Okapi

Wie oft habe ich eigentlich schon geschrieben „… ist ein faszinierendes Tier…“? Wahrscheinlich schon sehr häufig und bei genauerer Betrachtung trifft dies wohl auf alle Tiere zu über die ich bisher geschrieben habe – wenn man sich mit ihnen näher auseinandersetzt. So ist es auch mit dem Okapi das manchmal Waldgiraffe genannt wird. Ein scheues, empfindsames und geheimnisvolles Tier mit riesigen Ohren, großen Augen und einer ungewöhnlichen Fellzeichnung.

Wenn ich von einem geheimnisvollen Tier spreche, dann deshalb, weil es das letzte Großsäugetier war, das von Weißen in Afrika entdeckt wurde. Im Jahre 1887 erzählten Pygmäen dem Afrikaforscher Henry Stanley* von einem Tier, das ähnlich aussehen sollte wie die von Stanley mitgeführten Pferde. Der Zoologe und Generalkonsul des neuen Protektorats Uganda Henry Johnston las Stanleys Bericht einige Jahre später und wollte das Geheimnis um das Tier lüften, da er es für unmöglich hielt, dass Savannentiere – wie Pferde es nun einmal sind – im dichten Urwald leben sollten. Pygmäen die schon immer zur Versorgung mit Fleisch Jagd auf diese Tiere gemacht hatten und es Okhapi nannten, fertigten aus dem Fell u.a. Gürtel. Stanleys Bericht wurde also von verschiedenen Seiten bestätigt. Johnston konnte Fellreste bekommen und schickte diese nach London zur Kgl. Zoologischen Gesellschaft, um sie dort untersuchen zu lassen. Die Londoner Wissenschaftler schlossen eine Verwandtschaft mit Zebras oder Pferden aus und benannten im Dez. 1900 die neue Tierart vorläufig „Equus? johnstoni“, also „Pferd? des Johnston“. Johnston gelang es jedoch bereits ein halbes Jahr später, ein vollständiges Fell und zwei Schädel zu erwerben. Die Wissenschaftler erkannten die verblüffende Ähnlichkeit mit der ausgestorbenen Kurzhalsgiraffe, die vor über 10 Mio. Jahren auch in Europa gelebt hatte. Sie benannten die neue Tierart nach seinem Entdecker „Okapia johnstoni“.

Von da ab setzte eine wahre Okapi-Hysterie bei Jägern, Museen und der internationalen Presse ein. Zoos bemühten sich an lebende Exemplare zu kommen. Da der Kongo unter belgischer Kolonialverwaltung stand, gingen die ersten Tiere in den Zoo von Antwerpen. Zur traurigen Wahrheit gehört aber, dass die Fang- und Transportmethoden nicht geeignet waren, Okapis gesund nach Europa zu bringen. Die Tiere wurden zunächst in Fallgruben gefangen, in einem Kraal an Menschen gewöhnt und von dort aus meist hunderte Kilometer an den Fluss Kongo gebracht. Sie wurden auf Flussdampfer umgeladen, um eine mehrwöchige Reise in die Hauptstadt Léopoldville (heute Kinshasa) anzutreten. Erneut wurden die Tiere umgeladen, um per Eisenbahn zum Hafen von Matadi oder Boma transportiert zu werden. Dort begann oft nach langem Warten der letzte Teil der Reise mit dem Schiff nach Europa (18 Tage) oder Amerika. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Antwerpener Zoos, Frau Dr. Agathe Gijzen, schreibt in ihrem Buch von 1959 „Das Okapi“, dass in den ersten 40 Jahren, in denen lebende Okapis in Zoos verschickt wurden 30 Bullen und 19 Kühe Afrika verließen und 19 davon den Transport oder das erste Jahr am Bestimmungsort nicht überlebten. Erst als die Tiere per Flugzeug transportiert werden konnten, besseres Futter gegeben wurde und die hygienische und medizinische Versorgung sich wesentlich verbesserten, hatten Okapis eine realistische Überlebenschance. Das Weibchen „Tele“ kam 1928 nach Antwerpen und lebte dort 15 Jahre, ebenso der Bulle „Congo“, der im Zoo von New York ebenfalls 15 Jahre alt wurde. Nachdem die Eingewöhnung der Okapis gelungen war, konnte mit der Zucht begonnen werden. Das erste Okapi in Deutschland war der Bulle „Costy-Epulu“, der 1954 durch den Zoo Frankfurt importiert wurde, diesem folgte 1958 das Weibchen „Safari“. 1960 ging aus dieser Verbindung das erste in Deutschland geborene Kalb „Kiwu“, ein echter Frankfurter, hervor. 

Ein Blick auf das Verbreitungsgebiet der Okapis zeigt, warum die Zucht in Zoos heute so wichtig ja unverzichtbar ist. Ursprünglich lebten die Tiere in den Ubangi-Wäldern von Äquatorialafrika, Uganda und im Kongo. Die heutigen Vorkommen beschränken sich jedoch ausschließlich auf Schutzgebiete in der DR Kongo mit der größten Anzahl im Ituri-Wald. Somit erleiden sie momentan das gleiche Schicksal wie die Berggorillas (siehe meinen Beitrag): anhaltende Wilderei, ein begrenztes Verbreitungsgebiet und ein immer kleiner werdender Lebensraum.


Die Familie der Giraffenartigen umfasst nur zwei Arten: Savannengiraffen und Waldgiraffen.  Die Verwandtschaft ist unverkennbar, der Kopf, der bei Okapis leicht abfallende Rücken, Passgang, eine lange Zunge zum Abstreifen der Blätter von Zweigen. Bei den Bullen zieren außerdem zwei mit Fell überzogene Scheitelhörner den Kopf. Die Zeichnung des Fells ist einem Leben im Wald angepasst. Das rötlich-braune fast schwarze Fell mit den markanten Streifen am Hinterteil und den dunkel/weiß gezeichneten Beinen lässt die Tiere in der typischen Vegetation des Regenwaldes fast verschwinden. Die Haut scheidet ein Hautfett aus, das das Fell eines gesunden Okapis wunderschön samten glänzen lässt.

Den Kopf trägt das Okapi immer leicht nach vorne gestreckt. Nur wenn es aufmerksam wittert oder lauscht sind die Ohren gerade aufgerichtet und der Kopf wird angehoben. Okapis können wie Giraffen ihren Kopf nicht ganz nach unten senken. Zum Trinken spreizt es daher wie die Verwandtschaft in der Savanne die Vorderbeine auseinander. Mit ihrer langen Zunge erreichen sie praktisch alle Körperteile und, da es sehr reinliche Tiere sind, kann man sie oft beobachten, wie sie mit der Zunge über die Augen fahren oder ihr Fell von Schmutz befreien. Dies ist übrigens einer der Gründe warum die Haltung der Tiere in den Anfangsjahren oft scheiterte. Durch das Lecken wurde nicht nur Schmutz entfernt, sondern die Eier von Fadenwürmern und anderen Schmarotzern aufgenommen. Auch die Ernährung stellten Zoos vor Herausforderungen. Okapis sind sogenannte Konzentrat-Selektierer. Das bedeutet, dass sie sehr gezielt leicht verdauliche Pflanzenteile zum Fressen wählen z.B. Blätter. Auch hier wurde in der Anfangszeit bei Transport und Eingewöhnung sehr viel falsch gemacht.

Wilhelma 07/24

Im Gegensatz zu Giraffen sind Okapis Einzelgänger, die nur zur Paarung zusammenkommen. Das Muttertier bekommt jeweils nur ein Kalb. Die Kälber sind „Ablieger“, d.h. sie bleiben die ersten Wochen an einem Platz versteckt, die Mutter sucht den Nachwuchs nur zum Säugen auf. Zum Schutz haben die Kälber noch keinen Eigengeruch. Sind also für Fressfeinde schwer auszumachen. Es wird vermutet, dass die Muttertiere zu ihren Kälbern keine besonders enge Bindung haben.

Da Okapis in ihrer natürlichen Umgebung schwer zu beobachten sind, stammen die Erfahrungen und das Wissen über diese Tierart hauptsächlich aus den Auffangstationen und Zoos. So auch die Tatsache, dass sie zwar einen sehr friedlichen Eindruck machen, wenn sie verängstigt sind oder sich bedroht fühlen, zu heftigen Wutausbrüchen neigen und sehr wehrhaft sind.

… Okapis nur durch den Menschen bedroht, aber vielleicht auch nur dank ihm vor der völligen Ausrottung bewahrt.
Dr. Agathe Gijzen „Das Okapi“ 1959

*Henry M. Stanley – war ein Journalist und Afrikaforscher. Zunächst wurde er bekannt durch seine Suche nach dem verschollenen Missionar David Livingston. Später kolonialisierte er im Auftrag des belgischen Königs Leopold II den Kongo, indem er für ihn Land erwarb. Die Verträge sicherten Leopold nicht nur den Besitz des Landes, sondern auch die Arbeitskraft seiner Bewohner. Allerdings wussten die Stammesfürsten nicht was sie unterschrieben, da die Verträge in einer fremden Sprache abgefasst waren und die wenigsten wohl lesen oder schreiben konnten. Leopold II wurde so (Privat-)Besitzer des Kongo über 2,5 Mio. qm Land und dessen Einwohner. Obwohl Stanley viele Jahre in Afrika verbrachte, gestand er, „den Kontinent von ganzem Herzen zu verabscheuen“.

Alle Bilder dieser Galerie wurden im Zoo Frankfurt aufgenommen

Für uns Besserwisser:

Der Begriff Fresstyp bezieht sich auf die Einteilung von Wildtieren anhand ihrer Ernährungsweise und den bevorzugten Nahrungsressourcen:
Wildtiere, die sich bevorzugt von energie- und nährstoffreichen Pflanzenteilen wie Knospen, Trieben, Blättern und Früchten ernähren, werden als Konzentrat-Selektierer bezeichnet. Sie sind in der Lage, rasch große Mengen solcher Nahrungsressourcen aufzunehmen, um ihren Energie- und Nährstoffbedarf zu befriedigen. Selektives Fressverhalten = wählerische Auswahl. Z.B. Rehwild, Kudu, Giraffen, Okapis.

Intermediär-Typen stellen die Zwischengruppe zwischen Konzentrat-Selektierern und Raufutter-Vertilgern dar. Sie sind nicht so wählerisch wie Konzentrat-Selektierer und können ein breiteres Spektrum an Nahrungsquellen aufnehmen und verdauen. Z.B. Hirsche, Moschusochsen

Raufutter-Konsumenten sind bekannt für ihr weniger wählerisches Fressverhalten, haben jedoch trotzdem gewisse Präferenzen. Sie können große Mengen faserreicher Nahrung aufnehmen, die von anderen Fresstypen oft vermieden wird. Aufgrund ihrer effizienten Verdauung sind sie in der Lage, auch in Lebensräumen mit nährstoffärmeren Nahrungsangeboten zu überleben. Z.B. Bisons, Bantengs

Wilhelma Juli 25

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