Seekühe

In diesem Beitrag muss ich mit einer Entschuldigung beginnen. Seekühe – in diesem Fall Manatis – werden nicht oft in Zoos gezeigt. Da die Zoos versuchen den natürlichen Lebensraum nachzubilden und Seekühe nun mal an tropischen Küsten und Flussdeltas leben, hat man als Hobbyfotograf ein großes Problem. Spiegelnde Glasscheiben, schlechtes Licht, trübes Wasser mit allerlei darin schwebenden Feststoffen trüben auch meine Freude beim Betrachten der Bilder. Sei‘s drum, ich glaube das Thema ist so interessant, dass die Tiere einen Beitrag verdient haben. Und es gibt da noch die Geschichte um die Stellersche Seekuh, die ich zumindest in Kurzform unbedingt erzählen möchte.

In meinem Beitrag „Rotschulter-Rüsselhündchen“ hatte ich schon geschrieben, dass Seekühe in die Überordnung Afrotheria der Höheren Säugetiere gehören und somit Verwandtschaft zu diesen und Elefanten besteht. Skelettfunde aus Ungarn belegen, dass es vor etwa 50 bis 60 Mio. Jahren bereits die Vorgänger von Seekühen gab. Diese konnten sich noch auf vier Beinen bewegen, lebten aber wahrscheinlich schon überwiegend im flachen Wasser der Tethys. Die Tethys war eine riesige Bucht, die der Superkontinent Pangaea im Osten bildete. An dieser Bucht lagen bis zu ihrer Trennung die heutigen Kontinente Asien, Europa, Afrika und Australien. Da die Kontinentalränder zum Teil sehr flache Randmeere bildeten, bot es der Entwicklung der Seekühe zu reinen Wasserbewohnern beste Voraussetzungen. Während ihrer Entwicklung über Millionen Jahre entstanden viele verschiedene Arten von Seekühen. Der Klimawandel (Eiszeiten) während des Pleistozäns (vor 2,3 Mio. – bis 12.000 Jahren) war wohl dafür verantwortlich, dass die meisten nicht überlebten und es deshalb heute nur noch vier Arten gibt.


Die Gattung Seekühe unterscheidet zwei Familien:
•       die Gabelschwanzseekühe umfassen heute nur noch eine lebende Art, den Dugong. Bis vor etwa 250 Jahren gab es noch eine weitere, heute aber ausgestorbene Art, Stellers Seekuh in der Beringsee.
•       die Rundschwanzseekühe, auch Manatis genannt, umfassen drei Arten in dieser Gattung, den Karibik-Manati, den Amazonas-Manati und den Afrikanischen Manati.

Alle heute noch lebenden Arten der Seekühe findet man an flachen Küsten tropischer Gewässer. Den Dugong im Indischen Ozean und nordwestlich von Australien. Manatis verbreiten sich über den Golf von Mexiko, die Karibik bis zur Küste Brasiliens. Der Amazonas Manati ist die kleinste und einzige Art, die im Süßwasser lebt. Afrikanische Manatis leben vor der Westküste Afrikas vom Senegal bis zum nördlichen Angola.

Mit einer Körperlänge von 2,50 bis 4,00 m und einem Gewicht zwischen 250 und über 700 kg haben sie wenige Fressfeinde. Es ist verständlich, dass bei diesen Körpermaßen die Nahrungsaufnahme einen erheblichen Teil des Tages ausmacht. Seekühe sind dabei nicht an Tageszeiten gebunden. Sie können sowohl am Tag als auch in der Nacht auf Futtersuche gehen. Während Dugongs ausschließlich Pflanzen auf dem Meeresboden fressen, weiden Manatis Seegrasinseln, Mangrovenblätter und andere Wasserpflanzen an der Oberfläche ab. Etwa alle 5 Minuten kommen sie zum Atmen an die Oberfläche, können aber auch bis zu 20 Minuten tauchen.

Außer einer engen Mutter/Kind Beziehung sind Seekühe Einzelgänger. Man trifft sie aber auch in Familienverbänden oder größeren Gruppen (wenn Futterknappheit herrscht) an. Sehr interessant ist die Verständigung der Tiere untereinander. Sie verständigen sich über das Aussenden von Geschmacks- und Geruchspartikeln und durch hohes Gurren oder Zirpen. Die Mutter/Kind Kommunikation gleicht einem Duett. Bisher konnte jedoch noch nicht erklärt werden, wie sie diese Töne erzeugen, denn Seekühe besitzen keine Stimmbänder. Das Hörvermögen beschränkt sich auf hohe Frequenzen ab etwa 600 Hertz. Leider wird das den in der Karibik und Florida lebenden Tieren häufig zum Verhängnis, da sie die tieftönenden Motorbootgeräusche nicht hören können.

Man geht davon aus, dass Weibchen, sofern das Futterangebot ausreichend ist, das ganze Jahr über empfangsbereit sind. Sie paaren sich mit mehreren Männchen, ohne dass es dabei zu Rivalitäten unter den Bewerbern kommt. Nach etwa einem Jahr wird ein Junges geboren, das etwa 18 Monate gesäugt wird und auch anschließend noch einige Zeit in der Nähe der Mutter bleibt.

Alle Bilder dieser Galerie zeigen Amazonas-Manatis. Die oberen 3 Bilder entstanden im Zoo Nürnberg, die unteren 3 im Zoo Duisburg.

Ich habe geschrieben, dass Seekühe keine natürlichen Feinde haben, allerdings ist der Mensch zum Feind Nummer 1 geworden (natürlich). Pestizide, eingeleitete Industrieschadstoffe durch Industrieanlagen und Verlust von Lebensraum dezimieren die Zahl der Seekühe schon viele Jahre weltweit. Ein Absterben der Seegraswiesen an Floridas Küsten verursacht durch die genannten Faktoren war am Tod von an die 1000 Tieren im Jahr 2021 schuld. Nun hat der Bundesstaat Schutzmaßnahmen ergriffen und man kann nur hoffen, dass sie sich als wirksam erweisen.

Zeichnung von Stellers Seekuh aus Henry Neville Hutchinsons 1892 erschienenem Buch Extinct Monsters. (© Biodiversity Heritage Library, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Stellers Seekuh

Die Entdeckung dieser Art in der Beringsee ist eng verbunden mit einer unvorstellbaren vom Menschen verursachten Naturkatastrophe und dem tragischen Schicksal der Expeditionsmannschaft und letztlich auch des Entdeckers und Wissenschaftlers Georg Wilhelm Steller.

1730 beschloss die russische Kaiserin Anna Iwanowna eine Expedition nach Kamtschatka zu senden, um von dort die nördlichen Küsten Russlands zu vermessen und den Seeweg nach Amerika und Japan zu erkunden. Mit der Leitung der sogenannten „Großen nördlichen Expedition“ die von 1733 bis 1743 dauerte wurde Kapitän Vitus Bering beauftragt, der zuvor schon die erste Kamtschatka-Expedition geleitet hatte (im Auftrag Zar Peter I.).

Georg Wilhelm Steller (geb. 1709 in Windheim, Mittelfranken) stieß nach Aufforderung durch Bering zur Expedition. Steller war Ethnologe und Naturforscher aber auch Arzt und als solcher wurde er von Bering auf dem Flaggschiff „St. Peter“ angeheuert. 1741 stachen die „St. Peter“ und die „St. Paul“ in See. Ende Juli erreichte die St. Peter die heutige Insel Kayak Island. Aufgrund der Wetterlage beschloss Bering jedoch eine zügige Rückkehr, die allerdings absolut chaotisch verlief. U.a. war Bering zu dieser Zeit bereits sehr krank und sein Durchsetzungsvermögen schwand zusehends. Am 16. November strandete das stark beschädigte Schiff auf einer Insel, die die Besatzung fälschlicherweise für Kamtschatka hielt tatsächlich aber etwa 500 Meilen nördlich davon lag. Bering verstarb dort und die Insel wurde nach ihm „Bering-Insel getauft.

Steller sammelte während des neunmonatigen, erzwungen Aufenthalts Proben von Mineralien, Pflanzen, zeichnete Vögel und notierte akribisch das Verhalten der dort lebenden Tiere, wie beispielsweise das von Robben oder Polarfüchsen.

Während seines Aufenthalts auf der Bering-Insel erforschte er auch die in Ufernähe lebenden Seekühe. Im Gegensatz zu deren nahen Verwandten den Dugongs waren diese jedoch zwischen 8 und 9 Metern lang und 5000 bis 8000 kg schwer. Natürlich war es schnell klar, welch ungeheure Essensvorräte diese zutraulichen Tiere liefern konnten und so begann das Schlachten. Steller kehrte mit der verbliebenen Mannschaft im August 1742 aufs russische Festland zurück. Mit seinen Exponaten und Aufzeichnungen verließ er Kamtschatka 1744 in Richtung St. Petersburg, das er nie erreichte. Er starb 1746 im westsibirischen Tjumen an Krankheit und Erschöpfung.

Alle Seefahrer und Pelztierjäger die die Bering-Insel anliefen, bedienten sich nun der kostenlosen Nahrungslieferanten und so nahm die von mir anfangs erwähnte Katastrophe ihren Lauf.  Das letzte Tier wurde 1768 von Jägern getötet. Stellers Seekuh war nach 27 Jahren ihrer Entdeckung bereits ausgestorben. Ähnlich erging es übrigens den Polarfüchsen, deren wertvolle Felle von den überlebenden Expeditionsteilnehmern auf dem Festland zu hohen Preisen verkauft wurden und die damit einen Run auf diese Tiere auslösten, der sie sowohl in Russland als auch in Alaska fast ausrottete.

Alle Bilder Senckenbergmuseum Frankfurt – Gabelschwanz- und Rundschwanz-Manati

Für uns Besserwisser:
Polyandrie: Die Polyandrie (Vielmännerei) ist eine Form der Polygamie, bei der sich innerhalb der gleichen Fortpflanzungsperiode ein Weibchen mit mehreren Männchen paart, die Männchen jedoch nur mit diesem einen Weibchen. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet in etwa „Reichtum an Männern“.

Bei Nachforschungen zu Steller war mir das Buch von Auro Koivisto „Georg Wilhelm Steller – Die Opfer einer Forschungsreise“ sehr nützlich.

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