Gorillas

Warum sollte ich eigentlich über Gorillas schreiben und nicht lieber über Quolls oder Schuhschnäbel? Die kennt kaum jemand und es gibt das eine oder andere Spannende über sie zu berichten. Menschenaffen genießen ja schon eine hohe mediale Aufmerksamkeit und es gibt tolle Blogs und Infos über Gorillas im Internet. Also warum?
Es sind die zahlreichen Begegnungen in Zoos, die mich immer wieder tief beeindrucken und der letzte Anstoß waren der Film über Dian Fossey und ihr Buch „Gorillas im Nebel“. Ich werde mich jedoch auf einige Aspekte im Leben der Gorillas beschränken müssen, hier zunächst etwas Geschichte und Geographie. In Teil 2 lasse ich Coco zu Wort kommen. Wer sich weiter informieren will, dem empfehle ich die am Ende meines Beitrags genannten Webseiten.

Menschen und Gorillas, das war schon immer ein toxisches Verhältnis* und so verwundert es nicht, dass ihr Weg von ihrer Entdeckung bis in die europäischen und amerikanischen Zoos geprägt waren von Tierleid, Grausamkeit, Unverständnis und mangelndem Sachverstand.

* Eine toxische Beziehung besteht aus einem dominanten, fordernden und einem eher zurückhaltendem, schwachen Part. Die Bedürfnisse des dominanten Parts stehen absolut im Fokus.

Gorillas und Wir – Teil 1

„Drei Tage lang segelten wir von dort an feurigen Sturzbächen entlang und gelangten dann an eine Bucht, die ‚Horn des Südwinds‘ (Nótū Kéras) hieß. Im Winkel lag eine Insel, die der ersten glich und ebenfalls einen See aufwies. Und in diesem See lag eine weitere Insel, voll von wilden Menschen. Es waren überwiegend Weiber, die am ganzen Körper dicht behaart waren; die Dolmetscher nannten sie goríllai. Wir verfolgten sie, konnten aber keine Männer fangen; sie entwischten alle, weil sie ausgezeichnete Kletterer waren und sich mit Felsbrocken zur Wehr setzten; Weiber aber fingen wir drei ein; sie bissen und kratzten und wollten denen, die sie führten, nicht folgen. Daher töteten wir sie, zogen ihnen die Haut ab und brachten die Bälge nach Karthago mit.“

So beschrieb Hanno ein karthagischer Seefahrer um 470 v.Chr. sein Zusammentreffen mit Wesen, die die Dolmetscher Gorillai nannten. Dokumentiert ist diese Reise im „periplus“ einem Reisebericht über eine Entdeckungsreise von Karthago bis in den Golf von Guinea.

Im Jahr 1847 wurden die Tiere zum erstmals wissenschaftlich anhand von Schädel- und Knochenfunden durch T.S. Savage und J. Wyman beschrieben. Es handelte sich dabei um Westliche Flachland Gorillas. In Anlehnung an Hannos Reisebericht erhielten sie den Gattungsnamen Gorilla. In den folgenden Jahren wurden weitere Tiere untersucht und in die Systematik eingeordnet.

Der frz. Afrikaforscher Paul Belloni Du Chaillu war wohl der erste Weiße, der 1855 in Gabun auf lebende Gorillas stieß. Seine und folgende Berichte beschrieben den Gorilla als gefährliches Monster und wurden so Inspiration und Vorlage für Filme wie King Kong. Dass dem nicht so war, wurde erst durch die Studien von Jill Donisthorpe, Schaller und Fossey mehr als 100 Jahre später bekannt. Sie zeichneten das Bild eines sozialen und friedlichen Tieres, des sanften Riesens.

Auf einer Expedition im Jahr 1902, schoss der deutsche Hauptmann Friedrich R. von Beringe im Gebiet der Virunga Vulkane in Ruanda zwei Tiere, die der deutsche Zoologe Paul Matschke untersuchte, als Unterart „Berggorilla“ neu einordnete und ihnen den wissenschaftlichen Namen (zu Ehren ihres Entdeckers) Gorilla beringei beringei nannte. Aus heutiger Sicht eine zweifelhafte Ehre, aber zu dieser Zeit war das Motto: erst schießen dann untersuchen.

Zwei junge Frauen, die Schottin Rosalie Osborn und Jill Donisthorpe eine Südafrikanische Journalistin, reisten 1954 in die Virunga Berge, um für 9 Monate das Leben der Gorillas zu studieren und schlussendlich mit dem Mythos des gefährlichen Monsters aufzuräumen.

Die ersten Langzeit-Feldstudien wurden von George Schaller ab 1959 durchgeführt. Schaller ist amerikanischer Zoologe und Naturforscher. Er studierte die Berggorillas im Gebiet der Virunga Vulkane im Kongo (heute Demokratische Republik Kongo). Seine Beobachtungen und Erkenntnisse waren die ersten, die die Wissenschaft über freilebende Gorillas erhielt. Sie waren auch die Basis auf der Dian Fossey ihre Langzeitstudien aufbauen konnte.

Dian Fossey begann ihre Studien 1969 zunächst in Kabara/Kongo und wechselte von dort nach ihrer Ausweisung in das benachbarte Gebiet der ruandischen Virunga-Vulkane. Sie gründete dort das Forschungs-Camp Karisoke in dem sie bis zu ihrer Ermordung 1985 lebte und forschte.

Das Verbreitungsgebiet der Gorillas gab den Wissenschaftlern lange Zeit einige Rätsel auf. Im Westen Afrikas umfasst es Gabun (mit der höchsten Anzahl an Tieren), Teile von Kamerun (Süden), Kongo und evtl. die angolanische Enklave Cabinda. Hier lebt die Unterart Westlicher Flachlandgorilla. Die Heimat der Östlichen Flachlandgorillas umfasst Teile der DR Kongo und Uganda und die der Berggorillas liegt im Grenzgebiet zwischen Uganda, Ruanda und der DR Kongo in den Virunga-Vulkanen. Das bedeutet, dass zwischen den östlichen und westlichen Populationen etwa 1000 km liegen, in denen es keine Gorillas gibt. Colin P. Groves** vermutete, dass das Verbreitungsgebiet ursprünglich entlang des nördlichen Kongobeckens reichte. Aber nach Ende der Kaltzeit (im Pleistozän) erwärmte sich die Erde mit Beginn des Holozäns vor etwa 11700 Jahren. Das hatte zur Folge, dass in Afrika zwischen den Gebirgen in Osten und Westen ausgedehnte Savannen entstanden. Mit dieser Klimaänderung starben die dort lebenden Gorillas aus, da Savannen für sie als Lebensraum ungeeignet sind. So entwickelten sich die Unterarten getrennt voneinander.

Heute gehören die Berggorillas zu der am besten erforschten Unterart. Geschuldet dürfte dies der Vorarbeit von Schaller und Fossey sein, die die Gruppen an menschliche Anwesenheit gewöhnen konnten und natürlich den Gorillas, die dies akzeptierten. Im Gegensatz zu ihren westlichen Verwandten. die Menschen gegenüber äußerst misstrauisch waren.

Der erste nach Deutschland (Berlin) verbrachte Gorilla war im März 1928 der 2-jährige „Bobby“. Er wog bei seiner Ankunft 15 kg. Durch falsche Ernährung und ein Mangel an Beschäftigung wog er an seinem Todestag am 01. Aug. 1935 unglaubliche 262 kg (normal wären ca. 180 kg gewesen). Durch die falsche Haltung der Tiere gab es natürlich auch keine Nachzuchterfolge. Zudem wurden in den späteren Jahren die Forschungsergebnisse von Dian Fossey beharrlich ignoriert. Erst der Basler Zoologe Jörg Hess, der Dian Fossey auf deren Einladung besuchte, leitete die Wende zu einer modernen Gorillahaltung in Europa ein.

**Colin P. Groves – war ein brit.-australischer Wissenschaftler, u.a. Anthropologe und Primatologe. Seine Doktorarbeit setzte den Standard für die Gorilla-Systematik.

Für uns Besserwisser:
Republik Kongo (seit 1991), Hauptstadt Brazzaville, ehemals frz. Kolonie, grenzt im Osten an den atlantischen Ozean.
Demokratische Republik Kongo (seit 1997) Hauptstadt Kinshasa, ehemals belg. Kolonie. Wird als „gescheiterter“ Staat bezeichnet. Grenzt im Norden an die Zentralafrikanische Republik, im Osten an Uganda, Ruanda und die Republik Kongo im Westen.
Cabinda ist eine Enklave von Angola und liegt eigentlich auf dem Gebiet der DR Kongo. Es wird durch einen schmalen Streifen vom Mutterland getrennt. 80% des angolanischen Finanzhaushalt wird durch die Erdölförderung in Cabinda erlöst. Außerdem Kakao, Kaffee und neu: Gold.

Bilder der oberen Galerie alle Wilhelma Stuttgart 01/24 Bilder der unteren Galerie alle Zoo Duisburg 10/21

https://www.berggorilla.org/ und https://www.gorillas-abisz.de/

Gorillas – Coco & Pucker

Teil 2

„Ich heiße Coco. Mir geht es nicht so gut. Und vielleicht werde ich bald sterben, wie meine gute Freundin Pucker vor einigen Tagen. Aber vorher will ich euch noch aus meinem Leben erzählen. Fragt nicht warum ich die Sprache von euch Menschen verstehe. Ihr Menschen glaubt ja auch alles zu verstehen, alles zu wissen. Und ich bin ein Gorilla…

Vor vielen Jahren als ich noch ganz klein war, lebte ich im Wald, den ihr Menschen Virunga nennt, zusammen mit meiner Familie. Wir waren elf, meine Mama, mein Papa der Silberrücken, Tanten, Onkel und ein Junge, der war etwas älter als ich. Er durfte sich schon abends ein eigenes Nest bauen um darin zu schlafen. Ich lag bei meiner Mama im Nest, denn mit dem Nestbau, das ist nicht einfach, die Zweige und Blätter bleiben einfach nicht dort wo sie sollen. Wenn es hell wurde, haben die Erwachsenen gegessen, Farne, Disteln, Blätter und anderes Grünzeug. Das war langweilig und dann habe ich mit dem Jungen gespielt. Wir sind die Bäume hochgeklettert, auf dem Boden gerollt, haben uns versteckt und manchmal habe ich mich hingestellt und auf meine Brust getrommelt, wie mein Papa. Da hat er aber nur gelacht und sich auf dem Boden gekugelt.

Mein Papa hat immer die besten Futterplätze gefunden, hat gesagt wann wir wandern müssen und wann wir ausruhen sollen. Er hat uns beschützt, wenn andere Gorillamänner gekommen sind, um unsere Frauen zu stehlen. Er konnte sehr zornig werden, aber ich durfte auf ihm herumtollen und ihn ein bisschen ärgern. Manchmal hat er mich dann angekuckt, dann bin ich schnell zu meiner Mama gelaufen.

Oft haben wir andere Tiere getroffen. Auf dem Sattel zwischen den Bergen waren Elefanten und Büffel, da musste man sehr vorsichtig sein. Im Wald kamen manchmal kleine Ducker -Antilopen, wenn wir gerade Rast machten, die haben wir dann erschreckt. In unserer Nähe sind oft Schimpansen vorbeigezogen. Die waren aber immer oben in den Bäumen und sehr laut und schnell. Papa hat sie ignoriert. Ich fand sie spannend, denn sie sahen fast aus wie wir.

Eines Tages kamen Wesen die ich noch nie gesehen hatte. Sie liefen auf zwei Beinen. Ihre Haut war schwarz, sie hatten keine Haare wie wir und sie machten laute Geräusche fast wie die Schimpansen. Mein Papa war sehr wütend und wollte, dass sie uns in Frieden lassen, er drohte ihnen. Aber sie hatten Stöcke die knallten und plötzlich lagen alle auf dem Boden, meine Mama, mein Papa, alle außer mir. Sie hielten mich fest und banden mich an einen Stock. So trugen sie mich aus meinem Wald. Es dauerte sehr lange und dann sperrten sie mich in einen Käfig. Das was sie mir zu essen gaben, konnte ich nicht essen.

Viele, viele Tage vergingen und ich dachte ich sterbe, als plötzlich der Käfig geöffnet wurde. Vor dem Käfig stand eine Frau, sie war weiß und hatte helle Haare aber nur auf dem Kopf. Sie schimpfte laut mit einem anderen. Ich hatte Angst was nun wieder passieren würde und habe ihn in die Hand gebissen. Später wurde ich zurück in den Wald getragen zu dieser Frau. Alle riefen sie Dian. Sie hat mich gefüttert und auf den Arm genommen – wie meine Mama. Aber ich war sehr traurig und habe oft geweint, bis eines Tages noch ein Gorillamädchen kam. Dian nannte sie Pucker und mich Coco. Auch Pucker war sehr krank und hatte furchtbare Angst. Dian hat sie wie mich gesundgepflegt und wir gingen dann oft zum Spielen und Toben in den Wald. Dann kamen wieder Menschen die uns geholt und in Kisten gesteckt haben. Dian hat geschrien und geweint, aber es hat nichts genutzt – wir gingen auf eine sehr lange Reise.

Viele Tage später sind wir dann angekommen. Die Kisten wurden geöffnet und wir waren in einem riesigen Käfig. Da waren keine Bäume oder Sträucher kein Gras und keine Blätter – nichts. Aber Pucker war da und wir haben uns aneinandergeklammert und geweint. Einige Tage später kamen viele Menschen vor unseren Käfig. Sie hatten komische Sachen vor den Augen, die klickten und Blitze machten. Ein Mann sprach zu ihnen, dass wir beide in Köln die ersten Berggorillas in Europa wären und der Kölner Zoo sehr stolz auf uns wäre. Wir wären ein Geschenk der ruandischen Regierung an Köln.

Ich glaube, das war eine Lüge. Als Dian mich befreit hatte, schimpfte sie mit dem Mann, weil er einen Land Rover und viel Geld bekommen sollte, wenn er zwei junge Gorillas nach Köln schicken würde. Ich weiß was ein Land Rover ist, denn Dian hatte auch einen, sie nannte ihn Lily, aber was Geld ist weiß ich nicht. Es muss etwas Böses sein, denn es ist der Grund warum wir hier sind.

Nun sind viele Jahre vergangen und meine liebe Freundin Pucker ist gestorben und gestern war ein Mensch bei mir, den sie Doktor nannten der hat nur den Kopf geschüttelt und alle wurden traurig. Aber nun kennt ihr ja meine Geschichte.“


Liebe Leserinnen und Leser, die Geschichte die ich Coco hier erzählen lasse, beruht auf einem Kapitel aus Dian Fossey’s Buch „Gorillas im Nebel“ und einigen wenigen Informationen aus dem Netz. Einzig die Pressekonferenz vor Coco‘s und Pucker‘s Gehege entspringt meiner Fantasie. Allerdings nicht der Inhalt. Die beiden Gorillamädchen kamen im Mai 1969 in den Kölner Zoo. Pucker starb am 01. April 1978 und Coco am 01. Juni 1978. Um der beiden im Gebiet des Mt. Karisimbi in Ruanda habhaft zu werden, mussten zwei Gruppen mit insgesamt 18 Familienmitglieder sterben. Die ruandische Naturschutzbehörde(!) hatte ausgerechnet einen der berüchtigtsten Wilderer beauftragt, zwei junge Gorillas für den Kölner Zoo zu „besorgen“.

Bob Campbell photograph of Dian Fossey with orphaned gorillas Coco and Pucker, Rwanda 1969

Photos of Dian Fossey courtesy of Bob Campbell Papers/George A. Smathers Libraries/Univ. of Florida.

Erlebnis-Zoo Hannover

Erlebnis-Zoo Für mich und viele andere Menschen ist ein Besuch im Zoo immer ein Erlebnis. Als ich mich entschloss den Zoo in Hannover zu besuchen, habe ich mich also gefragt, was es wohl mit einem „Erlebnis Zoo“ auf sich hat. Bei einem Blick auf den Zoo-Plan wird vieles klar, wie es jedoch dazu kam? Hier zunächst die Geschichte und der Mensch hinter dem Konzept:Erlebnis-Zoo

  • Geschichte und wichtige Personen

Auf private Initiative des Parlamentariers Hermann Schläger und der Naturhistorischen Gesellschaft Hannover, wurde 1865 ein Zoo in Hannover eröffnet. Es müssen schwierige Zeiten gewesen sein, denn das Königreich Hannover war 1866 Verbündeter Österreichs im sogenannten Deutschen Krieg gegen Preußen. Die von den Gründern angestrebte naturkundliche Bildungseinrichtung konnte über die Jahre nicht immer verwirklicht werden. Bei knappen Kassen musste man sich darauf konzentrieren, das Hannoveraner Publikum für den Zoo zu begeistern und das gelang am besten mit allerlei Veranstaltungen wie Freilichtkino, Theateraufführungen oder Gartenfeste. Wie alle anderen Zoos in Deutschland waren die beiden Kriege ein besonderer Einschnitt. Aufgrund knapper Kassen musste der Zoo kurzzeitig 1922 sogar geschlossen werden.

Ab 1931 wurde der Zoo an Hermann Ruhe verpachtet, der Inhaber einer Tierhandelsfirma war. Das Engagement der Familie Ruhe währte immerhin 40 Jahre. In dieser Zeit wurde der Zoo in einen für damalige Verhältnisse modernen Freiflächenzoo umgebaut und der Tierbestand erheblich erweitert (Schwerpunkt Antilopen).

Anfang der 1990 Jahre geriet der Zoo wieder in eine finanzielle Schieflage und musste umstrukturiert werden. Neuer Geschäftsführer wurde ab 1994 der Jurist und Lokalpolitiker Klaus-Michael Machens. Und da sein Name schon das Wort „Machen“ enthielt hat er das auch getan.

  • Konzept

Nach einer Methodik die sich „Design Thinking“* nennt, entwickelten Machens und seine Experten ein neues Zoo-Konzept: keine klassischen Gittergehege, sondern Freianlagen, die durch Gräben oder Glas Tiere und Besucher trennen. Themenbereiche fassen die Tierarten eines Kontinents zusammen und sind der natürlichen Umgebung der Tiere nachempfunden. Viele Beobachtungspunkte die besondere Einblicke in die Gehege bieten und ein Wasserlauf, auf dem Boote mit Besuchern in unmittelbarer Nähe zu den Tieren vorbeifahren. Schließlich Besucherbereiche die im Essensangebot und Stil dem jeweiligen Themenbereich angepasst wurden. Das Konzept wurde von vielen Fachleuten als Disneyverschnitt belächelt oder kritisiert. In der Zwischenzeit gibt der finanzielle Erfolg Machens recht und die Besucherzahlen sind über die Jahre in die Höhe geschnellt.

  • Themenbereiche und Tiere

Im Jahr 2022 ergab die Bestandsaufnahme 1759 Tiere in 170 Arten.

Sambesi   – ist einer afrikanischen Savannenlandschaft nachempfunden, Boote fahren auf einem künstlich angelegten Fluss nahe an den Gehegen vorbei.
AFI Mountain – beherbergt die Primaten, die auch im Afi Mountain Wildlife Sanctuary im Südosten Nigerias beheimatet sind, Flachlandgorillas, Schimpansen, Drills und Brazzameerkatzen.
Yukon Bay -zeigt die Kanadische Tierwelt u.a. mit Eisbären, Timberwölfen, Waschbären und Bisons. Natürlich fehlen auch Pinguine und Robben nicht.
Dschungelpalast – Der „Dschungelpalast“ ist dem Palast des indischen Maharadschas Bakhat nachempfunden, der nach dessen Tod langsam wieder vom Dschungel und Tieren in Besitz genommen wurde. Die größte Anlage ist für die Elefanten reserviert, aber auch Sibirische Tiger, China-Leoparden und Hulman-Affen findet man dort.
Outback – die Welt des australischen Outbacks mit Emus, Wombats, Bennett-Kängurus und verschiedenen Sitticharten.
Meyers Hof – ist eine Anlage wie ein bäuerliches Gehöft. Sie besteht aus alten Wohn-, Wirtschafts- und Stallgebäuden in einer ländlichen Umgebung mit Wiesen und Weiden. Hier sind seltene Nutztiere untergebracht, schwarzbunte Niederungsrinder, Harzer Rotvieh oder Exmoor-Ponys und verschiedene Hühner-, Puten- und Gänserassen.
Weitere Gehege außerhalb der Themenbereiche und ein Tropenhaus runden das Angebot ab.

Ergänzung Dezember 2025: Drill mit wenigen Tagen altem Jungtier im Afi Mountain, Nubische Giraffen im Sambesi und Timberwölfe in Yukon-Bay


  • Artenschutz und EEP

Der Zoo unterstützt eine ganze Reihe von Artenschutzprogrammen AP = (Artenschutzpartner) in verschiedenen Ländern:
Spitzmaulnashörner in Kenia AP: SAVE THE RHINO
Mendesantilopen (Addax und Strausse in der Sahara und dem angrenzenden Sahel AP: SAHARA CONSERVATION
Lemuren in Madagaskar AP: STIFTUNG ARTENSCHUTZ & CHANCES FOR NATURE
Asiatische Elefanten in Myanmar AP: CHANCES FOR NATURE
Gibbons in Vietnam AP: STIFTUNG ARTENSCHUTZ
Drills in Kamerun und Nigeria AP: RETTET DEN DRILL E.V

Weitere Projekte kümmern sich um einheimische Tiere wie Wildbienen oder Igel. Außerdem werden folgende Europäischen Erhaltungszucht-Programme (EEPs) vom Zoo Hannover koordiniert: Addax, Nordafrikanischer Strauß, Drills, Pferdeantilope, Zwergrüsseldikdik und Hulman-Langur

  • Bildung

Die Zooschule bietet außerschulischen Unterricht für Schüler und Lehrende an. Angeboten werden Unterrichtsstunden oder Workshops für verschiedene Klassenstufen. Das seit 2023 fertiggestellte Zoologicum beherbergt außer verschieden Tierarten (Riesenschildkröten, Faultiere, Insekten, Gürteltiere, Fuchsmangusten und Falklandkarakaras) auch die Zooschule und eine Arena.

  • Mein Fazit

Wenn man das „Erlebnis“ weglässt, besucht man einen Zoo, der ganz offensichtlich auf der Höhe der modernen Tierhaltung ist. Die teilweise riesigen Freigehege haben mich sehr beeindruckt. Für Hobbyfotografen gibt es eine Menge Spots, sodass man mit der üblichen Geduld viele tolle Bilder mit nach Hause bringen kann. Es gibt natürlich auch kritische Stimmen, die befürchten, dass zugunsten der Erlebniswelt die Haltung seltener oder interessanter Tiere zurücksteht. Beurteilt man den „Erlebnis-Zoo“ kann man festhalten, dass für die Besucher jeden Alters eine Menge, wohl auch über das Übliche hinausgehend, getan wurde und wird. Ich hatte auch den Eindruck noch nie so vielen Klassen oder Jugendgruppen begegnet zu sein wie in Hannover.

  • Zukunft

Seit 2015 gibt es einen Masterplan 2025+ der Investitionen von etwa 71 Mio. Euro vorsah. Einige der Projekte wurden bereits umgesetzt bzw. sind in Arbeit.

Meeresschildkröten I

Meeresschildkröten werden nicht in Zoos gehalten, einige wenige wie die Grüne Meeresschildkröte findet man allerdings auch in Deutschland in großen Aquarien. Trotzdem möchte ich Euch diese faszinierenden Tiere vorstellen. Inspiration für diesen Beitrag war ein Vortrag der Meeresbiologin Dr. Christine Figgener, bitte lest auch unter Natur+Wir – die 5.Runde Teil 1.

Lederschildkröte (Dermochelys coriacea) Leatherback Sea Turtle

In der Systematik der Tiere bilden die Lederschildkröten eine eigene Gattung mit dem lat. Namen Demochelys. Sie gehören somit eigentlich nicht zu den Meeresschildkröten (Chelonia) obwohl wir sie so bezeichnen. Grund dafür ist eine getrennt evolutionäre Entwicklung. Lederschildkröten haben keinen festen Panzer. Ihr Rücken ist mit mosaikartigem Knorpel bedeckt und mit einer lederartigen Haut überzogen und somit eher weich. Sie erreichen beeindruckende Maße von 1,30 – 1,75 m Länge und ein Gewicht von durchschnittlich 300-600 kg. Ein riesiges Exemplar wurde an einem Strand in Wales gefunden. Der Panzer (Carapax) maß stolze 2,56m und sie wog 916 kg.
Lederschildkröten sind Nahrungsspezialisten die ausschließlich von Quallen leben. Ihre Nahrungsgebiete sind die nördlichen Gewässer im Atlantik und Pazifik. Diese verlassen sie zur Paarung. Männchen und Weibchen treffen sich alle 2-3 Jahre an den Küsten der Tropen und Subtropen, paaren sich dort und die Weibchen legen die Eier an den Sandstränden ab. Dabei graben sie 5-7 Gelege mit jeweils 80-120 Eiern. Es sind weltweit etwa 64 Niststrände bekannt. Nach etwa 60 Tagen schlüpfen die jungen Schildkröten fast zeitgleich und beginnen ihre gefährliche Reise ins offene Meer. Die Geschlechtsreife erreichen sie mit 15-25 Jahren. Um zu verdeutlichen, welche unglaublichen Leistung sie vollbringen, muss man sich folgendes Beispiel vor Augen führen. Ein Teil der Tiere der westpazifischen Population schwimmt von den Niststränden in Indonesien über den gesamten Pazifik fast 11.300 km weit zu ihren Nahrungsgründen vor der US-Westküste. Sie benötigen dafür bis zu einem Jahr und bleiben dort etwa fünf Jahre. Dann schwimmen sie wieder zurück. Diese langen Rundreisen unternehmen sie mehrfach in ihrem Leben. Außerdem sind Lederschildkröten in der Lage bis zu 1300 m tief zu tauchen.

Lederschildkröte – Rabon David, U.S. Fish and Wildlife Service

Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata/bissa) Hawksbill Sea Turtle

Mit 75-90 cm und einem Gewicht von 45-75 kg wären sie eine eher unauffällige Spezies. Ihr Problem ist allerdings, dass sie einen Panzer tragen der zu hübsch ist. Der Panzer besteht aus überlappenden Hornplatten die ein wunderschöne Zeichnung haben. Diese sind als Schildpatt bekannt und haben dazu geführt, dass Echte Karettschildkröten jahrhundertelang gejagt wurden. Ihr englischer Name Hawksbill (Habichtschnabel) leitet sich von ihrem gebogenen Schnabel ab, der an einen Greifvogelschnabel erinnert. Mit diesem „Schnabel“ kann die Schildkröte ihre Hauptnahrung Schwämme und weiche Korallen von den Riffen kratzen. Aufgrund der Nahrungsspezialisierung ist sie auf Korallenriffe angewiesen. Wahrscheinlich ist dies der Grund warum sie weniger wandert als andere Meeresschildkröten.
Es gibt zwei Unterarten. Die Pazifische Karettschildkröte lebt überwiegend nördlich von Madagaskar, im Malaiischen Archipel und vor der Nordostküste Australiens, während die atlantischen Vertreter in der Karibik ihr Zuhause haben. Die Paarungs- und Nistzeit der karibischen Population ist von Juni bis November. Weibchen legen im Durchschnitt drei bis vier Nester mit 100 bis 200 Eiern an. Die Jungtiere schlüpfen nach 55 bis 65 Tagen. Die Geschlechtsreife erreichen sie mit etwa 25 – 30 Jahren.

by Caroline S. Rogers, available through NOAA

Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas/japonica) Green Sea Turtle

Die einen sind zu hübsch die anderen zu wohlschmeckend. Die Grüne Meeresschildkröten wurde von Seefahrern deshalb Suppenschildkröten genannt. Sie wurden als lebender Proviant auf Schiffe genommen, wo sie letztendlich in den Suppenkochtöpfen der Schiffsköche landeten. Sie hatte das Pech, dass man sie überall in den tropischen und subtropischen Gewässern und im Mittelmeer antraf. Das perfekte Nahrungsergänzungsmittel. Daher steht sie auf der Roten Liste der IUCN leider unter stark gefährdet. Ihr eigentlicher Name wird von einem Körperfett abgeleitet, das Knorpel und Körper (nicht den Panzer) grünlich färbt.
Mit einer Größe von 80-120 cm und einem Gewicht von 120-220 kg sind sie die größten Meeresschildkröten (Chelonia). Die Jungtiere ernähren sich von fleischlicher Kost, wie kleine Krebse, Würmer, Muscheln etc., während die erwachsenen Tiere Seegras abweiden. Grüne Meeresschildkröten paaren sich sowohl in den Nahrungsgründen als auch entlang von Wanderpfaden und vor den Niststränden. Sie können etwa alle 2 Wochen ein neues Nest graben und das über mehrere Monate, bevor sie wieder zu ihren Nahrungsgründen zurückkehren. Die Nistsaison variiert je nach Lebensraum. Um zu den Niststränden zu kommen, legen einige eine Strecke von mehr als 2500 km zurück. Auch sie werden erst mit 25-45 Jahren geschlechtsreif.

Chelonia mydas is going for the air.jpg – Brocken Inaglory

Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea) Olive Ridley Sea Turtle

Der deutsche Name klingt nicht besonders freundlich, wer möchte schon Bastard sein. Der Name ist jedoch darauf zurückzuführen, dass man sie früher für Hybride der Grünen Meeresschildkröte und der Unechten Karettschildkröte hielt. Oliv deshalb, weil ihr herzförmiger Panzer eine olivgrüne Farbe hat. Mit einer Körperlänge von 70 cm und einem Gewicht bis 50 kg gehören sie zu den Kleinen ihrer Art. Sie legen große Entfernungen zurück. Mit Hilfe von Satellitenempfängern konnte man dokumentieren, dass sie von den Niststränden in Costa Rica bis in die tiefen Gewässer des Pazifiks schwimmen.. Ihr Verbreitungsgebiet sind die tropischen Regionen des Pazifischen, Indischen und Atlantischen Ozeans.
Sie gehören eigentlich zu den häufig vorkommenden Meeresschildkröten. Allerdings werden sie als Fleischlieferanten immer noch stark bejagt und ihre Nester (von Menschen) geplündert. Das hat wahrscheinlich auch mit ihrem Nistverhalten zu tun. Oliv-Bastardschildkröten zeigen, ähnlich wie ihre Verwandten, die Atlantischen Bastardschildkröten, das wohl außergewöhnlichste Nistverhalten unter den Meeresschildkröten. Während andere Arten einzeln und unkoordiniert an die Strände kommen, versammeln sich Bastardschildkröten zu mehreren Tausend, um dann gemeinsam zu nisten. Sie nisten in fast 60 Ländern, jedes Jahr, ein- bis dreimal pro Saison. In Mittelamerika wird diese synchronisierte Massenanlandung „Arribada“ (spanisch Ankunft) genannt. Es ist nicht bekannt, was dieses Verhalten auslöst und wie die Tiere es schaffen, pünktlich an ihrem Niststrand einzutreffen.

wiki commons Bernard Gagnon

Karibische Bastardschildkröte (Lepidochelys kempii) Kemp’s Ridley Sea Turtle

Sie sind enge Verwandte der Oliv-Bastardschildkröte, jedoch liegt ihr hauptsächliches Verbreitungsgebiet in der Karibischen See, genauer im Golf von Mexiko. Jungtiere begeben sich jedoch auf eine Reise entlang der amerikanischen Ostküste, wo sie dann auch in Nova Scotia anzutreffen sind. Einzelne Tiere haben es auch schon bis an die Küsten von Frankreich, Irland, Portugal, Madeira, den Azoren und Großbritannien geschafft, weshalb man sie auch Atlantische Bastardschildkröte nennt. Im Gegensatz zu den Jungtieren halten sich männliche Atlantische Bastardschildkröten in vielen verschiedenen Gebieten im Golf von Mexiko auf. Einige Männchen wandern jährlich zwischen Futter- und Brutgebieten hin und her. Andere wiederum wandern überhaupt nicht und paaren sich mit Weibchen, die sie an ihren Futterplätzen oder in der Nähe von Niststränden antreffen. Weibchen wandern von den Nistgebieten in die von der Halbinsel Yucatán über Südflorida bis zum nördlich-zentralen Golf von Mexiko reichenden Futtergebiete.  
Sie gehören zu den seltensten Meeresschildkröten und waren in den 1980er Jahren kurz vor dem Aussterben. Das konnte jedoch gerade noch verhindert werden. Wie ihre pazifischen Verwandten sind sie Allesfresser.
Weibchen legen durchschnittlich 2 bis 3 Gelege pro Saison. Dabei kehren sie alle 1 bis 3 Jahre von April bis Juli zum Nisten an den Strand zurück, an dem sie einst das Licht der Welt erblickten. Auch bei ihnen gibt es einen Arribada. Allerdings graben sie ihre Nester während des Tages. Ein Gelege kann bis zu 100 Eier umfassen. Die Schlüpflinge graben sich nach ca.50-60 Tagen aus dem Sand.

Kemp Ridley’s sea turtle (6808132393)U. S. Fish and Wildlife Service

Wallriffschildkröte (Natator depressus) Flatback Sea Turtle

Von allen Meeresschildkröten haben Wallriffschildkröten das kleinste Verbreitungsgebiet. Sie leben in den nördlichen Gewässern des australischen Kontinentalschelfs bis zur Küste von Papua-Neuguinea. Sie nisten nur an wenigen Stränden, die ausschließlich in Nordaustralien liegen. Während die anderen Meeresschildkröten einen großen Teil ihres Lebens im offenen Ozean verbringen, bleiben Wallriffschildkröten in Gewässern, die selten tiefer als 200 m sind.
Sie werden etwa 1 m groß, 70-90 kg schwer und sind leicht an ihrem abgeflachten Rückenpanzer zu erkennen. Daher rührt auch der englische Name „Flatback Sea Turtle“. Ihre Hauptnahrung besteht aus wirbellosen Tieren wie Quallen, Seegurken und anderen.
In der Nistsaison legen Weibchen zwei bis drei Nester an. Mit 50-55 Eiern sind dies zwar die wenigsten aller Meeresschildkröten, dafür sind sie sehr groß und halten eine Temperatur bis 36,5° Celsius aus. Der Schlupf beginnt nach 48-66 Tagen.
Die Tiere sind zwar geschützt, dürfen aber von den Aborigines im Rahmen ihrer traditionellen Jagd genutzt werden.

iStock-489437626 Casuarina Beach, Darwin

Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) Loggerhead Sea Turtle

Über manche Namen kann man nur Staunen. Genau so einfallslos wie Suppenschildkröte (s.o.) ist der Name Unechte Karettschildkröte, der nur darauf hinweist, dass man sie früher mit der Echten Karettschildkröte verwechselt hat. Der englische Name Loggerhead könnte nun Schafskopf oder Dummkopf bedeuten, was den Tieren nicht gerecht wäre. Es gibt jedoch eine Übersetzung die vielleicht passt: So wurde der Poller (ein aufrechter Pfosten) im Heck alter Walfangboote zum Darumlegen einer sonst zu schnell auslaufenden Harpunenleine genannt. Es könnte also ein Hinweis auf den ungewöhnlich großen Kopf mit kräftigen Kiefern hindeuten.
Die Unechte Karettschildkröte kann man in allen Ozeanen und im Mittelmeer finden. Die Populationen im Nordpazifik und Mittelmeer gelten als gesichert, andere jedoch als gefährdet.
Sie können eine Länge von 110 cm und ein Gewicht bis 200 kg erreichen. Ihre Rippenschilde haben eine charakteristische rostbraune bis gelbbraune Färbung.  Mit den kräftigen Kiefern sind sie in der Lage, ihre Lieblingsspeise Schalentiere wie Muscheln und Schnecken zu knacken.
Unechte Karettschildkröten kommen zur Eiablage einzeln und immer nachts an die Niststrände. Sie bevorzugen relativ schmale, steil abfallende und grob sandige Strände und suchen dabei jeweils Strände des Gebietes auf, wo sie Jahrzehnte zuvor geschlüpft sind. In der Regel nisten die Weibchen alle 2 bis 3 Jahre drei- bis fünfmal pro Saison, wobei ein Nest bis zu 100 Eier enthält. Die Jungen schlüpfen nach etwa 2 Monaten. Dann durchlaufen sie eine Reihe von Entwicklungsstadien bis ins Erwachsenenalter. Dabei nutzen sie unterschiedliche Lebensräume. Schlüpflinge und Jungtiere verbringen die ersten 7 bis 15 Jahre ihres Lebens im offenen Ozean. Dann wandern sie in küstennahe Gebiete, wo sie nach Futter suchen und noch einige Jahre weiter heranwachsen. Um es sich vorstellen zu können: Wenn die Jungtiere nach dem Schlüpfen an den Niststränden in Japan und Australien ihre Reise beginnen, schwimmen sie 13.000 km zu ihren Futterplätzen an die Küsten der Baja California, von Mexiko, Peru und Chile. Dort verbringen sie wahrscheinlich bis zu 20 Jahre. Dann geht es zurück an die Strände ihrer Geburt.

Getty Images/iStock-1170803146
Foto von Wexor Tmg auf Unsplash

Meeresschildkröten II

Auf einer Konferenz der IUCN in Neu-Delhi in den 1960er Jahren prägte der Senegalese Baba Dioum folgende schlichte Wahrheit:

«In the end, we will conserve only what we love; we will love only what we understand and we will understand only what we are taught.» Am Ende werden wir nur schützen, was wir lieben, wir lieben nur, was wir verstehen, und wir verstehen nur das, was man uns gelehrt hat.

Baba Dioum Neu-Delhi 1968 International Union for Conservation of Nature (IUCN)

Meeresschildkröten werden nicht in Zoos gehalten, einige wenige wie die Grüne Meeresschildkröte findet man allerdings auch in Deutschland in großen Aquarien. Ich glaube jedoch, das, was Baba Dioum gesagt hat, gilt auch für meinen Blog und so stelle ich Euch diese faszinierenden Tiere vor. Grundlage für diesen Beitrag ist ein Vortrag der Meeresbiologin Dr. Christine Figgener, bitte lest auch unter Natur+Wir – die 5.Runde Teil 1.

Heute leben noch 7 Arten von Meeresschildkröten in unseren Meeren. Zwei davon sind endemisch, das bedeutet sie verbringen ihr Leben in einem überschaubaren Gebiet. Fünf Arten durchstreifen die Weltmeere und kommen nur zur Paarung und Eiablage in ihre ursprünglichen Heimatgewässer bzw. -strände. Alle haben jedoch – außer den äußeren Merkmalen – einige Gemeinsamkeiten: ihre Geschichte, die Abhängigkeit von Temperaturen während eines bestimmten Lebensabschnitts und die Bedrohung durch menschliche Einflüsse.

Geschichte/Evolution – ursprünglich werden es wohl an die vierzig verschiedene Arten von Meeresschildkröten gewesen sein, die sich aus Landschildkröten entwickelt und an ein Leben im Wasser angepasst haben. Die ersten waren die Lederschildkröten, die es seit etwa 110 Mio. Jahren gibt. Sie zeichnet ein weicher, lederartiger Rückenpanzer aus. Der Archelon war ein naher Verwandter, ein riesiges Tier mit bis zu 4 m Länge, das vor etwa 72 Mio. Jahren lebte. Die Fundorte der Fossilien liegen in South Dakota und Arkansas, die damals noch mit Wasser bedeckt waren. Zu bewundern ist ein vollständiges Skelett im Naturhistorischen Museum in Wien. Vor 60 Mio. Jahren entwickelten sich die Meeresschildkröten mit einem festen Hornpanzer. Wenn man bedenkt, dass die Dinosaurier vor 66 Mio. Jahren ausgestorben sind, kann man ermessen welch erfolgreiche Strategie den Meeresschildkröten das Überleben bis heute ermöglicht hat. Bis der Mensch in ihrem Leben auftauchte muss man leider einschränken.

Temperaturabhängige Entwicklung – Meeresschildkröten verlassen das Wasser nur zur Eiablage, wobei sie immer an die Strände ihrer eigenen Geburt zurückkehren. Sollten sie jedoch Bedingungen antreffen die eine Eiablage nicht mehr ermöglichen, können sie in einen Bereich von ca. 100 km ausweichen. Die Geschlechtsdefinition ist temperaturabhängig, mit anderen Worten, je nachdem bei welcher Temperatur die Eier im Sand reifen, schlüpft weiblicher oder männlicher Nachwuchs. Es gibt eine Temperaturspanne die für die Entwicklung der Eier entscheidend ist, sie liegt zwischen 24° und 33° Celsius. Eine Temperatur von 29° ergibt ein Verhältnis von 50/50 beiderlei Geschlechts, alles unter 29° führt zu mehr Männchen, alles darüber zu mehr Weibchen. (eine kleine Eselsbrücke: coole Kerle, heiße Mädchen). Die sogenannte termosensitive Zeit (TGD) beginnt etwa im 2. Drittel der Inkubation.

Und nun ahnen wir schon welches Problem der Klimawandel mit erhöhten Temperaturen mit sich bringt. Durch den Temperaturanstieg werden zu wenige coole Kerle geboren, was nichts anderes bedeutet, dass geschlechtsreife Weibchen keine Partner finden werden. Von Temperaturen über 33° möchte ich jetzt noch nicht einmal reden.

Bedrohungen – Um es vorweg zu nehmen, es geht um von Menschen verursachte Bedrohungen. Meeresschildkröten haben ab einem gewissen Alter bzw. einer bestimmten Größe keine natürlichen Feinde. Die Jungtiere haben sowohl an Land als auch im Wasser unzählige Fressfeinde, sodass man schätzt, dass es von 1000 geschlüpften Jungtieren ein Tier bis zur Geschlechtsreife schafft. Eigentlich könnte man denken eine unglaubliche Verschwendung der Natur. Zur Erinnerung – es gibt sie bereits seit 110 Mio. Jahren! Die Strategie der Evolution muss also funktioniert haben.

Wahrscheinlich schon immer hat der Mensch die Tiere gejagt, zunächst nur zum Verzehr später kam dann die Verwendung des Schildpatts dazu, aus dem allerlei modische Accessoires gefertigt wurden.
Heute stehen alle Meeresschildkröten jedoch auf der IUCN-Liste für bedrohte Tiere und das Washingtoner Artenabkommen verbietet jeglichen Handel mit diesen Tieren, Panzern oder Eiern. Da die Eier jedoch als Delikatesse gelten, gibt es einen schwunghaften, illegalen Handel damit. Untersuchungen in Costa Rica mit GPS präparierten künstlichen Eiern haben ergeben, dass der Großteil der Eier in unmittelbarer Nähe der Strände in den Handel und zum Verzehr gelangt. Die Wilderei bedroht allerdings nicht nur die Bestände der Schildkröten. Sie stellen auch eine große Gefahr für die lokal agierenden Naturschützer dar, denn die Banden sind gut organisiert, bewaffnet und schrecken auch vor Mord nicht zurück.
Lichtverschmutzung durch Gebäude oder Straßenbeleuchtung an den Stränden ist ein Hinderungsgrund für die weiblichen Schildkröten, einen Strandabschnitt zur Eiablage aufzusuchen.

Ein Dauerthema seit einigen Jahren in den Medien und bei internationalen Konferenzen ist die zunehmende Vermüllung der Ozeane mit Plastik. Die Zahlen die man liest oder hört sind so gewaltig, dass man sich fragt: „Wie konnte es soweit kommen?“ Meeresschildkröten nehmen Plastik über die Nahrung auf. Aufgrund ihrer Fressgewohnheiten und ihres Verdauungstraktes können sie Plastik im Körper weder zerkleinern noch ausscheiden und so gelangen z.B. Strohhalme in die Atmungsorgane.

Eine weitere Gefahr, die wir vielleicht nicht so auf dem Schirm haben, sind die im Meer treibenden Schleppnetze. Da diese von Fischereischiffen illegal im Meer entsorgt werden, werden sie meist erst dann entdeckt, wenn sie maximalen Schaden unter den Meeresbewohnern angerichtet haben. Weder Delfine, Haie noch Meeresschildkröten sind in der Lage sich daraus zu befreien. Und dann gibt es noch die Gefährdung durch Mikroplastik und Pestizide, die auch uns Menschen betrifft, was wir aber gerne ignorieren.

Meine Meinung: Es ist uns glaube ich allen klar, dass wir einen gehörigen Anteil an diesem Problem haben. Der größte Anteil der heute hergestellten Plastikprodukte sind Essens- und Umverpackungen und die sogenannte Einmalplastik. Eine gute Nachricht kommt nun von der EU. Im November hat die EU ein weitgehendes Exportverbot für Plastikmüll erlassen. Das bedeutet das künftige Exporte in Entwicklungs- und Schwellenländern verboten werden. Zur gesamten Wahrheit gehört aber auch folgendes Beispiel aus Uganda:

: „Laut der jüngsten Studie, die 2022 von Nema in Auftrag gegeben wurde, werden täglich landesweit 600 Tonnen Plastik produziert. Doch nur 40 Prozent davon werden dann im Müll entsorgt. 60 Prozent landen in Straßengräben. Diese (60 Prozent) machen den größten Teil der Verschmutzung unserer Seen und Flüsse, der Verschlechterung unserer Böden und der Unwirksamkeit der Fruchtbarkeit und Produktivität der Landwirtschaft aus“, so Nema-Direktor Barirega Akankwasah. Nema* hat angekündigt, dass die Regierung ab 2024 die nationalen Getränkehersteller dazu verpflichten will, nur noch Glasflaschen zu verkaufen.“

Wochentaz.de Simone Schlindwein 19.11.23 – Umweltverschmutzung im Globalen Süden: Afrika ertrinkt in Plastik.

*Die Nationale Umweltmanagementbehörde (NEMA) ist eine halbautonome Einrichtung, die im Mai 1995 als wichtigste Behörde in Uganda gegründet wurde.

Laut diesem Artikel gelten z.B. Ruanda und Kenia mit ihren Bemühungen Plastik zu vermeiden als Vorzeigeländer. Die ebenfalls im November stattfindende UN Umweltkonferenz konnte in der dritten Sitzung zu diesem Thema keine Beschlüsse fassen:

„Die dritte Verhandlungsrunde für ein weltweit verbindliches Abkommen zur Eindämmung von Plastikmüll ist nach Angaben von Teilnehmern ohne nennenswerte Fortschritte zu Ende gegangen. Die Vertreter der rund 170 UN-Mitgliedsstaaten hätten in den siebentägigen Gesprächen „auf der Stelle getreten“, teilte WWF Deutschland mit. Nach Angaben aus Verhandlungskreisen verhinderten der Iran, Saudi-Arabien, Russland und eine kleine Anzahl an weiteren Erdölförderstaaten Fortschritte bei den Verhandlungen durch eine Vielzahl neuer Vorschläge.“

Zeit-Online vom 20.11.23 – Gespräche zur weltweiten Vermeidung von Plastikmüll enden ergebnislos.

Ich möchte mir auch nicht vorstellen, was passiert, wenn Orkane, Taifune etc. ganze Landstriche am Meer verwüsten wie in jüngster Zeit in Acapulco, New Orleans, Indonesien… Es werden wohl nicht nur organische Stoffe ins Meer gelangen.

Es ist illusorisch anzunehmen, dass die Welt komplett auf Plastik verzichtet, aber Möglichkeiten der Einschränkung gibt es und diese müssen von jedem Einzelnen genutzt werden. Große Konzerne müssen endlich in die Pflicht genommen werden und es muss sichergestellt werden, dass das Müllmanagement weltweit verbessert wird.

Das wunderschöne Beitragsbild ganz oben stammt von: Wexor Tmg auf Unsplash

Falklandkarakara

Wer schon einmal einen Gerfalken oder das schnellste Tier auf unserem Planeten den Wanderfalken, im Flug oder im Sturzflug beim Beutefang beobachten konnte, wird sich über eine eher ungewöhnliche Fortbewegungsart des Falklandkarakaras sicherlich wundern. Aber der Reihe nach.

Die Vögel gehören in der Systematik zwar zur Familie der Falkenartigen, sie werden aber in einen eigenen Tribus (eine Stufe zwischen Unterfamilie und Gattung) als Geierfalken eingeordnet. Ich interpretiere das für mich mal so: „Sie sind etwas Besonderes.“ Der Name erschließt sich auch nicht sofort, warum „Geierfalken“. Man kann durchaus Gemeinsamkeiten finden: Einen großen, sehr kräftigen Schnabel, für einen Falken ungewöhnlich lange Beine, sie fressen auch Aas und sie bewegen sich häufig zu Fuß oder hüpfend über den Boden, obwohl sie gute Flieger sind.

Karakaras bevorzugen als Lebensraum Savannen, Steppen aber auch Hochgebirge, Küsten und Agrarflächen. Das Verbreitungsgebiet reicht vom Süden der USA über Mittelamerika bis Patagonien und den Falklandinseln. Nach ihrer Herkunft und Aussehen werden 5 Gattungen mit mehreren Arten gezählt. Diese sind:

  • Gelbkehlkarakara – Baumbewohner. Sie leben in den Tropenwäldern im nördlichen Südamerika und im Amazonasgebiet.
  • Rotkehlkarakara – Verbreitungsgebiet wie oben. Rotkehlkarakaras sind Nahrungsspezialisten. Sie attackieren Wespennester reisen Löcher hinein um Larven und Eier herauszuholen.
  • Die Carancho – Schopf- und Karibikkarakara diese beiden Arten finden wir im Süden der USA, der Karibik, im Westen Südamerikas bis Patagonien aber nicht im Amazonasgebiet. Eine weitere Art der Guadelupe-Karakara lebte auf der Mexiko vorgelagerten gleichnamigen Insel. Er wurde 1875 erstmals beschrieben und war bereits 1900 durch Verfolgung ausgerottet. „Ziegenmörder“
  • Chimango – mit Chimangokarakara und Gelbkopfkarakara. Sie leben in den Pampas und auf Weideflächen von Panama und Südamerika.
  • Bergkarakara – Streifen-, Berg-, Weißkehl- und Falklandkarakara leben in den Anden und auf den Falklandinseln.

Thema dieses Beitrages ist der Falklandkarakara, der nur auf der gleichnamigen Inselgruppe sowie auf den Feuerland vorgelagerten Inseln lebt. Von den dortigen Einwohnern erhielt er den Spitznamen Johnny Rook.

Als zu Anfang des Jahres 1833 die „HMS Beagle“ mit ihrem berühmten Passagier Charles Darwin an einem Archipel festmachte, das den Namen Falkland trug, war dieser wenig begeistert. Er beschrieb die Moorlandschaft, die er sah, als „desolate and wretched“ also trostlos und erbärmlich. Die dort lebenden Vögel mit schwarzem Gefieder und dem gelb gefärbten Oberschnabel weckten allerdings sein Interesse. Allerdings auch deshalb, weil sich die Mannschaft der Beagle über das diebische Verhalten der Vögel beschwerte und, da sie auch die Takelage überaus interessant fanden, musste eine zusätzliche Wache aufgestellt werden. Darwin registrierte zwar die aufmerksame Wachsamkeit, ihre Neugier und ihr Auftreten in Gruppen (was von anderen Raubvögeln nicht bekannt ist) und erwähnte sie auch ausführlich in seinem Reisebericht, aber weitergehende Studien führte er nicht aus, er hatte ja auch andere Ziele im Sinn.

Aber egal, ob man die Aufzeichnungen von Charles Darwin liest, einen Falkner befragt oder die Vögel selbst beobachtet, es wird schnell klar, dass sie nicht viel gemein haben, weder mit den eigentlichen Falken noch mit anderen Greifvögeln. Es sind Nahrungsopportunisten, das bedeutet, sie versuchen immer an das Futter zu kommen, das sie am schnellsten und einfachsten bekommen können. Deshalb fressen sie auch Aas, Insekten, Fisch, Eier und anderes mehr. Und sie sind erfindungsreich und intelligent. Man hat beobachtet, dass sie auf der Suche nach Futter Steine umdrehen und auch Stöckchen benutzen. Zum Vergnügen der Zuschauer erzählte ein Falkner aus der Zoofalknerei Neunkirchen, dass die Mülleimer auf dem Gelände „karakarsicher“ sind und man die Taschen doch bitte geschlossen halten solle.
Heute geht man davon aus, dass Papageien und die Gruppe der Falkenartigen gemeinsame Vorfahren hatten, die auf der zu dieser Zeit noch bewaldeten Antarktis lebten und sich über Landbrücken nach Norden verteilten und unterschiedlich entwickelten. Warum die so intelligente Spezies der Falklandkarakaras aber ausgerechnet in einem so abgelegenen, winzigen Gebiet heimisch wurden, hatten weder Darwin noch andere Wissenschaftler bisher klären können.

Falklandkarakaras trifft man in freier Wildbahn oft in Gruppen an, z.B. wenn sie gemeinsam jagen oder während der Brutzeit. Die Nester befinden sich häufig an Felsvorsprüngen oder auf dem Boden geschützt durch Grasbüschel und ausgepolstert mit Gras und Wolle. In der Regel werden ein bis drei Eier ausgebrütet und die Jungvögel werden von beiden Eltern – die im Übrigen monogam leben – versorgt. Ein besonderes Verhalten zeigen die Weibchen mit dem sogenannten „brood-reduction“. Der schwächste Nestling wird aus dem Nest geworfen um das Überleben der anderen zu sichern. Obwohl sie so sozial scheinen, werden sie in der Verteidigung ihrer Nester oder der Nahrung auch zu Artgenossen ausgesprochen aggressiv.

Johnny Rook’s sind in einigen deutschen Zoos zu sehen, u.a. in Frankfurt, der Wilhelma, Hannover oder Heidelberg. Besonders schön finde ich es, ihnen bei einer Flugshow ohne lästiges Gitter zu begegnen und sie dort zu beobachten, wie zum Beispiel in der Zoofalknerei in Neunkirchen.

Die folgenden Bilder entstanden in der Falknerei des Neunkirchner Zoos. Wachsamkeit aber auch Neugier bei „Johnny“: Was ist das für ein Ding, das sich der Typ vors Gesicht hält und das dauernd klickt?

Für uns Besserwisser: Der Name „Caracara“ stammt aus der Sprache der Ureinwohner Südamerikas, den Guarani. Er bedeutet so viel wie „Jäger“.

(Indisches) Panzernashorn

Sie scheinen Relikte aus uralter Zeit zu sein, noch dazu mit martialischem Aussehen. Hautfalten welche die Oberfläche in Platten einteilen, wie eine Panzerung wirken und Beulen, die an Nieten auf einem Schiffsrumpf erinnern. Und doch sind Panzernashörner (meist) sanfte Riesen, die eine eher gemächliche Gangart bevorzugen und im Zoo bei Pflegerinnen und Pflegern beliebt sind, da sich zu ihnen ein sehr vertrauensvolles, enges Verhältnis aufbauen lässt.

Ihr englischer Name „One-Horned Rhinoceros“ deutet auf einen wichtigen Unterschied zu ihren afrikanischen Verwandten hin. Asiatische Nashörner haben nur ein Horn, während die afrikanischen Vertreter deren zwei tragen. Sie sind mit einer Schulterhöhe von 170 – 190 cm und einem Gewicht von 2,2 – 2,7 t nach Elefanten und Breitmaulnashorn die größten Landsäugetiere. Die Maße gelten für Bullen, Kühe sind etwa ein Viertel leichter und kleiner. Ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet war der gesamte nördliche Indische Subkontinent, also von der Grenze zu Pakistan über die Flussebenen des Ganges und Brahmaputra, Bangladesch, den Süden von Nepal und Bhutan bis zur Grenze nach Burma.  Heute findet man sie nur noch in Schutzgebieten im nordöstlichen Indien (Assam, Westbengalen und Uttar Pradesh) und in den fruchtbaren Ebenen von Nepal. Die folgende Karte zeigt die indischen Schutzgebiete in Assam.

Die meisten Tiere leben in Kaziranga (2400*) und dem Chitwan-Nationalpark (645*) in Nepal. Im Nationalpark Manas, der sowohl auf indischem als auch bhutanischem Gebiet liegt, waren die Tiere praktisch ausgerottet. Durch Wiederansiedlung versucht man die Population zu retten.

Ihr favorisierter Lebensraum sind Feucht- bzw. Sumpfgebiete entlang der Flüsse sowie offene Graslandschaften aber auch lichte Wälder. Hier finden sie durch das bis zu 5 m hohe sogenannte Elefantengras (Familie der Süßgräser) Schutz und Nahrung. Regelrechte Tunnelpfade durchs hohe Gras verbinden die Schlaf-, Futter-, Ruhe- und Badeplätze miteinander. Einen Großteil des Tages verbringen sie mit äsen, aber während der heißesten Zeit des Tages legen sie sich gerne ins Wasser und sie sind sehr gute Schwimmer. Suhlen im Sumpf ist wichtig und gehört wie bei den Elefanten zur Körperpflege.

Die Reviere sind eher klein. Solange genügend Nahrung vorhanden ist sind die Tiere ortstreu. Oftmals überlappen sich die Territorien z.B. durch Überschwemmungen. Obwohl es keine Herdentiere sind, schätzen sie die Anwesenheit von Artgenossen. Das Aufeinandertreffen der Tiere verläuft in der Regel friedlich. Einzig Schlaf- und Weideplätze werden verteidigt. Die dominanten Bullen leben meist alleine, tolerieren aber die Anwesenheit von Weibchen. Junge und alte Bullen sowie Mütter mit ihren Kälbern leben oftmals in Gruppen zusammen. Im Gegensatz zu ihren Verwandten in Afrika markieren Panzernashörner ihr Gebiet mit Urin und einem Sekret aus Duftdrüsen, die sich an den Füssen befindet. Mehrere Tiere benutzen aber den gleichen Ablageplatz für Kot, den sie zu Haufen aufschichten, wobei jedes Tier versucht, seinen Dung zuoberst abzulegen. Diese Dunghaufen dienen jedoch der Kommunikation mit Artgenossen und geben z.B. Auskunft über den Fortpflanzungsstatus der Weibchen. Da die Wechsel im hohen Gras kaum zu sehen sind, dienen die Dunghaufen auch der Orientierung. Panzernashörner haben einen sehr feinen Geruchs- und Hörsinn, dafür sehen sie sehr schlecht.

Wenn ich bei der Beschreibung im ersten Abschnitt von „meist“ sanften Riesen spreche, dann gibt es natürlich Einschränkungen. Bei Kämpfen unter Bullen um Kühe, Müttern mit Kälbern denen Artgenossen – auch weibliche – zu nahe kommen oder bei der Verteidigung von Schlaf- oder Äsungsplätzen geht es äußerst ruppig zu. Sie kämpfen nicht mit dem Horn wie man vermuten könnte, sondern beißen sich und bringen sich so heftige Wunden bei. Gegner und Angreifer werden auch über längere Strecken verfolgt. Auch vor dem Deckakt geht es zur Sache. Der Bulle treibt und bedrängt das Weibchen bis zur Erschöpfung, wird dann vom Weibchen „umgarnt“ bis es nach Stunden zum Deckakt kommt, der etwa eine Stunde dauert.

Kommunikation unter Artgenossen findet aber nicht nur über Duftmarken statt. Panzernashörner verfügen über mindestens 10 unterschiedliche Lautäußerungen.

„Die Nashornmutter lockt ihr Junges durch Blöken. Wenn die Nashörner drohen schnauben sie, indem Luft durch das geschlossene Maul geblasen wird. Wollen sie ihre in der Nähe befindlichen Artgenossen auf eine Gefahr aufmerksam machen, so grunzen sie kurz und abgehackt wie ein Gnu. Diese Laute stoßen sie auch auf der Flucht aus. Wird eine Nashornkuh in der Brunstzeit von einem Bullen getrieben, so gibt das Weibchen ein hohes, wieherndes Fiepen von sich, während der Bulle einen langen Grunzlaut hören lässt, den er auch ausstößt, wenn er einen Rivalen verfolgt. Der Verfolgte lässt in diesem Falle ein langes Fiepen hören, das immer in gleicher Tonlage bleibt. Außerdem gibt es noch einen schnurrenden Laut als Kontaktlaut den die Tiere hören lassen, wenn sie in eine Schlammsuhle oder ein Wasserloch hinein wollen in dem sich schon Artgenossen befinden. Diese antworten mit einem Blubbern indem sie unter Wasser Luft aus Maul oder Nase blasen.“

Ursula und Wolfgang Ullrich (Zoodirektor in Dresden 1950 – 1973) „Im Dschungel der Panzernashörner“ erschienen Neumann Verlag 1962

Panzernashörner und Zoos

Der WWF geht heute von einem Bestand von 2750* Tieren in freier Wildbahn aus. In europäischen Zoos leben etwa 80 Tiere. Bereits 1956 gelang dem Zoo Basel die Erstzucht in menschlicher Obhut. Seitdem werden dort regelmäßig Jungtiere geboren. Das internationale Zuchtbuch wird dort geführt und das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) von Basel koordiniert. Wenn man bedenkt, dass Wolfgang Ullrich und seine Frau Anfang der 1960er Jahre beschlossen nach Assam zu fliegen, um dort einige Monate das Leben dieser Tiere zu studieren, da es bis zu diesem Zeitpunkt darüber kaum oder falsche Informationen gab, ist dieser Zuchterfolg umso höher zu bewerten. Gleichzeitig stimmt es traurig, dass, wie so oft, eine Tierart kurz vor dem Aussterben stand, bevor wir wussten wie sie überhaupt lebt.

Die Haltung von Panzernashörnern stellt hohe Anforderungen an die Zoos. Beispiele:

  • Beschaffenheit des Bodens (die Tiere haben sehr empfindliche Sohlen, da sie im weichen Sumpfgelände leben),
  • Außengehege mit Pool und Schlammsuhle, je nach Anzahl der Tiere teilbar in 3 Bereiche, eigene Futterplätze für jedes Tier,
  • genaue Kenntnisse der Paarungsgewohnheiten – manche Zoos haben die Paarung abgebrochen, da sie befürchteten, dass das Weibchen vom Männchen getötet werden könnte. Das Verhalten der Tiere ändert sich in der Brunst enorm. Bullen bemerken z.B. bis zu eine Woche vorher, dass das Weibchen in die Brunst kommt,
  • und letztendlich ein flexibles Zeitmanagement des Zoos, um beispielsweise Ruhephasen der Tiere nicht durch Training oder Beschäftigung zu stören.

Insgesamt waren die Zoos in den letzten Jahren sehr erfolgreich bei der Haltung und Aufzucht von Panzernashörnern. Ebenso wichtig ist es aber, dass die Zoos durch Artenschutzabgaben ihrer Besucher in die Lage versetzt wurden, lokale Organisationen und deren vielfältige Schutzmaßnahmen zu unterstützen. Vor hundert Jahren waren Panzernashörner fast ausgerottet. Jagd, Wilderei und die Umwandlung von Grasland in Ackerflächen waren dafür verantwortlich. Heute haben sich die Bestände erholt* und man kann optimistisch in die Zukunft blicken, was das Überleben dieser faszinierenden Tierart betrifft.

*Die Zahlen weichen leider erheblich voneinander ab, teils sind es Schätzungen, teils Zählungen die aber nicht immer aktuell sein müssen.

Die folgenden Bilder wurden im Zolli Basel 07/22 aufgenommen. Tarun ist im Mai geboren.

Alle folgenden Bilder wurden im Zolli Basel 10/23 aufgenommen. In der Zwischenzeit war Tican im Sep 22 geboren worden.

Brillenbär / Andenbär / Ucumari

Gehen wir doch einmal einige Jahre in unserer Erdgeschichte zurück. Im späten Miozän bis frühes Pliozän (also vor etwa 7,3 – 4,3 Mio. Jahren) trennten sich die evolutionäre Entwicklung der Bären und es formten sich zwei Unterfamilien. Eine genannt Ursinae, sie umfasst die meisten heute bekannten Großbären also z.B. Kodiak- oder Europäische Braunbären. Die andere ist die der Kurzschnauzenbären (wissenschaftlich: Tremarctinae), deren Verbreitung von Nordamerika bis Patagonien reichte. Vertreter dieser Gattung brachten Riesen hervor. Skelettfunde in Nordamerika und Argentinien lassen vermuten, dass sie ein Gewicht bis zu 2 Tonnen auf die Waage brachten und bei einer Schulterhöhe bis 1,8m aufgerichtet 3,40m maßen. Beide starben vor 11.000 Jahren aus.

Die Kurzschnauzenbären entwickelten sich in zwei Gattungen weiter. Die nordamerikanischen Vertreter (Tremarctos floridanus) starben jedoch vor 8000 Jahren aus. Somit ist der Brillen- oder Andenbär die heute einzig überlebende (rezente) Gattung der Kurzschnauzenbären und ist evolutionär gesehen die jüngste Bärenart. Die ältesten Funde stammen aus der Chaquil-Höhle im Nordosten von Peru und sind ungefähr 6000-7000 Jahre alt.

Den Namen Brillenbär erhielten sie aufgrund ihrer cremefarbigen bis gelblichen Zeichnung um Schnauze, Stirn und Augen. Sie verläuft oft in Streifen und erinnert an eine Brille. Das Muster ist von Tier zu Tier verschieden, ansonsten ist das Fell schwarz. Die beeindruckenden Maße ihrer Ahnen erreichen sie nicht: 90 cm Schulterhöhe und etwa 130 bis 175 kg Gewicht bei den Männchen. Die Weibchen sind deutlich kleiner und leichter.

Der zweite Name deutet auf ihr Verbreitungsgebiet hin. Es umfasst die tropischen Anden und deren vorgelagerte Gebirgszüge in Kolumbien, Venezuela, Ecuador, Bolivien und Peru. Somit erstreckt sich das Gebiet über eine Länge von ca. 4600 km während es jedoch nur zwischen 200 und 650 km breit ist. Die jeweiligen Lebensräume in den Verbreitungsgebieten sind sehr unterschiedlich. Obwohl die meisten Sichtungen in einer Höhe von 1000m verzeichnet wurden, liegt der bevorzugte Lebensraum in einer Höhe von 1900m bis 2400m überwiegend in den dortigen tropischen und subtropischen Wäldern. Die Tiere sind wohl sehr anpassungsfähig aber natürlich abhängig vom Nahrungsangebot. Wie alle Bären sind sie Allesfresser mit einem deutlichen Schwerpunkt bei der Pflanzenkost. Fleisch oder Aas wird jedoch nicht verschmäht. Das erklärt auch die verkürzte Schnauze, da das Gebiss darauf ausgelegt ist, faserige Pflanzen und Früchte zu zerkauen. Um sich ausreichend mit den Früchten von Bromelien (Puya u. Tillandsia), Kakteen aber auch Palmtrieben und den Blütenständen von Orchideen zu versorgen, folgen sie dem Fruchtzyklus ihrer bevorzugten Nahrung und wechseln bei Bedarf zwischen den unterschiedlichen Lebensräumen.

Andenbären sind Einzelgänger und finden nur zur Paarung zusammen. Ihre Reviere überlappen sich häufig. Sie zeigen bei einem Zusammentreffen mit Artgenossen keinerlei Aggression. Paarungen finden während des ganzen Jahres statt. Bärinnen können das Einnisten der Eizelle hinauszögern und so die Tragzeit dem Nahrungsangebot anpassen. Es werden 1 bis 4 Jungtiere geboren, die zwei Jahre von der Mutter betreut werden.

Das erste Mal beschrieben wurde der Andenbär vom Schweizer Naturforscher Johann J. von Tschudi, der 1838 und 1857 die Andenstaaten bereiste und längere Zeit in Peru lebte. Bereits 1947 gelang dem Zoo in Buenos Aires eine erfolgreiche Erstzucht. Die beiden Jungtiere wurden an den Zoo in Basel gegeben. Laut dem internationalen Zuchtbuch gab es Ende 2017 in Zoos und Tierparks 253 Tiere. Allerdings stammten auch das Wissen und die meisten Informationen über das Leben der Andenbären aus diesen Institutionen, während das Leben freilebender Tiere bis Ende der 1970er Jahre wenig erforscht war. Zählungen führten jedoch zur Erkenntnis, dass die Tiere in ihren Verbreitungsgebieten stark gefährdet waren und die Bestände rasant zurückgingen. Die Folge waren die Gründung von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen in den Andenstaaten, die sich den Schutz der Bärenpopulationen und den Erhalt der Biodiversität auf die Fahnen schrieben. Es wurden Schutzgebiete eingerichtet von denen es heute 58 gibt. Jagd und Handel wurden verboten. Seit 1987 gibt es das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP).

Leider blieb der Erfolg der beschlossenen Maßnahmen weitestgehend aus. Durch das Zusammentreffen von Mensch und Tier in den Randgebieten der Schutzzonen kommt es immer wieder zu Wilderei und Jagd auf Bären. Der Grund hierfür liegt in erster Linie in der wirtschaftlichen Not der lokalen Bevölkerung. Während Großgrundbesitzer die ertragreichen Flächen in Beschlag genommen haben (in Kolumbien ist es der illegale Drogenanbau), muss die Landbevölkerung auf die Randgebiete ausweichen, wo die Bären leben. Das bedeutet eine Fragmentierung des Lebensraums der Bären mit der Folge, dass die genetische Vielfalt der Tiere stark abgenommen hat.

Nach der Jahrtausendwende überarbeiteten die Naturschutzorganisationen in Südamerika in Zusammenarbeit mit WWF die Schutzmaßnahmen und gaben neue Empfehlungen für das weitere Vorgehen aus:

  • Die Schutzzonen sollten von Regierungsseite vergrößert und besser kontrolliert werden, um Wilderei zu verhindern,
  • es sollten Korridore zwischen den Nationalparks entstehen um den Bären zu ermöglichen dem Nahrungszyklus hinterherzuwandern,
  • Korridore sollten sicherstellen, dass mehr paarungsbereite Tiere zusammenfinden,
  • illegale Rodungen sollten verhindert werden, aber Vereinbarkeit der Bedürfnisse von Landbevölkerung und Andenbären soll ein Ziel sein,
  • Aufklärung der Bevölkerung über den Sinn und Zweck von Biodiversität, da die Region für viele Millionen Menschen wichtig ist als Wasser- und Co2 Speicher.
  • Es bestehen immer noch große Wissenslücken (z. B. über Populationsdynamik, Lebensraumnutzung, Fortpflanzung), diese müssen dringend geschlossen werden.

Einen wichtigen Schritt sah man darin, den Andenbär als sogenannte Schwerpunktart auszuwählen. Schwerpunkttierarten benötigen zum Überleben eine bestimmte Kombination von Lebensräumen, im Allgemeinen in sehr ausgedehnten Landschaften. Sie legen häufig weite Entfernungen zurück, sind gebietsempfindlich, gute Indikatoren für den Erhaltungszustand ihrer Lebensräume und haben spezielle Ernährungs- oder Fortpflanzungsbedürfnisse. Wenn ihr Überleben gesichert ist, wäre auf diese Weise auch das Überleben vieler anderer einheimischer Arten einer Region durch den Schutz großer und gut vernetzter Gebiete gesichert.

Auch Zoos und weitere Naturschutzgruppen haben den Andenbär als Flaggschiff und somit als Symbol für den Artenschutz in den Anden etabliert.

Für uns Besserwisser:
in Südamerika werden die Bären Oso Andino (Andenbär) oder Oso de Anteojos (Brillenbär) genannt. Und in der Quechua Sprache heißen sie Ucumari.

Die Brillenbären in Frankfurt, die Aufnahmen stammen aus den Jahren 2021 – 2023. Zum vergrößern bitte auf ein Bild klicken.

Socorrotaube / Paloma de Socorro

Es sind wunderschöne Tiere. Aber wie so oft mit einem traurigen Schicksal, das – man ahnt es schon – eng mit Menschen verknüpft ist.

Die Tauben sind mittelgroß, etwa 25 – 35 cm. Das Federkleid ist überwiegend rötlich bis zimtbraun, nur die Oberseite ist erdbraun. Der Schnabel ist an der Spitze dunkel. Insgesamt ist sie etwas größer als ihre nahen Verwandten, hat einen längeren Schnabel und längere Beine. Warum das so ist, dazu gleich mehr. Sie ernähren sich von Früchten, Samen und Beeren. Täuber und Täubin leben monogam, kümmern sich gemeinsam um die Brut. Meist werden 2 Eier vom späten Nachmittag bis zum Morgen vom Weibchen und den Rest des Tages vom Männchen bebrütet. Die Brutzeit beträgt 10-15 Tage, die Jungvögel bleiben 14-20 Tage im Nest bevor sie von den Eltern vertrieben werden. Ihr Lebensraum sind (waren) Wälder und steiniges Buschland auf einer Höhe von 500-600 max. 950m. Ihr Leben spielt sich überwiegend am Boden ab, dort wird auch gebrütet und dies ist der Grund für die körperlichen Anpassungen durch die Evolution.

Ihr Vorkommen war auf eine einzige Insel im Pazifik beschränkt. Socorro* – 700 km östlich von Mexiko und 400 km südlich der Baja California. Die Insel ist Teil eines kleinen Archipels mit dem Namen Revillagigedo. Sie ist 16,5 km lang an der breitesten Stelle misst sie etwa 15,5 km. Socorro erhebt sich 4000m vom Meeresgrund, ist vulkanischen Ursprungs und die Spitze ragt 1050m über den Meeresspiegel hinaus. Damit erklärt sich die Färbung der Tauben, die so auf dem dunklen Lavaboden von Raubvögeln schlecht auszumachen sind. Die Vögel werden als äußerst aggressiv ihren Artgenossen gegenüber beschrieben. Täuber vertreiben sogar fremde Weibchen mit Nachdruck. Diese Abgrenzung macht Sinn, wenn man endemisch (ausschließlich in einem Gebiet) lebt. Ihre nächste und engste Verwandte ist die Carolina- oder Trauertaube, die in Nord- und Mittelamerika weit verbreitet ist und keine Mühe hat Socorro zu erreichen.

*Socorro – spanisch für Unterstützung, Hilfe. Ursprüngliche Bedeutung: Verehrung der Muttergottes von der Immerwährenden Hilfe. Er bezieht sich auf eine der Aufgaben, die die Christen der Jungfrau Maria zuschreiben, denen zu helfen, die in Not sind, ihnen beizustehen.

Was wir über Socorrotauben heute wissen stammt überwiegend von privaten Züchtern und Zoos (außer, dass sie offensichtlich gut schmeckten). 1972 wurde das letzte Exemplar vor Ort gesichtet. Sie gelten ab da als in freier Natur ausgestorben.  Da meiner Meinung nach das Schicksal der Socorrotaube exemplarisch für den Umgang des Menschen mit Ökosystemen steht, beschäftige ich mich im Folgenden mit der Geschichte und dem Schicksal der Insel. Dann werfe ich einen Blick in die Zukunft und die Wiederansiedlung der Tiere in ihrer ursprünglichen Heimat. Zum Abschluss meines Beitrages noch einige Bemerkungen zu „invasiven Arten“.

Im Dezember 1533 entdeckte Hernando de Grijalva eine Insel, die auf keiner Karte verzeichnet war. Nachdem er angelandet war, nahm er das winzige Eiland im Namen seines spanischen Königs in Besitz und nannte sie „Santo Tomas“. Angeblich steuerte Sir Francis Drake die Insel 1579 an und hielt sich einige Zeit dort auf. Der spanische Kapitän und Abenteurer namens Martin Yanez de Armida betrat sie 1608 um dort Gold zu suchen. Da ihn seine Frau begleitete, gab er der Insel kurzerhand deren Vornamen „Socorro“. Bis sich 1793 der Seefahrer James Colnett daranmachte Karten anzufertigen und Proben von Flora und Fauna zu nehmen waren alle vier Inseln des Archipels entdeckt. Zu Ehren und aus Dankbarkeit benannte er das Archipel nach dem mexikanischen Grafen Revillagigedo. Viele Expeditionen folgten bis 1865 der Ornithologe und Maler Andrew Jackson Grayson mit seinem Sohn Ned die Insel besuchten. Angeblich entdeckte sein Sohn Ned auf seinen Streifzügen die Socorrotaube. Sein Vater zeichnete und beschrieb sie zum ersten Mal. Ihm und seinem Sohn zu Ehren erhielt die Taube 1871 den lateinischen Namen Zenaida graysoni (Zenaide Laetitia Julia Bonaparte, war die Ehefrau von Charles L. Bonaparte einem französischen Naturforscher).

Im gleichen Jahr erhielt eine Gruppe von Australiern und Kanadiern die Erlaubnis sich auf der Insel anzusiedeln sowie 100 Schafe und 25 Stück Vieh mitzunehmen. Die Rinder überlebten allerdings nicht lange.

Viele Expeditionen folgten in denen die Inseln des Archipels genau vermessen und Flora und Fauna intensiv studiert wurden. Aber erst nach 1905 lieferten die Expeditionen der Kalifornischen Akademie der Wissenschaften und die in den Jahren 1932 und 1939 organisierten Expeditionen der Allan-Hancock-Stiftung wirklich gute Ergebnisse. Trotz der Bedeutung des Archipels in politischer, wirtschaftlicher und biologischer Hinsicht war das Wissen über die Ökologie der Inseln bis dahin sehr überschaubar. Im Januar 1957 richtete die mexikanische Regierung zur Sicherung ihrer Souveränität außerhalb ihrer 200 Meilenzone einen Marinestützpunkt auf Socorro ein. Die Soldaten durften, um ihnen den Aufenthalt attraktiver zu machen, ihre Familien und Haustiere mitbringen. Das war dann das endgültige Aus für das ökologische Gleichgewicht.

Schafe, Schweine und Kaninchen sowie eingeführte Pflanzen haben die ursprüngliche Vegetation so drastisch verändert, dass Erosionsprozesse in den Böden beschleunigt wurden. Ein Übriges taten schwere Wetterereignisse, denn seit 1958 haben mehr als 77 Wirbelstürme und 8 tropische Stürme den Archipel heimgesucht. Die Socorrotaube hatte mit dem Auftauchen von Katzen plötzlich einen Fressfeind am Boden, mit dem sie nicht umgehen konnte. Die Evolution hatte Strategien entwickelt, um Gefahren aus der Luft zu begegnen. Auch die Soldaten freuten sich über Vögel die nicht wegflogen, wenn man in ihre Nähe kam und sich sogar neugierig ihren Jägern näherten. Leichte Beute für den Kochtopf. Leibwächter des damaligen Gouverneurs von Colima (mexikanischer Bundesstaat zu dem das Archipel gehört) haben laut Überlieferung 1972 die letzte Taube „zu Tode geprügelt“. (dokumentiert im Buch „Colima y las Islas de Revillagigedo“ von Manuel V. Murguía).

Bei all diesem Unglück gibt es allerdings auch Hoffnung. In den Jahren zwischen 1925 und 1957 wurden von verschiedenen Expeditionen Tiere nach USA gebracht, um sie dort zu züchten. Einige der Tiere gelangten auf Initiative des Anthropologen Edward Gifford nach England.

Ab 1987 wurde von Luis Baptista, einem Ornithologen, die Idee geboren, die Tiere in ihre Heimat zurückzubringen. Er und der mexikanische Biologe Juan E. Martinez wurden die treibenden Kräfte für das Wiederansiedlungsprojekt. Die Arbeit der beiden war die Grundlage und der Anstoß, dass die mexikanische Regierung das Revillagigedo-Archipel 1994 zum Biosphärenreservat erklärte. Weitere Untersuchungen von Baptista machten jedoch klar, dass die invasiven Tier- und Pflanzenarten von der Insel verschwinden mussten, wenn das Projekt erfolgreich sein sollte.

1987 kam ein erstes Taubenpaar in den Frankfurter Zoo, weitere Exemplare folgten 1990 und im gleichen Jahr schlüpfte die erste „Frankfurter“ Socorrotaube. Bis heute waren es über 40 Tiere, die in Frankfurt geschlüpft sind und die an andere europäische Zoos verteilt werden konnten. So war es auch kein Wunder, dass der Biologe und Kurator des Frankfurter Zoos Dr. Stefan Stadler zusammen mit dem Kölner Zoo ein Zuchtprogramm startete, das 1995 in das Europäische Programm für gefährdete Arten (EEP) übernommen wurde. In diesen Jahren koordinierte Luis Baptista die Zusammenarbeit zwischen Zoos und Forschern, die daran interessiert waren, die Tauben in ihrer Heimat wieder auszuwildern. Nach dem Tod von Baptista im Jahr 2000 wurde die Rückführungsprojekt von seiner Kollegin Dr. Helen Horbilt weiter fortgesetzt.

Die in Deutschland und USA lebenden Tauben mussten zunächst genetisch untersucht werden, da zu befürchten war, dass die Nachzuchten mit der ursprünglichen Form durch Kreuzung (z.B. mit der Carolinataube in USA) nichts mehr zu tun hatte. Es stellte sich heraus, dass die in Deutschland gezüchteten Tiere am engsten mit der ursprünglichen Form der Socorrotaube verwandt waren.

Mit Unterstützung des mexikanischen Marineministeriums wurde eine Aufzuchtstation auf Socorro errichtet, die im November 2004 fertiggestellt wurde. Da die Tiere nicht einfach in die Freiheit entlassen werden können, müssten zunächst alle invasiven Arten eliminiert werden. Die ursprüngliche Vegetation, die die Nahrungsgrundlage der Tauben ist, muss neu angepflanzt werden. Mit anderen Worten der natürliche Lebensraum muss wieder weitestgehend hergestellt werden – eine Herkulesaufgabe! Finanziell unterstützt wird das Auswilderungsprogramm auf Socorro nicht nur aus Europa, sondern auch vom “Mohamed bin Zayed Species Conservation Fund“**.

Durch die in den folgenden Jahren aufgetretene Vogelgrippe konnten jedoch keine europäischen Socorrotauben nach Mexiko überführt werden. Das geschah jedoch dann endlich 2013 über den Umweg USA. In der Zwischenzeit beteiligt sich der mexikanische Safaripark „Africam Safari“ in Puebla, der die Tauben zunächst aufnimmt und z.B. eng mit dem Frankfurter Zoo kooperiert. Bis 2018 waren es 30 Tauben, die nun in Puebla auf ihre Auswilderung warten.

Im Oktober 2017 erklärte der mexikanische Präsident den Archipel zum Nationalpark und das Projekt Socorrotaube wurde in das „Aktionsprogramm für Artenschutz in Mexiko“ aufgenommen. Eine weise, wenn auch sehr späte Entscheidung.

**Muhammad bin Zayid bin Sultan Al Nahyan ist Herrscher von Abu Dhabi und seit 2022 Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate.

Und nun zum Schluss noch einige Zeilen und Erklärungen zu Begriffen wie „invasive Arten“, „Neobiota“, „gebietsfremde und indigene Arten“ am Beispiel Deutschland.

  • Indigene Arten – oder einheimische Arten haben sich aus eigener Kraft in einem Gebiet angesiedelt oder sind hier entstanden. Es gelten alle Arten als indigen, die sich seit der letzten Eiszeit hier etabliert haben.
  • Gebietsfremde – hierzu zählen Arten die bereits vor 1492 durch menschliches Zutun hier eingebracht wurden. Viele dieser Gebietsfremden haben sich jedoch ohne den Einfluss des Menschen etabliert.
  • Neobiota – ähnlich den gebietsfremden sind aber nach der Entdeckung Amerikas 1492 zu uns gekommen. Üblicherweise war die Ansiedlung Absicht z.B. bei Zier- oder Nutzpflanzen oder den Waschbären, der als Jagdwild angesiedelt wurde.  
  • Invasive Arten – sind Tiere oder Pflanzen die sich in einem Lebensraum außerhalb ihres ursprünglichen ansiedeln. Sogenannte Ausbreitungsbarrieren werden durch menschliche Hilfe überwunden (Transportmittel). Invasiv sind Arten dann, wenn sie unerwünschte Auswirkungen auf indigene Arten oder Biotope haben, die Artenvielfalt gefährden oder negative wirtschaftliche Auswirkungen haben. In Deutschland zählt man etwa 168 invasive Arten.

Im Fall der zerstörten Artenvielfalt und Lebensräume auf Socorro habe ich geschrieben, dass die invasiven Arten – Pflanze oder Tier – eliminiert werden müssen. Das schreibt sich natürlich einfacher, als es dann vor Ort umzusetzen ist. Schafe kann man von der Insel wegbringen, Pflanzen roden und heimische Arten neu anpflanzen. Aber beim Thema Katzen oder Kaninchen wird es schwierig, aus nachvollziehbaren Gründen. Aber sollen die immensen Summen die bisher investiert wurden und all die Arbeit die in die Wiederansiedlung gesteckt wurden wirklich umsonst gewesen sein?

für uns Besserwisser

Geschlechtsdimorphismus: bezeichnet die Unterschiede von weiblichen und männlichen Lebewesen. Im Gegensatz zu vielen anderen Vögeln sind  sich Täuber und Täubin der Socorrotaube sehr ähnlich.

Bedrohung von Vögeln durch Katzen: „Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass in den USA jedes Jahr zwischen 1,4 und 3,7 Milliarden Vögel von Hauskatzen getötet werden. Für Deutschland gibt es grobe Schätzungen, die von 200 Millionen getöteten Vögeln pro Jahr ausgehen.“ Zitat Nabu

Zoo Frankfurt

Leitspruch: Tiere erleben – Natur bewahren

  • Geschichte

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war die damalige Bockenheimer Chaussee (heute Bockenheimer Landstraße) eine wichtige Verkehrsader. Damals allerdings noch am Stadtrand gelegen. Während der südliche Teil schon dicht bebaut war, breiteten sich nördlich der Straße ausgedehnte Gartengrundstücke mit verstreut liegenden Villen und Palais aus. Dahinter begann das Umland. Eines der größten Grundstücke war der Leer’sche Garten. Das 15 Morgen (3,75 ha) große Areal war im Besitz des Städelschen Instituts, das eigentlich eine Kunstgalerie dort eröffnen wollte. Die Pläne konnten nicht verwirklicht werden und so lag der Garten brach.

Eine Gruppe Frankfurter Honorationen tat sich zusammen, um in Frankfurt einen Zoo zu gründen. Der Leer’sche Garten konnte für insgesamt 15 Jahre gepachtet werden. Die Initiatoren gründeten im März 1858 eine Aktiengesellschaft, die den Zoo betreiben sollte – die Frankfurter Zoologische Gesellschaft. Ihr Credo lautete: „Die Bürger sollen die Erholung in der freien Natur mit dem Studium derselben verbinden.“ Bereits am 08. August 1858 konnte der Zoo unter Auflagen der Stadt (keine fleischfressenden Raubtiere) eröffnet werden. (Das Gelände grenzte damals an die Unterlindau, wo sich auch ein Eingang befand. In unmittelbarer Nähe lag das Palais mit Garten der Bankiersfamilie Rothschild, von dem nur der heutige Rothschild-Park übriggeblieben ist.)

Der überlieferte Tierbestand Ende des Jahres war 589 Tiere in 151 Arten. Zwei Jahre nach der Eröffnung zogen dann allerdings auch Leoparden, Löwen und Wölfe ein. Der Zoo wurde zum Besuchermagnet und aus dem Jahr 1863 sind 100.000 Besucher (ohne Dauerkarten) überliefert. Bei einer Einwohnerzahl von gerade mal 80.000 war das ein respektables Ergebnis. Da es absehbar war, dass der Zoo bald aus allen Nähten platzen und die Pacht auslaufen würde, suchte man mit Hochdruck an einem alternativen Standort.

Dieser wurde schließlich in der sogenannten Pfingstweide im Osten Frankfurts gefunden. Im März 1874 begann der Umzug mit 1200 Tieren quer durch die Stadt. Die offizielle Eröffnung fand am 29. März statt und am 09. April zog als letztes Tier ein Yak an den heutigen Standort im Ostend ein. Das im Dezember 1876 fertiggestellte Gesellschaftshaus ist bis heute eines der markantesten Gebäude Frankfurts.

Dem Zeitgeist entsprechend, der nach exotischen Tieren und fremden Völkern verlangte, vergrößerte sich die Tierschau stetig und sogenannte Völkerschauen ergänzten das Angebot. Ein erster großer Einschnitt war der Beginn des ersten Weltkrieges 1914. Da Futter für die Tiere knapp wurde, verhungerten fast zwei Drittel oder starben an Infektionskrankheiten. Mit dem Verlust von Einnahmen und Spenden ging die Zoogesellschaft als Trägerin des Zoos 1915 bankrott und die Stadt Frankfurt übernahm die Verwaltung. Ab dem Jahr 1920 ging es mit dem Zoo wieder steil aufwärts. Der erste Gorilla kommt per Zeppelin in Friedrichshafen an und wird nach Frankfurt gebracht. Die Besucherzahl steigt in diesen Jahren auf unglaubliche 3 Mio. pro Jahr. Die Entwicklung wird durch den Beginn des 2. Weltkrieges jäh beendet. Tierpfleger werden zum Kriegsdienst eingezogen. Es herrscht wieder Futtermangel, Spender und Unterstützer ziehen sich zurück. Am 18. März 1944 treffen 27 Fliegerbomben das Gelände und zerstören Gebäude und Anlagen. Viele Tiere u.a. Löwen irren durch die Stadt und müssen, um die Bevölkerung nicht zu gefährden, erschossen werden.

Im Frühjahr 1945 kommt der junge Tierarzt Dr. Bernhard Grzimek nach Frankfurt als persönlicher Referent des amtierenden Bürgermeisters W. Hollbach und wird am 01. Mai neuer Zoodirektor. Einer alten Planung zufolge sollte der Zoo an den Stadtrand verlegt werden. Grzimek widersetzt sich diesen Plänen. Er schaffte es in kürzester Zeit Geld zu sammeln und damit den Wiederaufbau in Gang zu bekommen. Bereits am 01. Juli wurde die Wiedereröffnung gefeiert. Da die Anzahl der Tiere bis dahin kriegsbedingt überschaubar war, sorgten Schausteller, ein Zirkus, Theatervorführungen und ein Kino dafür, dass die Frankfurter in den Zoo strömten. Um weitere Gelder zu sammeln und diese zu verwalten, wurde im Februar 1950 die „Gesellschaft der Freunde und Förderer des Zoologischen Gartens e.V.“ gegründet. Und genau 100 Jahre nachdem die erste Zoologische Gesellschaft Frankfurt gegründet worden war, wurde die Gesellschaft der Förderer 1958 in die neue Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) überführt. Über deren heutige Aufgaben erfahrt Ihr mehr im Kapitel Artenschutz.

Das war sehr viel Geschichte, aber Frankfurt war nach Berlin die zweite deutsche Stadt, die einen Zoo gründete. Also Ehre wem Ehre gebührt.

  • Wichtige Personen

Der Name Grzimek ist in Frankfurt allgegenwärtig, wenn es um den Zoo geht. Aber andere haben auch wichtige und gute Arbeit geleistet. So zum Beispiel Grzimeks langjähriger Stellvertreter der Zoologe Richard Faust, der 1974 zum Direktor berufen wurde und nach dem Tod Grzimeks 1987 auch das Präsidentenamt der ZGF übernahm.

Christian R. Schmidt, Schweizer Zoologe und Verhaltensforscher war Mitbegründer des Europäischen Erhaltungszucht Programms (EEP) und von 1994 bis 2008 Direktor.

Manfred Niekisch ist Biologe und ein Experte für Naturschutz. Als solcher ist er Kooperationsprofessor für Internationalen Naturschutz am Institut für Ökologie, Evolution und Diversität an der Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt. Direktor des Zoos war er von 2008 bis zu seiner Pensionierung 2017.

  • Schwerpunkte – Tiere

Ende 2022 wurde ein Tierbestand von 5326 Individuen in 467 Arten gezählt. Säugetiere waren dabei mit 1733 Einzeltieren in 91 Arten, Vögel mit 354 Individuen in 69 Arten vertreten. Das artenreichste Revier ist natürlich das Exotarium. Hier leben Reptilien, Amphibien, Fische und Wirbellose. Ansonsten lässt sich eigentlich kein Schwerpunkt bei bestimmten Tierarten ausmachen. Da der Zoo nicht erweiterbar ist, wurde die Anzahl der Arten und Individuen über die Jahre kontinuierlich reduziert. Hervorheben muss man auf jeden Fall das Menschenaffenhaus, das Grzimek-Haus für nachtaktive Tiere, das weltweit zu den größten Einrichtungen dieser Art gehört und das bereits erwähnte zweistöckige Exotarium.

  • Artenschutz und Zucht

Dem Leitspruch des Zoos folgend „Tiere erleben – Natur bewahren“, engagiert sich der Zoo für verschiedene Zuchtprogramme und Artenschutzprojekte. Die Zuchtbücher für Gorilla, Rostkatze (ISB), für Nashornleguan (ESB) und Schlanklori, Socorrotaube, Gelbrückenducker (Ex-situ Projekte EEP) werden hier koordiniert.

Spenden und Naturschutz-Euro (€ 1,00 als freiwilliger Teil des Eintrittspreises) fließen in diverse Artenschutzprojekte des Zoos. Z.B. die „Bienenbotschaft“ in Hessen, Komodo Survival Program (Wael Wuul Nature Reserve), Goldgelbes Löwenäffchen (Lion Tamarins of Brazil Fund), Grévy-Zebra (Marwell Wildlife – Grevy’s Zebra Trust) oder Okapi (Okapi Conservation Project).

  • ZGF

Auch hier will ich kurz in die Geschichte zurückgehen. Wie bereits geschrieben, war 1958 das Gründungsjahr der neuen Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Zu dieser Zeit verwaltete die Fördergesellschaft Spenden und Zuwendungen an den Zoo. Prof. Grzimek reiste ab Anfang der 50er Jahre nach Afrika. Eigentlich um den Tierbestand des Zoos zu erweitern. Bei seinen Reisen festigte sich allerdings die Erkenntnis, dass das Ausstellen von Tieren nicht die Priorität eines Zoologischen Gartens sein sollte, sondern die Erhaltung der Artenvielfalt und der Schutz des natürlichen Lebensraums. Das führte mit den Jahren zu einer Neuausrichtung der ZGF. Nach dem Tod von Michael Grzimek wurde zunächst ein Gedächtnis-Fond eingerichtet. Mit seinen vielfältigen Aktivitäten u.a. der Sendung „Ein Platz für Tiere“ legte sein Vater den Grundstock dieser Stiftung. Diese wurde dann 2001 von Richard Faust in die Stiftung „Hilfe für die bedrohte Tierwelt“ überführt. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt von 1858 e.V. (ZGF) verwaltet diese Mittel und ist als Naturschutzorganisation heute für 30 Projekte in 18 Länder verantwortlich, wobei der Fokus auf Ostafrika gerichtet ist.

  • Bildung

Der Zoo hat folgende Bildungsziele definiert:

    Interesse für die Bedürfnisse von Tieren zu wecken.
    Der Vermenschlichung von Tieren bewusst zu begegnen.
    Uns Menschen als Teil der Natur zu begreifen.

Diese werden bei Führungen und Workshops an Besucher jeden Alters vermittelt. Besonders interessant finde ich den Zoo-Jugendclub:

„Die Jugendclub-Kinder werden für ein (Schul-)Jahr in die faszinierende Welt der Tiere eintauchen. Als selbständige Forscherinnen und Forscher können sie bei den Expeditionen in den Zoo eigenen Fragen zu den Tieren nachgehen und deren Geheimnisse aufdecken. Auch wie ein moderner Zoo funktioniert und welche Aufgaben er hat, werden wir uns genau ansehen. Zudem werden wir uns mit größeren Zusammenhängen beschäftigen, zum Beispiel, warum viele Tierarten bedroht sind und wie die Zoos bei ihrem Erhalt helfen können. Wir überlegen gemeinsam, was jeder Einzelne von uns tun kann, damit nicht noch mehr Arten auf unserer Erde ausgerottet werden.“

Homepage Zoo Frankfurt

Eine weitere innovative Idee sind die Podcasts zu Themen rund um den Naturschutz „Hinter dem Zoo geht’s weiter“.

  • Zukunft

2019 wurde eine Konzeptstudie Zookunft 2030+ über die Zukunft des Zoos erarbeitet. Mit einigen Projekten hat man bereits begonnen: Umbau des Löwengeheges, die Mangrovenanlage im Exotarium und die Renovierung des Grzimek-Hauses die demnächst beginnt. Dazu sagt die zuständige Dezernentin der Stadt Frankfurt:

„Bei der nun vorgelegten Konzeptstudie ZOOKUNFT2030+ geht es nicht nur darum, einzelne Gehege neu zu bauen oder die Besucherwege neu zu gestalten, es geht um viel mehr: eine ganzheitliche Vorstellung davon, was ein moderner Zoo leisten kann, warum er für uns alle in unserer bedrohten Welt so wichtig ist und wie die elf Hektar inmitten des Frankfurter Ostends optimal genutzt werden können.“

Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig

Man kann nur hoffen, dass die Pläne zeitnah umgesetzt werden können und, dass das „+“ hinter der 2030 nicht bedeutet, dass die Ziele erst in einer unbestimmten Zukunft erreicht werden. Möge die Übung gelingen.*

*Nachtrag: Kaum habe ich meinen Beitrag veröffentlicht, erscheint ein Artikel in der FR zum Thema mit folgender Überschrift: „Ein Berliner Architekturbüro arbeitet am Masterplan für den Tierpark – 2024 soll er vorliegen und vieles im Zoo von Grund auf verändern.“ (Frankfurter Rundschau vom 11.05.2023)

  • Mein Fazit und etwas Persönliches

Bei meinen Recherchen zu diesem Beitrag habe ich mir natürlich auch die unvermeidlichen Kommentare von Besuchern des Zoos angesehen. Überraschenderweise gab es auf einer Plattform fast ausschließlich positive, auf einer anderen teilweise vernichtende Kommentare. Als ich dann am Ende eines heißen Sommers mit Familie und Freunden den Zoo besuchte, das Gleiche. Ich war schockiert. „Einige uralte Tierhäuser, keine Tiere in den Freianlagen, alles trocken und ungepflegt.“ Wie wir uns doch von unserem ersten Eindruck beeinflussen lassen.

Die Ansprüche die Zoos heute erfüllen müssen sind gewaltig. Tiere in vielfältigen Arten zeigen. Moderne Gehege und Freianlagen bauen. Den Arten- und Naturschutz in den Vordergrund rücken und die Vermittlung vielfältiger Informationen an Besucher jeden Alters. Dabei kommt es zu einem Spagat zwischen der Präsentation von Publikumslieblingen wie Giraffe, Erdmännchen und Co. und weniger spektakulären aber gefährdeten oder in Freiheit ausgerotteten Arten. Zusätzlich hat Frankfurt auch ein Platzproblem.

Ich war in den 60er Jahren das erste Mal in Frankfurt und auch im Zoo, damals noch mit Eisbären, Elefanten und Leoparden. Danach habe ich die Schulferien fast immer in Frankfurt verbracht und bin 1972 dorthin umgezogen. Tante und Onkel bei denen ich wohnte, hatten immer viele Gäste und ich hatte die Aufgabe, ihnen Frankfurt zu zeigen. Zoo und Palmengarten hatten (meine) oberste Priorität. Die Kontaktaufnahme über meinen Onkel mit Prof. Grzimek festigte in mir den Wunsch einen Beruf zu ergreifen „der mit Tieren zu tun hat“. Daraus wurde jedoch nichts und ich habe einen Beruf ergriffen „der viel mit Menschen zu tun hatte.“ Das Leben ist manchmal seltsam. Tiere und Zoos traten einige Jahre in den Hintergrund, mein Beruf nahm mich in Anspruch, ebenso wie meine kleine Familie. Heute bin ich zurück zu Tieren und in Zoos. Und obwohl mich meine Frau manchmal mit einem Blick ansieht, der zu sagen scheint: „er ist verrückt“ sieht sie sich doch geduldig meine Bilderausbeute an und korrigiert meine Beiträge.

Ich werde also weiter durch Zoos spazieren mit einem kritischen Blick und hoffentlich brauchbaren Bildern. Und der Frankfurter Zoo – wird immer meine alte Liebe bleiben.

Und vielleicht tauchen diese weniger spektakulären Tiere demnächst im Blog auf:

Ergänzung vom 27.02.25 Newsletter Zoo Frankfurt:

Magistrat gibt grünes Licht für Zoo-Umbau
Anfang Februar hat der Magistrat die bauliche und inhaltliche Zukunftsentwicklung des Zoos auf der Basis des vorliegenden Masterplans beschlossen. Vorbehaltlich der Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung wurde damit der entscheidende Schritt getan, um in die erste von drei Realisierungsphasen einzusteigen. Dabei handelt es sich um die etwa 2,4 ha große Serengeti-Anlage, eine Landschaft für Tiere der afrikanischen Savanne. Ihre Fertigstellung ist für 2033 geplant. In Phase zwei folgt die Lomami-Anlage. Dieser Teilbereich stellt den tropischen afrikanischen Regenwald dar. Den Abschluss der Maßnahme bildet die Manú-Anlage mit Arten aus Südamerika im Nord-Osten des Zooareals. Hat der Zeitplan Bestand, könnte der Umbau 2039 abgeschlossen sein.