Wenn ich mich für ein Tier entschieden habe, über das ich schreiben will, treffe ich zunächst einmal eine Bildauswahl (oder es folgen weitere Besuche in Zoos, um diese zu ergänzen). Der nächste Schritt ist natürlich die Recherche. Oft lenkt das Sammeln von Informationen mein Interesse dann aber auch auf die Geschichte und Geographie einer Region, die politische Situation eines Landes oder die oft heikle Mensch/Tier Beziehung.
Nun schreibe ich über den Montserrat-Trupial, einen kleinen etwa amselgroßen Vogel, der uns – wenn die Männchen nicht so ein wunderschönes Federkleid hätten – im Zoo wahrscheinlich gar nicht auffallen würde. Aber die Heimat dieses kleinen Vogels spielt nicht nur eine wichtige Rolle in der Existenz der Tiere, sondern bestimmt auch das Schicksal der dort lebenden Menschen. Also Grund genug etwas näher hinzuschauen.
Die Insel Montserrat liegt in der Karibik und gehört zu den Kleinen Antillen. Sie ist nur 16 km lang und 11 km breit. Ihre Fläche beträgt 102 qkm. Der Montserrat-Trupial kommt ausschließlich hier vor.

Geschichte der Insel Montserrat
Etwa 400 v.Chr. wanderte, wahrscheinlich vom südamerikanischen Festland, das Volk der Arawak ein. Sie galten als sehr friedliebend und wurden von den kriegerischen Kariben etwa im 15. Jhd. n.Chr. unterworfen. Die beiden Völker lebten nebeneinander, wobei die Kultur der Arawak erhalten blieb. Die ersten Europäer waren die Spanier unter Christoph Kolumbus, der im November 1493 auf seiner zweiten Reise die Insel entdeckte und für Spanien in Besitz nahm. Sie wurde jedoch nie von Spanien besiedelt und so wurde 1632 die erste Siedlung durch die Briten gegründet. Noch heute gehört Montserrat als Teil der „British West Indies“ zu den Britischen Überseegebieten. Für den Anbau von Tabak, Zuckerrohr und Baumwolle wurden aus Westafrika Sklaven beschafft, deren Nachkommen etwa 90% der Bevölkerung stellen. Der Rest der Einwohner verteilt sich auf sogenannte Hispaniolas und Europäer, meist irischer Abstammung (durch die Religionskriege im Mutterland Vertriebene). Unnötig zu sagen, dass Arawaks und Kariben das Zusammentreffen mit den neuen Bewohnern aus Westafrika und Europa nicht überlebten.
Die Insel heute
Im Jahr 1960 wurden etwa 13500 Einwohner gezählt. 1998 nur noch 2900, 2005 wieder 9400 und 2011 etwa 5000. Warum diese Schwankungen? Hier die Erklärung:
Am 09. Sep 89 bildete sich bei Kap Verde vor der Westafrikanischen Küste ein Sturm, der bei seinem Eintreffen in der Karibik zu einem Hurrikan der Kategorie 5 wurde und somit zu einer bis dato größten Naturkatastrophe in der Karibischen See. Zunächst erreichte er am 17. Sep. die Jungferninseln und am 18. Sep. die kleinen Antillen bzw. Montserrat. Von den damals dort lebenden Menschen verloren 90% ihre Wohnungen oder Häuser, fast die komplette Infrastruktur wurde zerstört. Ebenfalls ausgelöscht wurde die lokale Fledermauspopulation, für die Montserrat bekannt war.
Montserrat ist eine Insel vulkanischen Ursprungs und so leben Mensch und Tier immer in der Gefahr, dass das Erdinnere sich zurückmeldet. Nachdem der Vulkan Soufrière bereits 2 Jahre rumorte und Aschewolken ausspie, war es im Dezember 1995 so weit. 42 Mio. Kubikmeter Gestein flogen in die Luft und verwüsteten die südliche Region mit der Hauptstadt Plymouth. Bis ins Jahr 2010 blieb der Vulkan aktiv. Der Südliche Teil der Insel ist heute Sperrgebiet. Natürlich forderten diese Naturkatastrophen zahlreiche Opfer unter der Bevölkerung. Dies erklärt die schwankenden Einwohnerzahlen, da viele der Bewohner die Insel in Richtung Mutterland oder Nachbarinseln verließen, um weiteren Naturkatastrophen zu entgehen.
Leider können sich die einheimischen Tiere nicht evakuieren. Und so fielen große Bestände an Vögeln, Reptilien und Amphibien dieser zerstörerischen Gewalt zum Opfer. Vernichtung von Lebensraum und Verlust der Nahrungsgrundlagen brachten auch den Montserrat-Trupial, zu dem ich nun endlich zurückkehren will, an den Rand des Aussterbens.



Wie schon eingangs erwähnt, weisen die Vögel einen sogenannten Sexualdichromatismus auf. Männchen und Weibchen unterscheiden sich also in der Färbung ihres Gefieders. Der Hahn ist überwiegend schwarz und gelb, die Henne gelblich/grün und dunkel/olivfarben gefärbt. Wer nun denkt, das sei eine ungerechte Benachteiligung der weiblichen Vögel, liegt falsch, denn in der Natur macht ein Sexualdichromatismus durchaus Sinn. Das Männchen muss mit seiner intensiven Färbung Weibchen für sich gewinnen und die Weibchen sollen bei der Nestpflege und der Aufzucht des Nachwuchses möglichst unauffällig für Fressfeinde sein.
Bevorzugter Lebensraum sind feuchte Wälder in Höhenlagen bis zu 900 m mit dichtem Bewuchs an großblättrigen Helikonen (Falsche Paradiesvogelblumen). Die Vögel befestigen ihre Nester aus Schlingpflanzen an den Blättern der Helikonen, alternativ wenn sie zum Beispiel am Rande einer besiedelten Fläche leben, auch an Bananenblättern. Die Brutzeit dauert, abhängig von der Regenzeit, etwa von März bis August. Die zwei bis drei Jungvögel pro Gelege werden von beiden Eltern versorgt. Hauptnahrung sind Insekten die sie in Bodennähe erbeuten. In den Zoos werden aber auch Früchte und Nektar gefüttert.
Montserrat-Trupiale gelten als sehr territorial. Ihre Jungvögel vertreiben sie nach etwa einem Monat. Sie dulden keine weiteren Artgenossen in ihrem Territorium, wogegen ein Zusammenleben mit anderen Vögeln keine Probleme bereitet. Einige Zoos machen sich dies zunutze, indem sie die Vögel in Freiflughallen (wie z.B. im Zoo Basel) mit anderen Arten vergesellschaften. In 15 Zoos können die Trupiale bewundert werden, etwa die Hälfte davon im deutschsprachigen Raum.
Für uns Besserwisser: Montserrat ist Katalanisch und bedeutet „gesägter Berg“. Kolumbus verlieh der Insel ihren Namen nach der Benediktinerabtei und dem gleichnamigen Gebirge in der Nähe von Barcelona.
Sexualdimorphismus – beschreibt Unterschiede im Erscheinungsbild von männlichen und weiblichen Individuen einer Tierart. Sexualdichromatismus hingegen Unterschiede ausschließlich in der Färbung der Geschlechter.







Alle Bilder wurden in den Faust-Vogelhallen des Frankfurter Zoos aufgenommen.