Schuhschnabel

Während ich schon das eine oder andere Mal über seltsame Namen von Tierarten philosophiert habe – wie z.B. die Suppenschildkröte – passt der Name hier ohne Wenn und Aber. Ebenso der arabische Name der im Sudan verwendet wird „Abu Markub“ was so viel wie „Vater des Schuhs“ oder auch „Urbild des Schuhs“ bedeutet.

Der Schuhschnabel in seinem eigentlichen Lebensraum:

Seeufer und Sümpfe, dicht bewachsen mit Papyrus, Lotos und Schilf bieten die besten Voraussetzungen für ein Schuhschnabelleben. Zu finden in Zentralafrika Uganda, Sambia (Bangweulusümpfe) und vor allem im „Sudd“ des Südsudan. Der Nil und seine Nebenflüsse haben hier das weltweit größte Sumpf- und Überschwemmungsgebiet geschaffen. Das bietet den Vögeln einen idealen Lebensraum mit Rückzugmöglichkeiten und ausreichender Nahrung.

Schuhschnäbel sind an diese Umgebung perfekt angepasst. Sie sind etwa 1,20 – 1,40m groß, haben ungewöhnlich lange Zehen mit denen sie über weichen Grund und Wasserpflanzen laufen ohne einzusinken. Der riesige, breite und lange Schnabel verfügt über einen Haken an der Spitze, damit auch glitschige Fische nicht mehr entkommen können. Die Ränder sind sehr scharf und zum Zerteilen der Beute geeignet. Beutetiere sind hauptsächlich Fische aber auch Amphibien und Reptilien.

Die Vögel sind äußerst effektive Jäger. Sie können stundenlang im seichten Wasser oder an Land stillstehen und plötzlich mit unglaublicher Geschwindigkeit den Kopf nach vorne schnellen, um ihren Fang zu fassen. Üblicherweise „schreiten“ die Vögel durch ihr Revier. Diese Bewegung erinnert an Kraniche. Sie fliegen nur sehr ungern und meistens wenn Gefahr droht.

Sie führen ein Einzelgänger Dasein und finden nur während der Brutzeit zusammen. Der Beste Zeitpunkt hierfür ist nach der Regenzeit, wenn die Pegel sinken und der Untergrund trockener wird. Die Nester werden im Röhricht in Ufernähe oder auf schwimmenden Inseln gebaut. Beide Eltern übernehmen die Brutpflege. Um die Eier vor Überhitzung zu schützen, schaffen sie Wasser im Schnabel heran, womit sie das Gelege kühlen.

Ihre verborgene Lebensweise hat wohl dazu beigetragen, dass sie erst 1840 vom deutschen Forschungsreisenden Ferdinand Werne (er gilt als Entdecker des Nildeltas) aufgespürt wurden. Araber und Bantu kannten den Schuhschnabel natürlich schon viel früher, was durch alte Reliefs und Skulpturen belegt ist. Schließlich kamen die ersten Bälge nach London und John Gould war es, der die Vögel 1851 in die Systematik eingliederte. Er nannte sie Balaeniceps rex, was so viel wie „Walkopfkönig“ heißt. Heute wird an das rex noch ein Gould zu Ehren des englischen Ornithologen angehängt.

Die Entdeckung durch die Europäer hatte – man kann es sich denken – schlimme Folgen. Viele Hundert Schuhschnäbel wurden geschossen, um in den Ausstellungen der Museen zu landen oder bei Sammlern in aller Welt. Hauptumschlagplatz für Bälge und lebende Vögel war Khartum im Sudan.

Schuhschnäbel in Menschenobhut:

Dieser Teil des Beitrags ist (leider) kurz. Zitat Zootierlexikon:

„Aufgrund seiner Schnabelform ist der Schuhschnabel sicher eine der bekanntesten Vogelarten. Zumindest theoretisch. In Zoos ist er nämlich äußerst selten zu sehen, weil die Beschaffung von Vögeln aus der Wildbahn schwierig ist und eine nachhaltige Zucht nicht existiert.“

Wie bereits beschrieben setzte nach ihrer Entdeckung ein wahrer Run von Sammlern und Zoos aus aller Welt auf diese Tiere (tot oder lebendig) ein. 1945 hatte der Berliner Zoo bereits einen Schuhschnabel. 1960 kam der erste Schuhschnabel in den Tierpark Berlin. 1975 bekam die Wilhelma einen weiblichen Schuhschnabel (Mausi) die 1990 in den Frankfurter Zoo umzog und dort am 30.03.2012 verstarb.

Für die Zoos war die Pflege dieser Tiere eine echte Herausforderung. Es gab kaum Erfahrungen im Umgang mit den Vögeln. Schwierigkeiten machten zunächst die Ernährung, medizinische Versorgung aber auch Anlage und Größe der Gehege sowie unser mitteleuropäisches Klima.

Heute wird im deutschsprachigen Raum nur noch ein letzter Vogel im Weltvogelpark Walsrode gehalten. Außerdem in Europa im belgischen Zoo Pairi Daiza (hier gelang auch die Zucht), in den Zoos von Prag und Exmoor GB.

Das weitaus größte Problem besteht jedoch in der Zucht dieser einzigartigen Vögel. Einerseits müssen passende Partner gefunden werden, da Schuhschnäbel äußerst wählerisch in der Partnerwahl sind (das gilt übrigens auch für die Beziehung zu Pfleger bzw. Pflegerin). Andererseits sind alle Vögel die in Zoos kamen nicht in der Wildbahn gefangen worden, sondern wurden von Menschenhand aufgezogen. Das führt zu einer Fehlprägung auf Menschen, die darin endet, dass Schuhschnäbel sich sozusagen gegenseitig ignorieren.

Vom Zoo Frankfurt erhielt ich auf meine Anfrage hierzu folgende Information:

„Die Expertenkommission des europäischen Zooverbandes hat diese Situation zum Anlass genommen, keine Empfehlung für ein Erhaltungszuchtprogramm auszusprechen, zumindest solange die Populationen in Afrika nicht akut bedroht sind. Sinnvoll wäre ein solches Programm sowieso nur dann, wenn sich eine größere Anzahl an Zoos u/o Vogelparks einem solchen Programm verschrieben, und die Fehlerquelle der Vergangenheit (s.o.) vermieden werden könnte. Da am Ende jede Population ohne Zuwachs natürlich nach und nach verschwindet, sind wir heute auf dem Stand, den Sie beklagen.“

Der momentan als gefährdete eingeschätzte Bestand in freier Wildbahn liegt bei 5000 – 8000 Tieren. Bedenkt man die politische Situation im zentralen Afrika insbesondere im Südsudan, Klimaveränderungen und die Bedrohung der Lebensräume, könnte diese akute Gefährdung in den nächsten Jahren jedoch eintreten. Ich hoffe man kann dann noch rechtzeitig reagieren.

Für uns Besserwisser:
Sudd – Das aus dem Victoriasee abfließende Wasser versorgt über den Nil den Sudd mit Wasser, hinzu kommen enorme Regenmengen. Der Nil verteilt das Wasser in verschiedene Flussarme über eine Fläche, die während der Trockenzeit etwa 30.000 km² (Hessen 21.500) und in der Regenzeit bis 130.000 km² (Griechenland 132.000) umfasst. Der geplante Jonglei-Kanal sollte die Wassermassen nach Norden (Nord-Sudan u. Ägypten) abführen um dort für die Landwirtschaft nutzbar zu sein. 1974 wurden die Arbeiten begonnen und 1984 aufgrund des sudanesischen Bürgerkrieges eingestellt. Gegner des Projekts hatten vergeblich auf die schwerwiegenden Einflüsse auf die Umwelt und die zu befürchteten Klimaveränderungen durch die Trockenlegung der Sümpfe hingewiesen.

Bangweulusümpfe – im nördlichen Sambia gelegen bieten ähnliche Voraussetzungen wie der Sudd. Sie sind allerdings kleiner haben aber ein reiches Vorkommen an Vögeln und Großwild. Das Kasanga – Schutzgebiet grenzt an die Sümpfe.

In der Systematik der Vögel sind Reiher, Pelikane und Hammerkopf die nächsten Verwandten der Schuhschnäbel:

Alle Bilder des Schuhschnabels entstanden im Weltvogelpark Walsrode im August 2025.

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