Socorrotaube / Paloma de Socorro

Es sind wunderschöne Tiere. Aber wie so oft mit einem traurigen Schicksal, das – man ahnt es schon – eng mit Menschen verknüpft ist.

Die Tauben sind mittelgroß, etwa 25 – 35 cm. Das Federkleid ist überwiegend rötlich bis zimtbraun, nur die Oberseite ist erdbraun. Der Schnabel ist an der Spitze dunkel. Insgesamt ist sie etwas größer als ihre nahen Verwandten, hat einen längeren Schnabel und längere Beine. Warum das so ist, dazu gleich mehr. Sie ernähren sich von Früchten, Samen und Beeren. Täuber und Täubin leben monogam, kümmern sich gemeinsam um die Brut. Meist werden 2 Eier vom späten Nachmittag bis zum Morgen vom Weibchen und den Rest des Tages vom Männchen bebrütet. Die Brutzeit beträgt 10-15 Tage, die Jungvögel bleiben 14-20 Tage im Nest bevor sie von den Eltern vertrieben werden. Ihr Lebensraum sind (waren) Wälder und steiniges Buschland auf einer Höhe von 500-600 max. 950m. Ihr Leben spielt sich überwiegend am Boden ab, dort wird auch gebrütet und dies ist der Grund für die körperlichen Anpassungen durch die Evolution.

Ihr Vorkommen war auf eine einzige Insel im Pazifik beschränkt. Socorro* – 700 km östlich von Mexiko und 400 km südlich der Baja California. Die Insel ist Teil eines kleinen Archipels mit dem Namen Revillagigedo. Sie ist 16,5 km lang an der breitesten Stelle misst sie etwa 15,5 km. Socorro erhebt sich 4000m vom Meeresgrund, ist vulkanischen Ursprungs und die Spitze ragt 1050m über den Meeresspiegel hinaus. Damit erklärt sich die Färbung der Tauben, die so auf dem dunklen Lavaboden von Raubvögeln schlecht auszumachen sind. Die Vögel werden als äußerst aggressiv ihren Artgenossen gegenüber beschrieben. Täuber vertreiben sogar fremde Weibchen mit Nachdruck. Diese Abgrenzung macht Sinn, wenn man endemisch (ausschließlich in einem Gebiet) lebt. Ihre nächste und engste Verwandte ist die Carolina- oder Trauertaube, die in Nord- und Mittelamerika weit verbreitet ist und keine Mühe hat Socorro zu erreichen.

*Socorro – spanisch für Unterstützung, Hilfe. Ursprüngliche Bedeutung: Verehrung der Muttergottes von der Immerwährenden Hilfe. Er bezieht sich auf eine der Aufgaben, die die Christen der Jungfrau Maria zuschreiben, denen zu helfen, die in Not sind, ihnen beizustehen.

Was wir über Socorrotauben heute wissen stammt überwiegend von privaten Züchtern und Zoos (außer, dass sie offensichtlich gut schmeckten). 1972 wurde das letzte Exemplar vor Ort gesichtet. Sie gelten ab da als in freier Natur ausgestorben.  Da meiner Meinung nach das Schicksal der Socorrotaube exemplarisch für den Umgang des Menschen mit Ökosystemen steht, beschäftige ich mich im Folgenden mit der Geschichte und dem Schicksal der Insel. Dann werfe ich einen Blick in die Zukunft und die Wiederansiedlung der Tiere in ihrer ursprünglichen Heimat. Zum Abschluss meines Beitrages noch einige Bemerkungen zu „invasiven Arten“.

Im Dezember 1533 entdeckte Hernando de Grijalva eine Insel, die auf keiner Karte verzeichnet war. Nachdem er angelandet war, nahm er das winzige Eiland im Namen seines spanischen Königs in Besitz und nannte sie „Santo Tomas“. Angeblich steuerte Sir Francis Drake die Insel 1579 an und hielt sich einige Zeit dort auf. Der spanische Kapitän und Abenteurer namens Martin Yanez de Armida betrat sie 1608 um dort Gold zu suchen. Da ihn seine Frau begleitete, gab er der Insel kurzerhand deren Vornamen „Socorro“. Bis sich 1793 der Seefahrer James Colnett daranmachte Karten anzufertigen und Proben von Flora und Fauna zu nehmen waren alle vier Inseln des Archipels entdeckt. Zu Ehren und aus Dankbarkeit benannte er das Archipel nach dem mexikanischen Grafen Revillagigedo. Viele Expeditionen folgten bis 1865 der Ornithologe und Maler Andrew Jackson Grayson mit seinem Sohn Ned die Insel besuchten. Angeblich entdeckte sein Sohn Ned auf seinen Streifzügen die Socorrotaube. Sein Vater zeichnete und beschrieb sie zum ersten Mal. Ihm und seinem Sohn zu Ehren erhielt die Taube 1871 den lateinischen Namen Zenaida graysoni (Zenaide Laetitia Julia Bonaparte, war die Ehefrau von Charles L. Bonaparte einem französischen Naturforscher).

Im gleichen Jahr erhielt eine Gruppe von Australiern und Kanadiern die Erlaubnis sich auf der Insel anzusiedeln sowie 100 Schafe und 25 Stück Vieh mitzunehmen. Die Rinder überlebten allerdings nicht lange.

Viele Expeditionen folgten in denen die Inseln des Archipels genau vermessen und Flora und Fauna intensiv studiert wurden. Aber erst nach 1905 lieferten die Expeditionen der Kalifornischen Akademie der Wissenschaften und die in den Jahren 1932 und 1939 organisierten Expeditionen der Allan-Hancock-Stiftung wirklich gute Ergebnisse. Trotz der Bedeutung des Archipels in politischer, wirtschaftlicher und biologischer Hinsicht war das Wissen über die Ökologie der Inseln bis dahin sehr überschaubar. Im Januar 1957 richtete die mexikanische Regierung zur Sicherung ihrer Souveränität außerhalb ihrer 200 Meilenzone einen Marinestützpunkt auf Socorro ein. Die Soldaten durften, um ihnen den Aufenthalt attraktiver zu machen, ihre Familien und Haustiere mitbringen. Das war dann das endgültige Aus für das ökologische Gleichgewicht.

Schafe, Schweine und Kaninchen sowie eingeführte Pflanzen haben die ursprüngliche Vegetation so drastisch verändert, dass Erosionsprozesse in den Böden beschleunigt wurden. Ein Übriges taten schwere Wetterereignisse, denn seit 1958 haben mehr als 77 Wirbelstürme und 8 tropische Stürme den Archipel heimgesucht. Die Socorrotaube hatte mit dem Auftauchen von Katzen plötzlich einen Fressfeind am Boden, mit dem sie nicht umgehen konnte. Die Evolution hatte Strategien entwickelt, um Gefahren aus der Luft zu begegnen. Auch die Soldaten freuten sich über Vögel die nicht wegflogen, wenn man in ihre Nähe kam und sich sogar neugierig ihren Jägern näherten. Leichte Beute für den Kochtopf. Leibwächter des damaligen Gouverneurs von Colima (mexikanischer Bundesstaat zu dem das Archipel gehört) haben laut Überlieferung 1972 die letzte Taube „zu Tode geprügelt“. (dokumentiert im Buch „Colima y las Islas de Revillagigedo“ von Manuel V. Murguía).

Bei all diesem Unglück gibt es allerdings auch Hoffnung. In den Jahren zwischen 1925 und 1957 wurden von verschiedenen Expeditionen Tiere nach USA gebracht, um sie dort zu züchten. Einige der Tiere gelangten auf Initiative des Anthropologen Edward Gifford nach England.

Ab 1987 wurde von Luis Baptista, einem Ornithologen, die Idee geboren, die Tiere in ihre Heimat zurückzubringen. Er und der mexikanische Biologe Juan E. Martinez wurden die treibenden Kräfte für das Wiederansiedlungsprojekt. Die Arbeit der beiden war die Grundlage und der Anstoß, dass die mexikanische Regierung das Revillagigedo-Archipel 1994 zum Biosphärenreservat erklärte. Weitere Untersuchungen von Baptista machten jedoch klar, dass die invasiven Tier- und Pflanzenarten von der Insel verschwinden mussten, wenn das Projekt erfolgreich sein sollte.

1987 kam ein erstes Taubenpaar in den Frankfurter Zoo, weitere Exemplare folgten 1990 und im gleichen Jahr schlüpfte die erste „Frankfurter“ Socorrotaube. Bis heute waren es über 40 Tiere, die in Frankfurt geschlüpft sind und die an andere europäische Zoos verteilt werden konnten. So war es auch kein Wunder, dass der Biologe und Kurator des Frankfurter Zoos Dr. Stefan Stadler zusammen mit dem Kölner Zoo ein Zuchtprogramm startete, das 1995 in das Europäische Programm für gefährdete Arten (EEP) übernommen wurde. In diesen Jahren koordinierte Luis Baptista die Zusammenarbeit zwischen Zoos und Forschern, die daran interessiert waren, die Tauben in ihrer Heimat wieder auszuwildern. Nach dem Tod von Baptista im Jahr 2000 wurde die Rückführungsprojekt von seiner Kollegin Dr. Helen Horbilt weiter fortgesetzt.

Die in Deutschland und USA lebenden Tauben mussten zunächst genetisch untersucht werden, da zu befürchten war, dass die Nachzuchten mit der ursprünglichen Form durch Kreuzung (z.B. mit der Carolinataube in USA) nichts mehr zu tun hatte. Es stellte sich heraus, dass die in Deutschland gezüchteten Tiere am engsten mit der ursprünglichen Form der Socorrotaube verwandt waren.

Mit Unterstützung des mexikanischen Marineministeriums wurde eine Aufzuchtstation auf Socorro errichtet, die im November 2004 fertiggestellt wurde. Da die Tiere nicht einfach in die Freiheit entlassen werden können, müssten zunächst alle invasiven Arten eliminiert werden. Die ursprüngliche Vegetation, die die Nahrungsgrundlage der Tauben ist, muss neu angepflanzt werden. Mit anderen Worten der natürliche Lebensraum muss wieder weitestgehend hergestellt werden – eine Herkulesaufgabe! Finanziell unterstützt wird das Auswilderungsprogramm auf Socorro nicht nur aus Europa, sondern auch vom “Mohamed bin Zayed Species Conservation Fund“**.

Durch die in den folgenden Jahren aufgetretene Vogelgrippe konnten jedoch keine europäischen Socorrotauben nach Mexiko überführt werden. Das geschah jedoch dann endlich 2013 über den Umweg USA. In der Zwischenzeit beteiligt sich der mexikanische Safaripark „Africam Safari“ in Puebla, der die Tauben zunächst aufnimmt und z.B. eng mit dem Frankfurter Zoo kooperiert. Bis 2018 waren es 30 Tauben, die nun in Puebla auf ihre Auswilderung warten.

Im Oktober 2017 erklärte der mexikanische Präsident den Archipel zum Nationalpark und das Projekt Socorrotaube wurde in das „Aktionsprogramm für Artenschutz in Mexiko“ aufgenommen. Eine weise, wenn auch sehr späte Entscheidung.

**Muhammad bin Zayid bin Sultan Al Nahyan ist Herrscher von Abu Dhabi und seit 2022 Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate.

Und nun zum Schluss noch einige Zeilen und Erklärungen zu Begriffen wie „invasive Arten“, „Neobiota“, „gebietsfremde und indigene Arten“ am Beispiel Deutschland.

  • Indigene Arten – oder einheimische Arten haben sich aus eigener Kraft in einem Gebiet angesiedelt oder sind hier entstanden. Es gelten alle Arten als indigen, die sich seit der letzten Eiszeit hier etabliert haben.
  • Gebietsfremde – hierzu zählen Arten die bereits vor 1492 durch menschliches Zutun hier eingebracht wurden. Viele dieser Gebietsfremden haben sich jedoch ohne den Einfluss des Menschen etabliert.
  • Neobiota – ähnlich den gebietsfremden sind aber nach der Entdeckung Amerikas 1492 zu uns gekommen. Üblicherweise war die Ansiedlung Absicht z.B. bei Zier- oder Nutzpflanzen oder den Waschbären, der als Jagdwild angesiedelt wurde.  
  • Invasive Arten – sind Tiere oder Pflanzen die sich in einem Lebensraum außerhalb ihres ursprünglichen ansiedeln. Sogenannte Ausbreitungsbarrieren werden durch menschliche Hilfe überwunden (Transportmittel). Invasiv sind Arten dann, wenn sie unerwünschte Auswirkungen auf indigene Arten oder Biotope haben, die Artenvielfalt gefährden oder negative wirtschaftliche Auswirkungen haben. In Deutschland zählt man etwa 168 invasive Arten.

Im Fall der zerstörten Artenvielfalt und Lebensräume auf Socorro habe ich geschrieben, dass die invasiven Arten – Pflanze oder Tier – eliminiert werden müssen. Das schreibt sich natürlich einfacher, als es dann vor Ort umzusetzen ist. Schafe kann man von der Insel wegbringen, Pflanzen roden und heimische Arten neu anpflanzen. Aber beim Thema Katzen oder Kaninchen wird es schwierig, aus nachvollziehbaren Gründen. Aber sollen die immensen Summen die bisher investiert wurden und all die Arbeit die in die Wiederansiedlung gesteckt wurden wirklich umsonst gewesen sein?

für uns Besserwisser

Geschlechtsdimorphismus: bezeichnet die Unterschiede von weiblichen und männlichen Lebewesen. Im Gegensatz zu vielen anderen Vögeln sind  sich Täuber und Täubin der Socorrotaube sehr ähnlich.

Bedrohung von Vögeln durch Katzen: „Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass in den USA jedes Jahr zwischen 1,4 und 3,7 Milliarden Vögel von Hauskatzen getötet werden. Für Deutschland gibt es grobe Schätzungen, die von 200 Millionen getöteten Vögeln pro Jahr ausgehen.“ Zitat Nabu