberrücken, Tanten, Onkel und ein Junge, der war etwas älter als ich. Er durfte sich schon abends ein eigenes Nest bauen um darin zu schlafen. Ich lag bei meiner Mama im Nest, denn mit dem Nestbau, das ist nicht einfach, die Zweige und Blätter bleiben einfach nicht dort wo sie sollen. Wenn es hell wurde, haben die Erwachsenen gegessen, Farne, Disteln, Blätter und anderes Grünzeug. Das war langweilig und dann habe ich mit dem Jungen gespielt. Wir sind die Bäume hochgeklettert, auf dem Boden gerollt, haben uns versteckt und manchmal habe ich mich hingestellt und auf meine Brust getrommelt, wie mein Papa. Da hat er aber nur gelacht und sich auf dem Boden gekugelt.

Mein Papa hat immer die besten Futterplätze gefunden, hat gesagt wann wir wandern müssen und wann wir ausruhen sollen. Er hat uns beschützt, wenn andere Gorillamänner gekommen sind, um unsere Frauen zu stehlen. Er konnte sehr zornig werden, aber ich durfte auf ihm herumtollen und ihn ein bisschen ärgern. Manchmal hat er mich dann angekuckt, dann bin ich schnell zu meiner Mama gelaufen.

Oft haben wir andere Tiere getroffen. Auf dem Sattel zwischen den Bergen waren Elefanten und Büffel, da musste man sehr vorsichtig sein. Im Wald kamen manchmal kleine Ducker -Antilopen, wenn wir gerade Rast machten, die haben wir dann erschreckt. In unserer Nähe sind oft Schimpansen vorbeigezogen. Die waren aber immer oben in den Bäumen und sehr laut und schnell. Papa hat sie ignoriert. Ich fand sie spannend, denn sie sahen fast aus wie wir.

Eines Tages kamen Wesen die ich noch nie gesehen hatte. Sie liefen auf zwei Beinen. Ihre Haut war schwarz, sie hatten keine Haare wie wir und sie machten laute Geräusche fast wie die Schimpansen. Mein Papa war sehr wütend und wollte, dass sie uns in Frieden lassen, er drohte ihnen. Aber sie hatten Stöcke die knallten und plötzlich lagen alle auf dem Boden, meine Mama, mein Papa, alle außer mir. Sie hielten mich fest und banden mich an einen Stock. So trugen sie mich aus meinem Wald. Es dauerte sehr lange und dann sperrten sie mich in einen Käfig. Das was sie mir zu essen gaben, konnte ich nicht essen.

Viele, viele Tage vergingen und ich dachte ich sterbe, als plötzlich der Käfig geöffnet wurde. Vor dem Käfig stand eine Frau, sie war weiß und hatte helle Haare aber nur auf dem Kopf. Sie schimpfte laut mit einem anderen. Ich hatte Angst was nun wieder passieren würde und habe ihn in die Hand gebissen. Später wurde ich zurück in den Wald getragen zu dieser Frau. Alle riefen sie Dian. Sie hat mich gefüttert und auf den Arm genommen – wie meine Mama. Aber ich war sehr traurig und habe oft geweint, bis eines Tages noch ein Gorillamädchen kam. Dian nannte sie Pucker und mich Coco. Auch Pucker war sehr krank und hatte furchtbare Angst. Dian hat sie wie mich gesundgepflegt und wir gingen dann oft zum Spielen und Toben in den Wald. Dann kamen wieder Menschen die uns geholt und in Kisten gesteckt haben. Dian hat geschrien und geweint, aber es hat nichts genutzt – wir gingen auf eine sehr lange Reise.

Viele Tage später sind wir dann angekommen. Die Kisten wurden geöffnet und wir waren in einem riesigen Käfig. Da waren keine Bäume oder Sträucher kein Gras und keine Blätter – nichts. Aber Pucker war da und wir haben uns aneinandergeklammert und geweint. Einige Tage später kamen viele Menschen vor unseren Käfig. Sie hatten komische Sachen vor den Augen, die klickten und Blitze machten. Ein Mann sprach zu ihnen, dass wir beide in Köln die ersten Berggorillas in Europa wären und der Kölner Zoo sehr stolz auf uns wäre. Wir wären ein Geschenk der ruandischen Regierung an Köln.

Ich glaube, das war eine Lüge. Als Dian mich befreit hatte, schimpfte sie mit dem Mann, weil er einen Land Rover und viel Geld bekommen sollte, wenn er zwei junge Gorillas nach Köln schicken würde. Ich weiß was ein Land Rover ist, denn Dian hatte auch einen, sie nannte ihn Lily, aber was Geld ist weiß ich nicht. Es muss etwas Böses sein, denn es ist der Grund warum wir hier sind.

Nun sind viele Jahre vergangen und meine liebe Freundin Pucker ist gestorben und gestern war ein Mensch bei mir, den sie Doktor nannten der hat nur den Kopf geschüttelt und alle wurden traurig. Aber nun kennt ihr ja meine Geschichte.“


Liebe Leserinnen und Leser, die Geschichte die ich Coco hier erzählen lasse, beruht auf einem Kapitel aus Dian Fossey’s Buch „Gorillas im Nebel“ und einigen wenigen Informationen aus dem Netz. Einzig die Pressekonferenz vor Coco‘s und Pucker‘s Gehege entspringt meiner Fantasie. Allerdings nicht der Inhalt. Die beiden Gorillamädchen kamen im Mai 1969 in den Kölner Zoo. Pucker starb am 01. April 1978 und Coco am 01. Juni 1978. Um der beiden im Gebiet des Mt. Karisimbi in Ruanda habhaft zu werden, mussten zwei Gruppen mit insgesamt 18 Familienmitglieder sterben. Die ruandische Naturschutzbehörde(!) hatte ausgerechnet einen der berüchtigtsten Wilderer beauftragt, zwei junge Gorillas für den Kölner Zoo zu „besorgen“.

Bob Campbell photograph of Dian Fossey with orphaned gorillas Coco and Pucker, Rwanda 1969

Photos of Dian Fossey courtesy of Bob Campbell Papers/George A. Smathers Libraries/Univ. of Florida.