Brillenbär / Andenbär / Ucumari

Gehen wir doch einmal einige Jahre in unserer Erdgeschichte zurück. Im späten Miozän bis frühes Pliozän (also vor etwa 7,3 – 4,3 Mio. Jahren) trennten sich die evolutionäre Entwicklung der Bären und es formten sich zwei Unterfamilien. Eine genannt Ursinae, sie umfasst die meisten heute bekannten Großbären also z.B. Kodiak- oder Europäische Braunbären. Die andere ist die der Kurzschnauzenbären (wissenschaftlich: Tremarctinae), deren Verbreitung von Nordamerika bis Patagonien reichte. Vertreter dieser Gattung brachten Riesen hervor. Skelettfunde in Nordamerika und Argentinien lassen vermuten, dass sie ein Gewicht bis zu 2 Tonnen auf die Waage brachten und bei einer Schulterhöhe bis 1,8m aufgerichtet 3,40m maßen. Beide starben vor 11.000 Jahren aus.

Die Kurzschnauzenbären entwickelten sich in zwei Gattungen weiter. Die nordamerikanischen Vertreter (Tremarctos floridanus) starben jedoch vor 8000 Jahren aus. Somit ist der Brillen- oder Andenbär die heute einzig überlebende (rezente) Gattung der Kurzschnauzenbären und ist evolutionär gesehen die jüngste Bärenart. Die ältesten Funde stammen aus der Chaquil-Höhle im Nordosten von Peru und sind ungefähr 6000-7000 Jahre alt.

Den Namen Brillenbär erhielten sie aufgrund ihrer cremefarbigen bis gelblichen Zeichnung um Schnauze, Stirn und Augen. Sie verläuft oft in Streifen und erinnert an eine Brille. Das Muster ist von Tier zu Tier verschieden, ansonsten ist das Fell schwarz. Die beeindruckenden Maße ihrer Ahnen erreichen sie nicht: 90 cm Schulterhöhe und etwa 130 bis 175 kg Gewicht bei den Männchen. Die Weibchen sind deutlich kleiner und leichter.

Der zweite Name deutet auf ihr Verbreitungsgebiet hin. Es umfasst die tropischen Anden und deren vorgelagerte Gebirgszüge in Kolumbien, Venezuela, Ecuador, Bolivien und Peru. Somit erstreckt sich das Gebiet über eine Länge von ca. 4600 km während es jedoch nur zwischen 200 und 650 km breit ist. Die jeweiligen Lebensräume in den Verbreitungsgebieten sind sehr unterschiedlich. Obwohl die meisten Sichtungen in einer Höhe von 1000m verzeichnet wurden, liegt der bevorzugte Lebensraum in einer Höhe von 1900m bis 2400m überwiegend in den dortigen tropischen und subtropischen Wäldern. Die Tiere sind wohl sehr anpassungsfähig aber natürlich abhängig vom Nahrungsangebot. Wie alle Bären sind sie Allesfresser mit einem deutlichen Schwerpunkt bei der Pflanzenkost. Fleisch oder Aas wird jedoch nicht verschmäht. Das erklärt auch die verkürzte Schnauze, da das Gebiss darauf ausgelegt ist, faserige Pflanzen und Früchte zu zerkauen. Um sich ausreichend mit den Früchten von Bromelien (Puya u. Tillandsia), Kakteen aber auch Palmtrieben und den Blütenständen von Orchideen zu versorgen, folgen sie dem Fruchtzyklus ihrer bevorzugten Nahrung und wechseln bei Bedarf zwischen den unterschiedlichen Lebensräumen.

Andenbären sind Einzelgänger und finden nur zur Paarung zusammen. Ihre Reviere überlappen sich häufig. Sie zeigen bei einem Zusammentreffen mit Artgenossen keinerlei Aggression. Paarungen finden während des ganzen Jahres statt. Bärinnen können das Einnisten der Eizelle hinauszögern und so die Tragzeit dem Nahrungsangebot anpassen. Es werden 1 bis 4 Jungtiere geboren, die zwei Jahre von der Mutter betreut werden.

Das erste Mal beschrieben wurde der Andenbär vom Schweizer Naturforscher Johann J. von Tschudi, der 1838 und 1857 die Andenstaaten bereiste und längere Zeit in Peru lebte. Bereits 1947 gelang dem Zoo in Buenos Aires eine erfolgreiche Erstzucht. Die beiden Jungtiere wurden an den Zoo in Basel gegeben. Laut dem internationalen Zuchtbuch gab es Ende 2017 in Zoos und Tierparks 253 Tiere. Allerdings stammten auch das Wissen und die meisten Informationen über das Leben der Andenbären aus diesen Institutionen, während das Leben freilebender Tiere bis Ende der 1970er Jahre wenig erforscht war. Zählungen führten jedoch zur Erkenntnis, dass die Tiere in ihren Verbreitungsgebieten stark gefährdet waren und die Bestände rasant zurückgingen. Die Folge waren die Gründung von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen in den Andenstaaten, die sich den Schutz der Bärenpopulationen und den Erhalt der Biodiversität auf die Fahnen schrieben. Es wurden Schutzgebiete eingerichtet von denen es heute 58 gibt. Jagd und Handel wurden verboten. Seit 1987 gibt es das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP).

Leider blieb der Erfolg der beschlossenen Maßnahmen weitestgehend aus. Durch das Zusammentreffen von Mensch und Tier in den Randgebieten der Schutzzonen kommt es immer wieder zu Wilderei und Jagd auf Bären. Der Grund hierfür liegt in erster Linie in der wirtschaftlichen Not der lokalen Bevölkerung. Während Großgrundbesitzer die ertragreichen Flächen in Beschlag genommen haben (in Kolumbien ist es der illegale Drogenanbau), muss die Landbevölkerung auf die Randgebiete ausweichen, wo die Bären leben. Das bedeutet eine Fragmentierung des Lebensraums der Bären mit der Folge, dass die genetische Vielfalt der Tiere stark abgenommen hat.

Nach der Jahrtausendwende überarbeiteten die Naturschutzorganisationen in Südamerika in Zusammenarbeit mit WWF die Schutzmaßnahmen und gaben neue Empfehlungen für das weitere Vorgehen aus:

  • Die Schutzzonen sollten von Regierungsseite vergrößert und besser kontrolliert werden, um Wilderei zu verhindern,
  • es sollten Korridore zwischen den Nationalparks entstehen um den Bären zu ermöglichen dem Nahrungszyklus hinterherzuwandern,
  • Korridore sollten sicherstellen, dass mehr paarungsbereite Tiere zusammenfinden,
  • illegale Rodungen sollten verhindert werden, aber Vereinbarkeit der Bedürfnisse von Landbevölkerung und Andenbären soll ein Ziel sein,
  • Aufklärung der Bevölkerung über den Sinn und Zweck von Biodiversität, da die Region für viele Millionen Menschen wichtig ist als Wasser- und Co2 Speicher.
  • Es bestehen immer noch große Wissenslücken (z. B. über Populationsdynamik, Lebensraumnutzung, Fortpflanzung), diese müssen dringend geschlossen werden.

Einen wichtigen Schritt sah man darin, den Andenbär als sogenannte Schwerpunktart auszuwählen. Schwerpunkttierarten benötigen zum Überleben eine bestimmte Kombination von Lebensräumen, im Allgemeinen in sehr ausgedehnten Landschaften. Sie legen häufig weite Entfernungen zurück, sind gebietsempfindlich, gute Indikatoren für den Erhaltungszustand ihrer Lebensräume und haben spezielle Ernährungs- oder Fortpflanzungsbedürfnisse. Wenn ihr Überleben gesichert ist, wäre auf diese Weise auch das Überleben vieler anderer einheimischer Arten einer Region durch den Schutz großer und gut vernetzter Gebiete gesichert.

Auch Zoos und weitere Naturschutzgruppen haben den Andenbär als Flaggschiff und somit als Symbol für den Artenschutz in den Anden etabliert.

Für uns Besserwisser:
in Südamerika werden die Bären Oso Andino (Andenbär) oder Oso de Anteojos (Brillenbär) genannt. Und in der Quechua Sprache heißen sie Ucumari.

Die Brillenbären in Frankfurt, die Aufnahmen stammen aus den Jahren 2021 – 2023. Zum vergrößern bitte auf ein Bild klicken.

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