Die Geschichte der Przewalski-Pferde
Der russische Offizier und Forschungsreisende Nikolai Michailowitsch Prschewalski unternahm insgesamt fünf Reisen in die von Russland und China okkupierten Gebiete Zentralasiens, unter anderem in die dsungarische Gobi. Auf seiner dritten Reise, die von 1879 bis 1880 stattfand, brachte ihm sein kirgisischer Begleiter und Jäger Aldiarow den Kopf und das Fell eines Tachi. Er wusste zunächst nicht so recht was er da in Händen hielt, brachte es aber nach St. Petersburg zu seinen Auftraggebern. Erst später begegnete er Tachi-Herden und es wurde ihm klar, welchen Schatz er (bzw. Aldiarow) entdeckt hatte.
1881 wurde sein Fund von Iwan S. Poljakow, dem Konservator am Zoologischen Museum der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, als Wildpferd deklariert. Vielleicht dachte sich Poljakow, er würde dem russischen Entdecker einen Gefallen tun und trug den Namen Equus przewalskii in polnischer Schreibweise ein. Es sollte wohl ein Hinweis auf die polnische Abstammung Prschewalskis sein.
Die Anerkennung als Wildpferd löste einen wahren „Run“ auf die Tiere aus. Jeder Zoo, jedes Museum und jeder reiche Betreiber eines privaten Tierparks wollte plötzlich solch ein außergewöhnliches Exemplar haben. Tot oder lebendig. Die ersten Fangaktionen wurden von Friedrich Falz-Fein, dem russisch-deutschen Besitzer des Gutes und Gründer des Naturschutzgebietes Askanija-Nowa (siehe * Beitrag I), organisiert. 1899 und 1901 kamen die ersten Fohlen nach Askanija-Nowa. Carl Hagenbeck aus Hamburg organisierte eigene Fangaktionen und verteilte die Tiere weltweit.
„Fohlen“ warum nur Fohlen? Die Häscher stellten schnell fest, dass es praktisch unmöglich war, erwachsene Tiere lebend zu fangen, zu schnell, zu scheu, zu wild, um mit Reitpferden überhaupt in ihre Nähe zu kommen. Also schoss man die Herde ab und sammelte die verbliebenen Fohlen ein. Auch die toten Tier fanden problemlos ihre Abnehmer. Museen und andere Sammlungen rissen den Tierhändlern die Skelette und Felle förmlich aus den Händen. Die riesigen Entfernungen und die schlechten, teils nicht vorhandenen Verkehrswege forderten dann auch noch ihren Tribut unter den gefangenen, lebenden Tieren.*
Durch die zunehmende Besiedlung und die Zunahme von Weidetieren wurden die Tachi von ihren Weidegründen und Wasserstellen vertrieben. Hinzu kam ein vielleicht eigenartiges Verhalten der Wildpferde. Sobald die Hengste eine rossige (Haus-)Stute witternden, brachen sie in deren Herde ein, töteten den Leithengst (da sie körperlich immer überlegen waren), zerstörten Zäune und sogar Geschirre und entführten die Stuten in ihre eigene Herde. Die Besitzer nahmen immer blutige Rache.
Zu Beginn der Fangaktionen 1899 war die Zahl der Tachi bereits drastisch reduziert und die Tiere akut vom Aussterben bedroht. Das letzte Rückzugsgebiet war die dsungarische Gobi, die allerdings für das Überleben der Pferde denkbar ungeeignet war. 1948 und 1956 verloren Nomaden in diesem Gebiet durch zwei sehr strenge Winter** fast ihre gesamten Herden und bedienten sich am Pferdefleisch. Die letzte Sichtung, die ein mongolischer Wissenschaftler meldete, war im Jahr 1969. Seit Anfang der 1970er Jahre galten die Tachi daher als in freier Wildbahn ausgestorben.



Wiederansiedlung
Obwohl man den engagierten Fachleuten ihr enormes Engagement zugutehalten muss, das sie bereits Anfang der 1900er Jahre an den Tag legten, gab es doch ein Problem. Mit dem zweiten Weltkrieg erloschen die Herden in Askanija-Nova, Berlin und an anderen Orten. Bei den lokal angesiedelten Herden kam es zu Inzucht, was sich nach 1945 noch verschlimmerte, da es nur noch etwa 30 Tiere gab von denen nicht alle fortpflanzungsfähig waren und an verschieden Orten lebten.
Die Retterin hieß Dr. Erna Mohr. Sie war Zoologin und Kuratorin des Zoologischen Museums Hamburg und hatte bereits ein Zuchtbuch für den ebenfalls fast ausgestorbenen euroasiatischen Wisent eingeführt. Das Gleiche tat sie nun für die Przewalski-Pferde. Außerdem wurde die Art in das Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) aufgenommen, so konnte die Zucht koordiniert und Tiere zwischen den Haltern getauscht werden.
Nachdem sich die Bestände in den Zoos (z.B. Hellabrunn und Prag) und Zuchtstationen (Tierpark Langenberg bei Zürich) stabilisiert hatten, musste der nächste Schritt, die Auswilderung in ihre angestammten Lebensräume sein. Dafür braucht es Menschen mit einer Vision und Durchhaltevermögen. Einer davon war der deutsche Kaufmann und Jäger Christian Oswald. Er nutzte seine Geschäftsbeziehungen in die Mongolei, um das erste Auswilderungsprogramm auf die Beine zu stellen. Nun ist es aus nachvollziehbaren Gründen einfacher, Ziesel oder Feldhamster auszuwildern als Pferde in die Mongolei. Die Grundvoraussetzungen sind allerdings zunächst die gleichen. Es müssen geeignete Gebiete gefunden werden, die Bedingungen bieten, dass Ernährung und Schutz der Tiere gesichert sind. Ein Monitoring muss Aufschluss über die Entwicklung der Populationen geben und die lokale Bevölkerung (egal ob Bauern in Deutschland oder Nomaden in der Mongolei) müssen in die Projekte eingebunden werden. Schlussendlich muss der Transport organisiert werden. Und hier trennen sich die Gemeinsamkeiten. Etwa 8000 km sind zu überwinden und vor Ort können die Tachi nicht einfach in die Wüste geschickt werden, es ist eine längere Eingewöhnungszeit in einem geschützten Areal erforderlich. Es war eine Herkulesaufgabe die Oswald angegangen ist. Aber 1992 wurden die ersten Tiere unter großer Anteilnahme*** der Bevölkerung im Schutzgebiet Great Gobi-B ausgewildert. Etwas später wurde die ITG (International Takhi Group) gegründet die weitere Auswilderungen organisiert. In der Zwischenzeit und nach einigen Rückschlägen gibt es weitere Schutzgebiete in der Mongolei und in China und die Zahl der Tachi ist weltweit auf etwa 2500-3000 Tiere gestiegen. Das klingt gut, es ist aber noch ein weiter Weg, um die Art endgültig wieder heimisch zu machen. Was hat die Tachi an den Rand des Aussterbens gebracht? Es war fataler menschlicher Einfluss u.a. Überweidung, Nahrungskonkurrenz und Jagd. Für die Zukunft wird es wichtig sein, dass dem Einhalt geboten wird. Und sie müssen ihr verloren gegangenes Erfahrungsgedächtnis neu entwickeln, das ihnen hilft, auf Wetterereignissen wie dem Dzud** rechtzeitig zu reagieren und in sichere Gebiete auszuweichen.
„…dabei waren sie schon vom Erdboden verschwunden. Ihre Auferstehung bildet eine der großen und viel zu seltenen Erfolgsgeschichten des Artenschutzes. Sie trägt alle Merkmale eines Wunders“.
Stefan Schomann über die Tachi in „Auf der Suche nach den wilden Pferden.






Die folgenden Bilder entstanden oben: links, mitte Wildpark Pforzheim, rechts Zoo Köln – unten: Zoo Köln, mitte u rechts Tierpark Sababurg
*Siehe meinen Beitrag Gorillas. An den Fangmethoden hatte sich nichts geändert.
**Der mongolische Begriff Dzud beschreibt außergewöhnlich harte Winterbedingungen, die zwischen Oktober und Mai auftreten und zu fehlenden Weidemöglichkeiten führen. Die Folge ist ein Massensterben von Herdentieren durch Verhungern, Erschöpfung und Erfrieren. (Info DWD). Im Winter 2009/10 sind etwa 1,5 Mio. Nutztiere und etwa 2/3 des Tachi-Population umgekommen.
***Einen interessanten Kurzfilm über die erste Takhi – Auswilderung findet ihr bei YouTube unter (www) youtube.com/watch?v=4tMFyL5PRr0
Nachtrag:
1975 gründete die San Diego Zoo Wildlife Alliance den Frozen Zoo ®, eine Biodiversitätsbank. Sie hat sich zu der weltweit umfangreichsten Wildtier-Biobank entwickelt und schützt über 11.500 genetische Proben von mehr als 1.330 Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fischen. Während das Kreuzen mit Hybriden bzw. die Paarung genetisch zueinander passenden Tiere langwierig ist, beschleunigt die Biotechnologie die Dinge. Das Klonen erzeugt eine genetische Nachbildung eines Individuums, während die Paarung genetisches Material von zwei Individuen kombiniert.
Am 6. August 2020 wurde Kurt, das erste geklonte Przewalski-Pferd, in Texas geboren. Zellen des biologischen Vaters von Kurt wurden 1980 eingefroren und nach 40 Jahren von einer Quarter Horse Stute ausgetragen. Im September 2023 wurde das zweite Klon-Pferd „Ollie“ geboren. Möge die Übung gelingen.