Pfeilgiftfrösche

auch: Baumsteiger- oder Farbfrösche


Bei den Untersuchungen zur durchschnittlichen Verweildauer vor Tiergehegen gibt es unterschiedliche Ergebnisse. 7 Sekunden wird wohl das Ergebnis einer Erhebung von Zoogegnern sein, während 2 oder mehr Minuten eher von Zoobefürwortern ermittelt werden. Unabhängig davon ist meine Erfahrung, dass Pfeilgiftfrösche Besucherinnen und Besucher länger an den Terrarien verweilen lassen. Gründe dafür sind vielleicht ein gewisses Gruseln, wenn man sich vorstellt, dass solch kleine Tiere gefährlich sein können, die bunte Vielfallt der Arten die gezeigt werden und, dass die Terrarien mit ihrem dichten Bewuchs oft einem Suchbild gleichen. Bei einer „Größe“ von 12 bis 60 mm, muss man also etwas Geduld aufbringen, um die Tiere zu entdecken. Und das sollte man auch.

P. bicolor – Zweifarbiger Blattsteiger/P.terribilis – Schrecklicher Pfeilgiftfrosch/P.vittatus – Gestreifter Blattsteiger

Der Name Pfeilgiftfrösche oder englisch arrow poison frogs weist schon auf ein Schicksal hin, welches die Tiere aufgrund des menschlichen Erfindergeists ereilt hat. Da einige dieser Frösche in der Lage sind, ein sehr giftiges Sekret über die Haut auszuscheiden, machten sich Indigene Chocó in Kolumbien diese Tatsache zunutze und präparierten die Pfeilspitzen für ihre Blasrohre mit diesem Gift. In Grzimeks Tierleben wird die Prozedur wie folgt beschrieben. Empfindliche Seelen mögen diesen Abschnitt überspringen:

„Die Indianer töteten die Giftfrösche, indem sie sie mit einem spitzen Stück Holz aufspießen und dann über ein Feuer halten. Unter dem Einfluss der Hitze tritt das Gift in Tropfen aus den Hautdrüsen heraus und wird nun in ein Gefäß abgestrichen, wo es einen Fermentationsprozess durchläuft. Schließlich taucht man die Pfeilspitzen in die Flüssigkeit und lässt sie trocknen…“
Zitat aus Grzimeks Tierleben Fische 2 + Lurche, Seite 405

Glücklicherweise ereilte nicht alle Pfeilgiftfrösche dieses Schicksal. Einige besonders giftige, wie z.B. der „Schreckliche Pfeilgiftfrosch“, wurden in die Freiheit entlassen, nachdem das Sekret vom Körper abgestrichen war. Im Übrigen muss klargestellt werden, dass nicht alle Pfeilgiftfrösche giftiges Sekret ausscheiden können. Sehr vielen Arten dient das Sekret schlicht dazu, sich ungenießbar für Fressfeinde zu machen. Der Name ist daher eigentlich irreführend und oft wird eben auch der Oberbegriff „Baumsteiger“ für die Froschfamilie benutzt. Auch etwas verwirrend, wenn wir nun in die Einordnung dieser Frösche in das System im Tierreich blicken.

Alle Frösche sind Amphibien und gehören in diesem System in die „Ordnung“ der Froschlurche. Es folgen: „Familie“, „Unterfamilie“, „Gattung“ und letztlich „Art“. Wir betrachten eine der „Familien“, nämlich die der Baumsteigerfrösche mit drei „Unterfamilien“. Eine dieser Unterfamilien ist in acht Gattungen unterteilt, wovon zwei Baumsteigerfrösche genannt werden. Hierzu gehören 61 Arten. Die lateinischen Namen lauten Dendrobates (sie produzieren wenig oder kaum Giftsekret) und Blattsteiger-Frösche lat. Phyllobates (sie gehören zu den gefährlichen und somit namensgebenden Pfeilgiftfröschen). Der Name Baumsteiger wird also als Oberbegriff für die Familie als auch für eine Gattung unterhalb der Familie genutzt. Liebe Leserinnen und Leser habe ich euch nun endgültig verwirrt? Ich hoffe nicht. *

D.tinctorius – Blauer Baumsteiger/d.auratus – Goldbaumsteiger/D.leucomelas – Gelbgebänderter Baumsteiger

Wenden wir uns nun dem Leben dieser faszinierenden Zwerge zu. Das Verbreitungsgebiet zieht sich vom mittelamerikanischen Nicaragua, dem nördlichen Teil Südamerikas mit vorgelagerten karibischen Inseln bis ins Amazonasbecken und zu den Ausläufern der Anden hin. Einige Arten kommen auch im Hochland von Ecuador vor. Im Amazonasbecken leben die meisten Arten. Unabdingbar für ihr Überleben ist eine hohe Luftfeuchtigkeit von 70-100% und Tagestemperaturen von 25-28°C. Ihr Habitat ist also ausschließlich der tropische Regenwald.

Bis heute sind etwa 170 verschiedene Arten bekannt und genau so vielfältig wie Farben und Zeichnung sind ihre Lebensweisen. Ich kann hier daher nur immer Beispiele nennen und komme gleich auf die Namensgebung zurück. Viele Arten leben beileibe nicht auf Bäumen, sondern halten sich in der Nähe oder direkt am Boden auf. Bevorzugte Pflanzen sind Epiphythen (Aufsitzerpflanzen) wie z.B. Bromelien, Helikonien und Orchideen. Somit trifft die Bezeichnung für die Familie der „Baumsteiger“ auch nicht auf alle Arten zu, dann schon eher „Farbfrösche“, wie sie auch noch genannt werden.

Farbfrösche sind tagaktiv und ernähren sich von Ameisen, Käfern, Tausendfüßlern, Mücken oder Milben. Da die Frösche ihr Giftsekret nicht selbst produzieren können, wird das mit den Nahrungstieren aufgenommene Gift umgewandelt und kann dann wie beschrieben über die Haut ausgeschieden werden. Das bedeutet auch, dass in Terrarien gehaltene Frösche ihre Giftigkeit verlieren, da sie mit ungiftigen Insekten gefüttert werden. Fressfeinde haben sie sehr wenige. Einerseits sind sie im Tageslicht durch ihre bunte Färbung schwer zu entdecken, andererseits ist sie auch eine Warnung an hungrige Mäuler und Schnäbel, dass es sich hier um gefährliche Nahrung handelt. Potenzielle Fressfeinde lernen nach dem ersten Versuch, dass sie eine ungenießbare Beute erwischt haben. Es gibt wie fast immer eine Ausnahme, es ist die Goldbauchnatter, die in etwa das gleiche Verbreitungsgebiet hat und zu deren Hauptnahrung Amphibien gehören und gegen deren Gift sie resistent ist.

Ein weiteres sehr spannendes Thema ist die Fortpflanzung bzw. die Brutpflege der Farbfrösche. Der alte Spruch „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“ gilt auch hier. Zunächst zum „werden“. Da es in Gewässern von Fressfeinden wimmelt, haben die meisten der Farbfrösche die Eiablage an Land verlegt. Bekanntermaßen werden Froscheier außerhalb des Körpers des Weibchens befruchtet. So kommt es bei zwei Gattungen der Farbfrösche zum sogenannten Kopfamplexus. Das Männchen lockt das laichbereite Weibchen auf ein Blatt, besteigt es und umklammert mit den vorderen Gliedmaßen deren Kopf. Dies garantiert, dass, sobald ein Ei abgelegt wird, vom Männchen das Sperma entlassen wird. Der Kopfamplexus dient so der Koordination der beiden Geschlechter. (Beispiel Dreifarben-Blattsteiger). Beim Schrecklichen Pfeilgiftfrosch wird das Sperma auf einem Blatt am Boden abgesetzt und das Weibchen legt seine Eier darüber.

Da Amphibien aufgrund ihrer Entwicklung aber sehr stark von Wasser und Feuchtigkeit abhängig sind, müssen auch Farbfrösche dafür sorgen, dass sowohl Eier als auch die sich daraus entwickelnden Kaulquappen feucht gehalten werden und sich letztendlich die Metamorphose vollziehen kann. Einige, besonderes die ganz kleinen Arten, laichen beispielsweise in die Trichter von Bromelien, in denen sich üblicherweise Wasser ansammelt. Alle anderen müssen die Eier auf verschiedene Weise befeuchten bis die Kaulquappen schlüpfen. Diese müssen dann teilweise gefüttert werden. Dazu lockt das Männchen das Weibchen zum Gelege und animiert es dazu Eier abzulegen, die nicht befruchtet, sondern an die Quappen verfüttert werden. Alle diese Aufgaben fallen überwiegend den Männchen zu.  Ein weiterer wichtiger Dienst der Papas ist es, die geschlüpften Quappen zu einem größeren Gewässer zu transportieren, wo letztendlich die Metamorphose stattfinden kann. Also die Entwicklung zum fertigen Frosch. Das machen sie indem die Kaulquappen auf ihren Rücken steigen, dort anhaften und sie dann einzeln oder in Gruppen zum nächsten Gewässer transportiert werden. Während dieser verschiedenen Entwicklungsphasen wird Territorium und Nachwuchs vehement gegen Eindringlinge oder Fressfeinde verteidigt. Diese Aufgabe übernimmt meist der Elternteil, der nicht mit der Brutpflege betraut ist.

E.mysterious – Marañón-Baumsteiger/E.tricolor – Dreigestreifter Baumsteiger

Verhalten und Aussehen dieser phantastischen Tiere hat dazu geführt, dass sie schnell bei Terrarianern beliebt wurden. In den Anfangsjahren glich die Haltung von Pfeilgiftfröschen aufgrund der Fang- und Transportmethoden sowie der mangelnden Erfahrung im Umgang einem Vernichtungsfeldzug. Heute hat sich das geändert und man muss froh sein, dass es viele erfahrene Züchter gibt, die mithelfen Bestände und genetische Reserven zu sichern. Dieser ist ausnahmsweise nicht nur durch den Eingriff des Menschen in ihren Lebensraum bedroht, sondern auch durch einen Pilzbefall der Chytridiomykose auslöst. Der Pilz befällt die Haut von Amphibien und zerstört sie. Seinen Ursprung hatte er vermutlich in Afrika. Nach einer Endemie in Südafrika bei Krallenfröschen wurde er durch den Export der Frösche über den gesamten Globus verbreitet. (Also doch ein fataler Eingriff der Menschen?) In der Zwischenzeit sind etwa 500 Amphibienarten in 60 Ländern betroffen. Der Befall ist praktisch immer ein Todesurteil.

*Wer mehr über das „System im Tierreich“ wissen möchte, empfehle ich meine entsprechenden Beiträge aus Dezember 2021.

A.trivittata – Grüner riesengiftfrosch/A.castaneoticus – Paranuss Pfeilgiftfrosch/O.lehmanni – Rotringel Baumsteiger

Für uns Besserwisser: Es handelt sich bei den Hautsekreten der Frösche um basische Alkaloide, z.B.  Pumiliotoxin bei Dendrobates und Batrachotoxin bei Phyllobates). Das letztgenannte ist auch für Menschen sehr gefährlich.

Aposematismus und Mimikry: Giftige Farbfrösche signalisieren mit ihrer bunten Färbung den Fressfeinden ihre Gefährlichkeit (Aposematismus). Weniger giftige oder ungiftige Gattungen kopieren die Zeichnungen der giftigen Arten, um vorzutäuschen gefährlich zu sein (Mimikry).

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