Wilhelma

Zoologisch-Botanischer Garten Stuttgart

Genau genommen blickt die Alpensteinbockgeiß nicht von ihrem Felsen nach Stuttgart, sondern nach Bad Cannstatt, dem größten Stadtbezirk Stuttgarts. Und dieser Ort ist nicht nur für seinen „Cannstatter Wasen“ bekannt, sondern auch für 19 Mineralquellen, deren Entdeckung mit der Geschichte der Wilhelma eng verbunden sind.

  • Geschichte und wichtige Personen

Seit 1816 ist Wilhelm I König von Württemberg. Seine Gattin Katharina von Württemberg (1788–1819) entschließt sich, eine Sommerresidenz für ihre Familie in Bad Cannstatt auf dem Rosenstein bauen zu lassen. Sie verstirbt früh, mit 30 Jahren, aber Wilhelm I erfüllt ihren Wunsch und so beginnen die Bauarbeiten im Jahr 1824. Im zum Schloss gehörenden Park findet man 1829 während der Bauarbeiten Mineralquellen. Auf Wilhelms Wunsch erweitert der Architekt Karl Ludwig von Zanth die Schlossanlage um ein Badhaus (später Wohnhaus), einen Garten und weitere Gebäude. Die auf Wunsch von Wilhelm im „maurischen Stil“ konzipierte Anlage wird von ihm „Wilhelma“ getauft. Mit der Errichtung des „Wintergartens“ wird die Wilhelma 1853 nach den Plänen Zanth’s fertiggestellt. Zanth stirbt 1857. 1864 vervollständigt der Architekt Wilhelm Bäumer mit der „Damaszenerhalle“ die historische Wilhelma. Die Monarchie endet 1919 und sowohl Schloss und Park Rosenstein als auch die Wilhelma gehen in Staatsbesitz über. Die Wilhelma ist bis dato ein botanischer Schaugarten.

Außer der Damaszenerhalle wird die Wilhelma am 19. und 20. Oktober 1944 bei einem Luftangriff völlig zerstört, aber bereits 1949 wieder eröffnet. Der Naturwissenschaftler und Architekt Albert Schöchle, der seit 1933 Direktor des Gartens ist, initiiert zunächst Tierschauen und beginnt 1953 mit dem Bau der ersten dauerhaften Tiergehege. Die Wilhelma wird bis zu seinem Dienstende 1970 erweitert und ist damit zum zoologisch-botanischer Garten geworden.


  • Schwerpunkte

Wie in den modernen Zoos üblich, hat sich auch die Tierhaltung in der Wilhelma von der Sammelleidenschaft früherer Zoodirektoren dahingehend gewandelt, dass Themenbereiche z.B. nach Kontinenten oder Regionen geschaffen werden. Das hat den Vorteil, dass den Tieren mehr Raum zur Verfügung steht. So ist einer der Schwerpunkte in der Tierhaltung Südamerika (mit einer Freianlage und dem Amazonienhaus) oder die 2022 fertiggestellte Terra Australis.

Im botanischen Bereich ist ein Schwerpunkt kaum auszumachen, zu groß ist die Vielfalt der Pflanzen. Als Beispiele seien genannt: die historische Gewächshauszeile mit Ananasgewächsen, Orchideen und Insektivoren, das Maurische Landhaus mit Baumfarnen oder der kleine Mammutbaum-Wald der im Todesjahr Wilhelms (1864) gepflanzt wurde.

  • Artenschutz und Zucht

In der Wilhelma leben etwa 11.000 Tiere in 1200 Arten*. Zu den besonderen Zuchterfolgen in den letzten Jahren gehören die Geparden-Fünflinge (2022), ein Schabrackentapir (2022), Serval Zwillinge (2023), Hirscheber (2024), Riesentukane und Ende 2024 Zwillinge bei den Koalas. Aus meiner Sicht auch etwas Besonderes, die seit 1989 erfolgreiche Nachzucht von Okapis mit bisher 14 Jungtieren (davon 2022 gleich zwei).

Für den aktuellen Wilhelma-Direktor Dr. Thomas Kölpin und sein Team hat Artenschutz oberste Priorität. So hat der Zoo alleine 2024 etwa 1 Million Euro in verschiedene Projekte auf allen Kontinenten investiert. Von den 40 Projekten, die teilweise über viele Jahre unterstützt werden, seien folgende genannt:

Wiederaufforstungen in Lebensräumen des Orang-Utans in Indonesien,
Schaffung und Überwachung von Brutplätzen für Hornvögel in Thailand,
Schutz von Berggorillas und Bonobos in der Demokratischen Republik Kongo,
Unterstützung der ecuadorianischen Organisation Jocotoco beim Kauf und der Renaturierung von Land,
Kurzfristige Rettung und Wiederauswilderung von Jungtieren der Unechten Karettschildkröte über einen Nothilfe-Fond in Südafrika.

Ein Ziel von Zoos sollte es sein, Tiere die im Zoo geboren wurden, wieder in ihre angestammten Lebensräume auszuwildern sofern dies möglich ist. Voraussetzungen sind u.a. Machbarkeit, der Schutz der Tiere vor Ort und ausreichende Nahrungsvorkommen. So konnten Steinböcke, Gänsegeier, Moorenten und Seeadler erfolgreich ihren Weg von der Wilhelma in die Wildbahn antreten.

Da auch Pflanzen vom Aussterben bedroht sind, engagiert sich die Wilhelma ebenfalls auf diesem Sektor. So gibt es einen internationalen Samenaustausch zu dem die Wilhelma mit der Verteilung von Samen an 130 botanische Einrichtungen beiträgt. Für eine Ex-situ** Sammlung der „Glänzenden Seerose“ übernahm die Wilhelma die Verantwortung. Sollte diese Pflanze aufgrund des Klimawandels oder durch menschliches Zutun in der Natur aussterben, können Samen aus der Wilhelma diese Art retten.


*Diese Zahlen erscheinen mir etwas zu hoch, leider werden von der Wilhelma keine jährlichen Bestandszahlen veröffentlicht. Oder habe ich etwas übersehen? Laut A.Sheridans Zoohandbuch waren es am 31.12.2018 (ohne Amphibien, Insekten und Fische) 2243 Tiere in 391 Arten.
**ex situ: außerhalb des natürlichen Lebensraums, also im botanischen Garten oder im Zoo.

Glänzende Seerose (Nymphaea candida)
  • Bildung

Zwei Diplom-Biologinnen leiten die Wilhelma Schule. Ein breites Angebot für Kinder und Schüler aller Altersklassen vermittelt Wissen zu zoologischen, botanischen und ökologischen Themen. Für Lehrerinnen und Lehrer werden umfangreiche Weiterbildungskurse in Sachen Botanik und Zoologie angeboten.


  • Mein Fazit

Aus der Länge dieses Beitrages kann man schon ableiten, dass dies einer der Zoos ist, die mir besonders am Herzen liegen. Der historische Kern mit Gebäuden, die mit der Gartenanlage ein phantastisches Arrangement bilden. Vielfältige botanische Besonderheiten, die ergänzt durch unzählige Vogelvolieren und eine Großvoliere, immer zum Verweilen und Beobachten animieren sowie die Artenvielfalt und weitläufige moderne Anlage rücken die Wilhelma in meiner persönlichen Beliebtheitsskala ganz nach oben.

  • Zukunft

Nach der Eröffnung der „Terra Australis“ folgt nun die Erweiterung der Anlage, um weiteren Tieren von Down Under ein angemessenes Zuhause zu bieten. So wird momentan an der Freianlage für Nacktnasenwombats gebaut, es folgen Anlagen für Graue Riesenkängurus, Bennett-Kängurus und (hoffentlich) für den Tasmanischen Teufel.
In diesem Jahr fertiggestellt wird die komplett neue und sehr große Anlage für Amur-Tiger. Die Spannung steigt!
Ein Herzensprojekt von Dr. Köplin und eine zukünftige Anforderung an Zoos die Elefanten halten, wird mit der neuen Elefantenwelt umgesetzt. Die Planungen sehen vor, auf einer Fläche von zwei Hektar Platz für bis zu 15 Elefanten zu schaffen. Mein Herzenswunsch: Afrikanische Elefanten. Möge die Übung gelingen!

Für uns Besserwisser:

Fission-Fusion-Anlage – Ist eine Trenn- und Verbindungsanlage in der (Herden-)Tiere in ihren natürlichen Sozialstrukturen leben. Für Elefanten bedeutet dies, eine Herde aus Muttertieren mit Nachwuchs, ein Teil für einen Zuchtbullen sowie einen Teil für eine Gruppe noch nicht geschlechtsreifer Junggesellen.